Venedig-Tagebuch Wenn Venedig nervt...


Es gibt Tage, da macht das Festival einfach keine Freude: Anstatt Venedig zu besichtigen, muss man in dunklen Kinosälen schlechte Filme sehen. Auch Wim Wenders stellte seinen Beitrag vor.
Von Matthias Schmidt

Es gibt Tage, da macht ein Filmfestival einfach nur gute Laune. Man eilt von einem interessanten Beitrag in den nächsten, unterhält sich in den Pausen über Geheimtipps und Preisfavoriten. Man sieht Stars und Sternchen aus der Ferne und der Nähe: Schau, da hinten versteckt sich Scarlett Johansson unter einer hässlichen Schiebermütze. Hey, da flaniert gerade Charlotte Rampling in ihr Hotel, Guck, da fuchtelt Quentin Tarantino bei einem Interview.

Man kann Filmjournalisten aus der ganzen Welt kennenlernen. Die penetrante Australierin, den schwulen Israeli, die feierfreudige Brasilianerin, die eifrige Schwedin und natürlich die redseligen Italiener, die selbst während der Vorstellung so lange ungeniert telefonieren, bis um sie herum empörte "Basta!"-Rufe erklingen. Und sollte doch noch ein wenig Zeit sein, kauft man sich einfach ein Eis, legt sich in die Sonne und tut so, als wäre man im Urlaub.

Mist - Made in Korea

Es gibt aber auch Tage, an denen man sich ernsthaft fragt, warum man sich so ein Festival eigentlich antut. Warum man nicht im wunderbaren Venedig stinknormale Sommerferien verbringt, anstatt reihenweise grottige Filme auf dem Lido zu konsumieren. Das Drama nahm seinen Anfang mit dem koreanischen Wettbewerbsbeitrag "Ha-ryu-in-saeng", einem kruden Gangsterstück aus dem Seoul der 50er Jahre, hölzern und unfreiwillig komisch inszeniert. Mehr als eine halbe Stunde war das beim besten Willen nicht zu ertragen, vor allem weil man wegen der immer noch um sich greifenden Verspätungen sowieso beinahe eine Stunde auf den Einlass warten musste.

Mist - Made in Germany

Danach zu Wim Wenders. Sein "Land of Plenty", der einzige Wettbewerbsbeitrag aus Deutschland, ist eigentlich ein US-Film. Gedreht in Amerika, in Englisch und mit amerikanischen Schauspielern. Wahrscheinlich mein bisher politischster Film, hatte Wenders im Vorfeld verkündet. Es geht um die junge Lana (Michelle Williams), die zehn Jahre in Afrika und Palästina gelebt hat, nach Los Angeles zurückkehrt und in einer Obdachlosen-Mission hilft. Bald kontaktiert sie ihren Onkel Paul (John Diehl), einen Vietnam-Veteranen, der in einem Überwachungsvehikel Marke Eigenbau Jagd auf mutmaßliche Terroristen macht. Zwei Weltsichten kollidieren. Um es kurz zu machen: Der Film stinkt. Wenders angestrengte Dramaturgie und die Figur der idealistischen und tiefreligiösen Lana nerven. Und als am Ende auch noch ein Besuch am "Ground Zero" ansteht, schämt man sich fast für einen Regisseur, den man früher so sehr schätzte. Dass das konstruierte Gutmenschen-Stück einen Preis bekommen könnte, steht dem lauen Applaus der Kollegen nach allerdings nicht zu befürchten. Besser so.

Selbst Regisseure müssen leiden

Ein neuer Anlauf, vielleicht doch noch wenigstens einen guten Film am Tag zu sehen. Man telefoniert mit ein paar Kollegen, die jedoch selber nur von Filmen erzählen können, die sie spätestens nach einer Stunde abgebrochen haben. Gut, das spart wenigstens Lebenszeit. Die Wahl fällt schließlich auf den Chinesen "Kuang Fang", sympathische 72 Minuten kurz. Der Regisseur und sein Team sind anwesend. Böse Überraschung: Die Untertitel sind nur italienisch. Schimpfend verlassen wir mit anderen Zuschauern den Saal.

Darunter auch Antonia Bird, die Regisseurin des Terroristendramas "The Hamburg Cell", der erstmals die Geschichte der Männer hinter den Anschlägen des 11. Septembers fürs Kino thematisiert. Bird sitzt in einer der zahlreichen Jurys und muss "Kuang Fang" unbedingt sehen. Aber ohne die Dialoge zu verstehen? Die Mädels vor dem Kino haben keinen Schimmer, wie man das Problem lösen könnte. Also eilt Bird frustriert zurück in den Saal, um wenigstens über die Bilder einen Eindruck zu bekommen. Wir gehen zurück ins Hotel, morgen gehen wir an den Strand.


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