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Filmfest Venedig: Japanischer Beitrag schockt die Zuschauer

Leichenberge und Kannibalismus - selten wurden die Schrecken eines Krieges drastischer dargestellt als in dem japanischen Beitrag von Shinya Tsukamoto beim Filmfest Venedig.

Ein äußerst drastischer Kriegsfilm hat die Zuschauer beim Filmfest Venedig verstört. In "Fires on the Plain" entwirft der Japaner Shinya Tsukamoto ein düsteres und bluttriefendes Inferno vom Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Einsatz auf den Philippinen endet für die japanischen Truppen im Desaster, die wenigen Überlebenden müssen sich zurückziehen. Völlig traumatisiert und ausgehungert ist jeder auf sich allein gestellt.

Tsukamotos Bilder hämmern sich regelrecht in das Gedächtnis der Zuschauer: Die Farben sind grell, die Tonspur überzeichnet, teilweise überträgt sich das Wummern der Lautsprecher bis in die letzte Reihe des Kinosaals. Die Hauptfigur, der Soldat Tamura (dargestellt von Tsukamoto selbst), taumelt durch den Dschungel, getrieben von Hunger und Angst. Verwesende Menschen, Leichenberge und Massaker überall. In ihrer Not essen die Soldaten irgendwann Menschenfleisch.

Zweiter Wettbewerbsfilm als Kontrastprogramm

Sicher kann man sich fragen, ob eine solche grelle Darstellung richtig oder gar zu viel ist. Und doch entwickelt der Film gerade dadurch eine ungeheure Wucht und Intensität. Die Zuschauer erleben den Krieg und das damit einhergehende Chaos und Elend quasi aus der Sicht der Beteiligten - selbst die verstörendsten Bilder von zerfetzten Körpern scheinen nicht unrealistisch, sondern vielmehr die subjektive Wahrnehmung des Schreckens zu sein.

In starkem Kontrast dazu stand der zweite Wettbewerbsfilm am Dienstag. Die deutsche Koproduktion "A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence" arbeitet ausschließlich mit starren Kameraeinstellungen und gemäldeartig durchkomponierten Bildern. Der Schwede Roy Andersson folgt dabei episodisch unterschiedlichsten Charakteren. Lose miteinander verbunden erzählen die eher stillen und meist melancholischen Geschichten so von Leidenschaft, Trauer und Verlust.

Am Dienstag stand auch die Verleihung des Goldenen Ehrenlöwen an Martin Scorseses Cutterin, die Oscar-Preisträgerin Thelma Schoonmaker, auf dem Programm. Das Filmfestival ehrte damit das Lebenswerk der 74-jährigen US-Amerikanerin. Schoonmaker arbeitet seit Jahrzehnten vor allem mit dem Regisseur Scorsese zusammen und war zum Beispiel bei dessen Klassiker "Wie ein wilder Stier" und seinem Mafiadrama "Good Fellas" für den Schnitt verantwortlich. Sie gewann zahlreiche Auszeichnungen, darunter drei Oscars.

kup/DPA / DPA