ZEICHENTRICK Kleiner Eisbär ganz groß


Am Nordpol und in Kinderzimmern ist er weltberühmt, jetzt kommt der tapsige Petz ins Kino - und wagt die Konkurrenz mit den übermächtigen Tricksern von Disney.

Kinder sind nicht so. Stehen nicht in Grüppchen zusammen und klagen, dass der Film »sich doch leider sehr weit von der Buchvorlage entfernt hat«. Oder dass die Synchronstimmen von Ingolf Lück und Anke Engelke als Eisbäreltern »ein Trauerspiel sind. Kaum wiederzuerkennen. Und - findet ihr nicht auch . . .« Pause, Blick in die Runde, und, leicht resigniert: ». . . austauschbar?« Dann etwas lebhafter: »Harry Rowohlt dagegen! Mein Gott! Ein Riese! Wenn ein Nilpferd schon eine menschliche Stimme haben soll, dann seine.«

Kinder sagen auch nicht: »Die Geschichte, na ja - waren da nicht zu viele Handlungsstränge? Sorgte das nicht für etwas anstrengend Episodenhaftes und ?«- Achtung: ». . . eine dramaturgische Unruhe?« Kindern ist auch egal, dass die Filmemacher jede Menge Figuren in die Geschichte geschrieben haben, die in den Büchern nie aufgetaucht sind. All das stimmt zwar, aber: Kinder sind nicht so.

Wer wissen will, wie die Zielgruppe diesen Film sieht, der drehe sich während der Vorführung um und blicke in die Gesichter von Jonas, Lisa, Lukas, Paula und Kevin oder wie die Namen der Drei- bis Neunjährigen gerade lauten mögen. Verzaubert sitzen sie in den viel zu großen Kinosesseln, den Blick gebannt auf die Leinwand gerichtet, und - je nach Lage - mit einem verzückten Lächeln, wenn der kleine Eisbär etwas Lustiges anstellt, und mit Panik im Blick, wenn er auf einer Eisscholle gen Süden abdriftet, immer weiter weg von Mama und Papa.

»Der kleine Eisbär« schafft mühelos und ohne Gewaltszenen das, was man von Kinderkino erwarten darf: Die kleinen Zuschauer sind bewegt und gefesselt, sie leiden mit. Und wenn den erwachsenen Begleitern was nicht passen sollte, sollen sie still sein, Popcorn und Cola kaufen und die Kleinen auf den Schoß nehmen, wenn es spannend wird.

Der Film erzählt die Erlebnisse des Eisbärjungen Lars, der nicht akzeptieren will, dass die Welt Regeln hat; den es in die Südsee verschlägt (die einzige Geschichte, die aus den Büchern übernommen wurde) und der am Ende zum Helden des Nordpols wird. Natürlich soll »Der kleine Eisbär« auch Mama, Papa, Oma und Opa gefallen. Die Großmeister von Disney setzen bei ihren Zeichentrickfilmen deshalb seit jeher auf große Gefühle, große Augen, eine klare Unterscheidung von Gut und Böse. Die Tiere sind meist Superhelden, tragen Kleider, laufen auf zwei Beinen und verhalten sich wie Menschen.

»Das hätte ich auf keinen Fall gewollt«, sagt Hans de Beer, »meine Figuren sind keine Superhelden!« Diese Vorstellung regt ihn richtig auf. »Lars ist so geblieben, wie ich ihn mir vorstelle und in meinen Büchern gezeichnet habe.« In einem Amsterdamer Caf? sitzt er nun also vor einem, der Mann, der die jahrzehntelange Janosch-Alleinherrschaft und die MausBücher-Monotonie beendet und eine neue Figur für die Kinderzimmer geschaffen hat. Sitzt vor einem und lächelt freundlich, während vom Nachbartisch ein Marihuana-Wölkchen herüberweht.

Zehn Millionen Mal haben sich die Eisbär-Abenteuer des 44-jährigen niederländischen Illustrators weltweit verkauft. Und die Kinder haben wieder einen Helden ganz für sich allein - nicht einen, den sie sich mit Grüntee trinkenden Tigerentenposterstudentinnen aus Tübingen teilen müssen.

Lars hat seinem Schöpfer zu einem komfortablen Leben verholfen. Im Dreimonatswechsel lebt de Beer gemeinsam mit seiner italienischen Frau in Amsterdam und in der Nähe von Florenz. Das ist aber schon das einzig Außergewöhnliche an dem freundlichen Mann. Abgesehen von einer stark ausgeprägten Schwäche für seine Deutsche Dogge, die seinen alten Saab in einen müffelnden Hundetransporter voller Hundehaare verwandelt hat.

Vor den Kinostimmen seiner Figuren habe er am meisten Angst gehabt, sagt er, »really afraid« sei er da gewesen. Denn darauf habe er schließlich keinen Einfluss gehabt. Bei den zweijährigen Arbeiten an dem Film jedoch hat er immer wieder darauf geachtet, dass sein Lars nicht zu stark verändert wird, hat immer wieder Korrekturen vorgenommen, bis er einverstanden war. Er hat sich aber davonüberzeugen lassen, dass einige depressive Lemminge und singende Pinguine dem Film gut täten.

Noch vor wenigen Jahren hätte wohl niemand in Deutschland für so einen Film eine einzige Mark riskiert. Zum einen rechnete man sich gegen die Filme aus dem Hause Disney kaum Chancen aus. »Der König der Löwen« etwa war 1994/1995 mit mehr als elf Millionen Zuschauern einer der erfolgreichsten Filme überhaupt. Zum anderen laufen reine Kinderfilme nur in den Nachmittagsvorstellungen am Wochenende gut. Doch spätestens die sagenhaften Erfolge von »Käpt?n Blaubär« (rund 1,3 Millionen Zuschauer), »Pettersson und Findus« (knapp 1,1 Millionen) und »Der kleine Vampir« (mehr als 850.000) haben den Geldgebern Mut gemacht.

Man kann kaum daran zweifeln, dass der Eisbär für seine Produzenten - die deutsche Tochter von Warner und ein Berliner Zeichentrickstudio - sein 20-Millionen-Mark-Budget wieder einspielt. Der kleine Lars aus dem kalten Norden ist eine gut eingeführte Marke, und Kinder lieben ihn auch als Fernsehfigur aus der »Sendung mit der Maus«. Die Macher rechnen bereits mit zwei Millionen Zuschauern.

Hans de Beer ist es egal, wie viele Kinokarten verkauft werden. Der ganze Rummel ist ihm lästig, Pressetrara mit Blitzlicht mag er nicht. Lieber läuft er unerkannt durch die Straßen. Ja, zur Premiere werde er schon nach Hamburg kommen, sagt er. Man ahnt, wie er dastehen wird zwischen all den prominenten Proseccotrinkern, die den Film bestimmt »wahnsinnig süüüß« finden: wie auf einer Eisscholle, die jeden Moment wegdriften kann. Vielleicht bis zum Nordpol.

Oliver Link


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