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Unheimliche Bilder: "Die Stadt ohne Juden": Stummfilm von 1924 ahnte den Holocaust voraus

Der Film wurde viele Jahre vor dem Massenmord an den europäischen Juden gedreht. Wie kann es sein, dass "Die Stadt ohne Juden" Szenen von Vertreibung zeigt, wie sie sich später wirklich abspielen würden?

In Wien amüsieren sich Mitglieder der NSDAP über ältere Juden, die den Bürgersteig mit Bürsten schrubben müssen

Dies ist ein echtes, historisches Foto: In Wien amüsieren sich Mitglieder der NSDAP über ältere Juden, die den Bürgersteig mit Bürsten schrubben müssen

DPA

Eine Frau bewirft einen jüdischen Gemüsehändler mit Obst – weil seine Ware zu teuer ist. Menschen wandern in einem langen Treck aus einer Stadt, manche auf Krücken, einige tragen Torarollen unter dem Arm. Andere verlassen ihre Heimat mit dem Zug. Ein jüdischer Vater umarmt am Bahnhof ein letztes Mal seine kleine Tochter, die bei ihrer christlichen bleibt.

Wer Szenen aus "Die Stadt ohne Juden" sieht, könnte meinen, sie spielen die Geschichte der Vertreibung der europäischen Juden vor dem Massenmord nach. Doch der österreichische Stummfilm stammt von 1924. Damals saß Adolf Hitler nach einem Putschversuch in Landsberg eine Festungshaft ab, in waren die Nazis verboten. Und bis es die ersten Pogrome des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Europa gab, sollten noch Jahre vergehen.

Doch offenbar herrschte damals eine Stimmung, aus der man erahnen konnte, wohin der Hass auf Minderheiten führt. Der Stummfilm ist eine Adaption eines satirisch-utopischen Romans von Hugo Bettauer, eines jüdischen Schriftstellers und Journalisten aus Wien. Bettauer wurde, kaum ein Jahr, nachdem der Film in den österreichischen Kinos zu sehen war, von einem Nazi namens Otto Rothstock erschossen. Zuvor hatte es eine Hasskampagne gegen Bettauer gegeben.

Wien feierte den Film – den Rechten missfiel er

Der Film war ein großer Erfolg, was rechten Kreisen sehr missfiel. "Seine Privatadresse wurde in der Zeitung veröffentlicht, und es wurde öffentlich gesagt, dass solch ein Mensch kein Mitglied der Gesellschaft sein sollte", sagte Nikolaus Wostry vom Filmarchiv Austria der BBC. Den Prozess gegen Bettauers Mörder und dessen kurze Haft bezeichnete er als "grotesk".

Wostry und seinem Team ist es zu verdanken, dass der Film restauriert wurde und nun sogar in die Kinos kommt, er soll zunächst in Wien und dann in anderen österreichischen Städten und europäischen Metropolen gezeigt werden – hier die Termine in Wien. Die Filmexperten hatten großes Glück: Zwar wurde schon 1991 in den Niederlanden eine Version des Films wiederentdeckt. Doch die war unvollständig und stark beschädigt.

2015 dann stieß ein Sammler auf einem Flohmarkt in Paris auf eine vollständige Version in besserer Qualität. Das Filmarchiv Austria sammelte in einer Crowdfunding-Kampagne mehr als 80.000 Euro, der Film wurde restauriert und digitalisiert. Für Ende April sind mehrere Aufführungen in geplant. Der Film war damals unter der Regie von HK Breslauer gedreht worden war.

Hans Moser spielt in "Die Stadt ohne Juden" mit

"Die Stadt ohne Juden" zeigt, wie die jüdische Bevölkerung in ihrer Heimat als Sündenböcke für steigende Preise und wachsende Arbeitslosigkeit herhalten müssen. Aus der fiktiven Metropole, die an Wien erinnert, werden sie ausgewiesen. Bis zum ersten Weihnachtstag müssen sie ihre Heimat verlassen haben. Einer der Schauspieler des Films ist Hans Moser, ein Weltstar der damaligen Zeit und auch noch nach dem Krieg. Moser war mit einer Jüdin verheiratet und wehrte sich gegen die staatlich angeordnete Scheidung nach dem "Anschluss" durch das Nazi-Regime 1938. Der Schauspieler bat Hitler persönlich um eine Ausnahme – der Diktator galt als großer Fan Mosers. Mit Erfolg: Mosers Frau konnte nach Ungarn emigrieren. Die beiden wurden nach dem Krieg wieder vereint.

Auch in "Die Stadt ohne Juden" gibt es ein Happy End. Zwar wird die Vertreibung der unzähligen Menschen mit einem Feuerwerk gefeiert – doch die Freude währt nur kurz. Denn schnell verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage, der internationale Handel kommt zum Erliegen. Nicht einmal die beliebten Cafés gibt es mehr – nur noch trostlose Bierhallen.

Im Film gibt es ein Happy End. In der Realität folgte der Massenmord

Reumütig bittet das Regierungsoberhaupt der Stadt die Juden schließlich zurückzukehren. Es gibt fröhliche Wiedersehens-Szenen.

Dass die Nazis sechs Millionen Juden ermorden würden, das konnten sich damals wohl auch die klügsten Kulturschaffenden in ihrer düstersten Fantasie nicht ausmalen.


anb