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Venedig-Tagebuch: Starke Wodkas, schwache Filme

Während sich die Partys bis in die frühen Morgenstunden ziehen, bietet das Filmprogramm wenig Spannendes. Selbst David Lynch zitiert nur mehr sich selbst.

Von Matthias Schmidt

Heute mal ein kleiner Beitrag zum Thema Venedig für Fortgeschrittene. Wer bereits drei, vier Mal auf dem Festival war, richtet seinen Lido-Blick meist nicht mehr auf das touristisch Offensichtliche. Die eleganten Luxushotels mit ihren astronomischen Zimmerpreisen. Die schicken Strandnixen in ihren Holzhäuschen mit Meerblick. Die riesige Campari-Werbung (leider weg), die verzwickten Buslinien (leider noch da) oder die miserable Gastronomie rund um das Casino und den Kino-Palast (ja, auch Italiener können matschige Nudeln zubereiten).

Nein, man kümmert sich eher um die profanen Strategien der Alltagsbewältigung. In dem Säulengang neben dem Festivalpalast kostet das stille Wasser 50 Cent weniger als anderswo. In der Rotunde gleich beim Strand wird ein ordentlicher Mittagstisch serviert. Und wer sich an dem Stand neben der exklusiven Excelsior-Terrasse in eine Liste einträgt, bekommt Freigetränke, warum auch immer.

Zudem hat man eine gewisse Ahnung, welche Filme aus welchen Ländern man grundsätzlich mit Vorsicht genießen sollte. Italienische Wettbewerbsbeiträge: im Prinzip schwierig, auch wenn man das den überschwänglichen Gastgebern besser nicht genauer erläutert. Filme aus Afrika oder dem Nahen Osten: Politisch wichtig und oft botschaftsschwanger, aber meist nur in einem Festival-Kontext befriedigend.

Wodka ohne Eis

Und man weiß aus Erfahrung, dass es keine so gute Idee ist, gegen halb eins nachts erst noch eine Party auf der Terrazza Martini zu besuchen, bei der es schwer fällt, eine gewisse alkoholische Ausgewogenheit einzuhalten. Orangensaft? Leider aus. Wasser? Auch gerade leer. Dann gib mir wenigstens ein paar Eiswürfel in diesen Hammer-Wodka. Alle weg. Na Prost. Danach bis vier Uhr in der berüchtigen Bar Mateli in der Lido-Hauptgeschäftsstraße abzusacken. Und sich dann nach drei Stunden Halbschlaf um 8.30 Uhr morgens in einen dreistündigen Film zu schleppen. Keine gute Idee, aber irgendwie kommt man bei Festivals um diese körperlichen Grenzerfahrungen am Ende doch nie herum.

Zumindest ist es der neue Film von David Lynch, der da den Tag einläutet: "Inland Empire". Über den der Meister des Unheimlichen vorab selbst in einem vielseitigen Presseheft nur munkelte: "Es ist die Geschichte eines Mysteriums innerhalb von Welten in Welten, das sich um eine Frau entfaltet, die verliebt und in Schwierigkeiten ist". Klingt extrem lynchesk und genau passend nach einer fast durchwachten Nacht. Der Film wirkt dann tatsächlich schnell, als wäre man noch in einer Art unerklärlichem Traumgespinst gefangen. Eine Schauspielerin (ein würdiges Comeback für Laura "Wild at Heart" Dern), soll für einen Regisseur (Jeremy Irons) die Rolle der Geliebten eines verheiraten Mannes (Justin Theroux) mimen. Doch schon am Anfang des Drehs läuft etwas grandios schief. Es gibt Mordankündigungen, eine seltsame Person, die von den Kulissen verschluckt wird und bald verschwimmen Inszenierung und Realität komplett.

Lynch zitiert sich selbst

Das alles wäre wie bei "Lost Highway" oder "Mulholland Drive" einigermaßen faszinierend, aber Lynch verweigert sich diesmal noch konsequenter jeder rationalen Deutung. Haupt- und Nebenhandlungen bewegen sich spiralförmig auf ein blutiges Ende, das kein Ende sein will. Und der einziger Sinn, der sich einem erschließen könnte, ist leidlich banal: Schauspieler ähneln Prostituierten. Wir sind gefangen in einer künstlichen TV-Welt, die uns an unsere Zimmer fesselt. Oder so. Lynch zitiert sich fast nur noch selbst: subjektive Kamerafahrten in seltsam ausgeleuchtete Flure und Räume, basslastiger Soundtrack, irgendwo zwischen U-Boot-Tauchgang und schwerindustriellem Lärm, multiple Persönlichkeiten einer Frau, die sich in einer Scheinwelt verliert.

Selbst einer der seltsamsten, wiederkehrenden Szenen reizt kaum. Lynch setzt drei Schauspielern (einer davon hat zumindest die Stimme von Naomi Watts) große Hasenköpfe auf. Lässt zwei davon in einem halboffenen Raum auf dem Sofa sinnieren, während der dritte im Hintergrund - nun - bügelt. Und vom Band kommen, wie in miesen TV-Shows, Lachsalven des Publikums. Bizarr, fürwahr. Doch spätesten seit dem unheimlichen Hasen Frank in "Donnie Darko" oder dem gefräßigen Riesenkaninchen im letzten "Wallace & Gromit"-Abenteuer, wissen wir langsam, wie der Hase läuft. Originalität ist was anderes. Die passendste Beschreibung fand Laura Dern bei der anschließenden Pressekonferenz: "Ich wusste nicht, wen ich spiele und ich weiß es immer noch nicht."

Wenn Halbgötter schwafeln

Noch enttäuschender der Wettbewerbsbeitrag der französischen Kino-Avantgardisten Huillet und Straub: "Quei Loro Incontri". Da schwafeln minutenlang unansehnliche, schlecht gekleidete Paare, die wohl einer Art Halbgötterkaste angehören, über die Probleme der gewöhnlichen Sterblichen. Ihr Blutvergießen, ihre Fragilität und Unwissenheit. Dazu gibt es einige Naturaufnahmen mit sinnentleerten Kameraschwenks.

Ein würdiger Beitrag zum Genre des Scheißfilms also: prätentiös, gewollt langweilig und konstruiert. Was hier als intellektuell anspruchsvoll verkauft wird, ist nichts anderes als humanistisches Bildungs-Gepose, das selbst auf einer staatlich geförderten Theaterbühne nur ermüden würde. Wenn das Avantgarde sein soll, dann lieber Omas altes Erzählkino. Fast parallel lief übrigens auf dem TV-Sender Rai Uno die WM-Final-Revanche Frankreich gegen Italien. Da steckten schon in den ersten 30 Minuten mehr Dramatik, mehr Spielwitz und mehr starke Charaktere als in Huillet-Straubs sperrigem Dialogstück. Hätte man irgendwie ahnen können.

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