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Zum Filmstart von "Feuchtgebiete": Pipi im Kacka-Land

Der Bestseller "Feuchtgebiete" ist verfilmt worden. Wer "die Stellen" in Buch und Film nicht sensationell, fortschrittlich und feministisch findet, sondern eklig, ist ein Spießer. Ich bin einer.

Von Gerda-Marie Schönfeld

Ich gebe zu, die "Feuchtgebiete"-Szene in der Pizzeria hat mir den Rest gegeben. Da wichsen ein paar Pizza-Boten zu Puccini-Klängen um die Wette auf eine Pizza. Zwei davon sind richtig echte Pornostars. Deshalb spritzt richtig echtes Sperma - kleine Hommage des Regisseurs David Wnendt an seine Erfolgsautorin Charlotte Roche.

Die Hauptdarstellerin Carla Juri, auf der Berlinale 2013 als Shootingstar gefeiert, gibt in einem Hotel am Berliner Gendarmenmarkt Interviews. Sie ist hübsch, mädchenhaft, kurze braune Wuschelhaare, dunkle Augen, schwarzes ärmelloses Top, rasierte Achseln, schwarze Hose. Sie ist nervös und schüchtern, aber vielleicht ist sie auch nur auf deutsch nervös und schüchtern, weil die Muttersprache der Schweizerin Italienisch ist. Auf die Frage nach ihrem Alter zieht sie einen kleinen Flunsch und gibt keine Auskunft. Das ist ein bisschen komisch, weil sie eine 18-jährige Schülerin spielt, aber nicht sagen will, dass sie 28 ist.

Auch die Fragen nach "den Stellen" im Film sind ihr peinlich. Während Charlotte Roche noch fröhlich tönte, ihr Roman solle "einfach nur eine Wichsvorlage sein", weist Carla Juri ernst darauf hin, man möge doch ins verlorene Herz dieses Scheidungskindes Helen sehen, dann erspüre man die Einsamkeit und die emotionale Verlassenheit, ja, die Ur-Angst des Menschen überhaupt. Das ist auch wieder komisch, wenn man gerade im Film gesehen hat, wie Helen ein versifftes Klo betritt, sich auf die vollgepisste spermabetropfte Klobrille setzt, mit ihrer nackten Muschi den unverhofften Schatz wegfeudelt und dann noch eine lebendige Ratte aus der Tiefe der Scheiße fischt.

"Faulig-fischig riechender Ausfluss"

"Wenn man Schwänze, Sperma und andere Körperflüssigkeiten ekelhaft findet, kann man es mit dem Sex auch direkt bleiben lassen", sagt Helen. Das hört sich verdammt erwachsen an. Tatsächlich aber benimmt sich Helen, im Buch wie im Film, wie ein Baby, das mit Wonne ins Töpfchen patscht und Pipi und Kacka nicht hergeben will, und Mama und Papa auch nicht. Die werden bei neuen Partnern streng beäugt. Dabei hat die 18-Jährige eine Koitusfrequenz, mit Männern und mit Frauen, die die ihrer geschiedenen Eltern weit übersteigt. Aber egal, Kinder dürfen sowas.

"Feuchtgebiete" sei eine Attacke auf den hysterisch-kapitalistischen Ami-Hygiene-Fimmel der Deutschen inklusive Heidi Klum, hieß es vor fünf Jahren in den Feuilletons. So sagt das Carla Juri heute auch. Das ist natürlich Unsinn. Die Deutschen sind Ferkel. Fast die Häfte aller Männer wechselt nur einmal die Woche die Unterhose. Manche wenden sie sogar für eine weitere Woche. Zwei Drittel wäscht sich nach dem Stuhlgang nicht die Hände. 40 Prozent aller Frauen haben schon unter Scheiden-Infektionen gelitten. Das juckt und nässt und produziert einen faulig-fischig riechenden Ausfluss.

"Eine richtige Frau muss aus der Hose riechen", sagt Helen im Film, als sie an der Frittenbude steht und einen schelmischen Blick auf den Jungen neben ihr wirft. Aber wenn dann der Junge von der Frittenbude erst an seinem Fischbrötchen schnuppert und sich dann zwischen ihren Beinen wiederfindet, dann lutscht er nicht unverfälschte Natur, sondern die bakterielle Mikrobe Gardnerella Vaginalis, die normalerweise nicht mit Oralsex, sondern mit Antibiotika bekämpft wird.

Toiletten reparieren

Charlotte Roche hat ihr Dreckspatz Helen reich gemacht. 2,5 Millionen verkaufte Bücher über einen Teenie mit Hämorrhoiden, Analfissuren, Inkontinenz, Sex im Puff, Einsamkeit im Kinderzimmer und die Angst vor dem Verlassenwerden. So reich, dass sie das Geld vor Schreck vor sich versteckt hat, und zwar in Kölner Immobilien. Sie trägt ein Folklore-Kleid beim Interview in Berlin und sagt, sie vermiete selbst, und sie liebe es, die Toiletten ihrer Mieter zu reparieren. "Ein Anruf, und schon bin ich da." Das Buch habe ihr Leben total verändert. "Einen solchen Erfolg werde ich nie wieder toppen können. Ich muss nie wieder arbeiten. Das ist ein Schock. Denn wenn man nicht arbeitet, dann geht es einem schlecht. Jetzt sitze ich manchmal am Schreibtisch und denke: Wofür das alles? Du musst doch gar nicht."

Von der Verfilmung ist sie entzückt, von der Hauptdarstellerin auch. Wer das Buch mochte, wird alles im Film wiederfinden: die Ekel-Stellen, Mama, Papa und das glückliche Ende. Die Schauspieler - Meret Becker, Axel Milberg, Edgar Selge, Christoph Letkowski - sind alle gut. Besonders gut ist Carla Juri, so frisch und versaut, dass sie alle alten Männer mit ihren geschundenen Hinterteilen versöhnt. Versöhnt sind übrigens auch die Engländer mit uns. Als das Buch dort erschien, schrieb der britische "Guardian": "Wir sollten uns nicht mehr über Deutsche aufregen, die Sonnenliegen mit Handtüchern besetzen. Vielmehr sollten wir froh darüber sein, dass sie überhaupt Handtücher benutzen."