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Interview

Er gab Harry Potter (s)eine Stimme : Rufus Beck erklärt: Warum Dobby nerven muss und Harry keine besondere Stimme braucht

Zum 20-jährigen Jubiläum der deutschen Erstauflage der "Harry Potter"-Reihe geht Hörbuchsprecher Rufus Beck auf Lesetour. Mit dem stern sprach er über Joanne K. Rowling, "Nerven-Kaspar" Dobby und seine Parallelen zum berühmtesten Zauberlehrling der Welt. 

Harry Potter Rufus Beck

Zum 20-jährigen Jubiläum veröffentlicht der Verlag Carlsen die Harry-Potter-Bücher mit neuem Coverdesign - Rufus Beck geht in diesem Zuge auf Lesetour. 

Picture Alliance / DPA

Herr Beck, für viele Menschen sind Sie die Stimme ihrer Kindheit und Jugend. Was ist das für ein Gefühl?

Es passiert mir oft, dass 30-Jährige auf mich zukommen und mir erzählen, dass sie mit den Hörbüchern aufgewachsen sind. Das ist immer sehr berührend. Ich bin manchmal sehr verlegen, weil ich gar nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Es ist wahnsinnig schön und ich empfinde das als ein großes Geschenk.

Hatten Sie damals gleich im Kopf, wie Harry Potter klingen sollte?

Die Hauptfigur muss nie besonders charakterisiert werden. Im Theater sagt man, den König spielen die anderen. Der Held wird zum Helden, weil er eine Mission hat. Und auch dadurch, wie er von den anderen gesehen wird. Wichtig ist, dass die sogenannten Nebenfiguren, die Begleitfiguren, kontrastreich sind. Denn nur so kann sich der Held abheben. Deshalb war mein Augenmerk auf Figuren wie den Weasleys, den Dursleys, Hagrid, Dumbledore, Snape, Gilderoy Lockhart und wie sie alle heißen. Die brauchten besondere Farben, besondere Charakterisierungen.

Bei welchen Figuren fiel Ihnen diese Charakterisierung schwerer?

Ich kann mich eigentlich an keine Schwierigkeiten erinnern. Für mich ist Harry Potter wie ein großes Familien-Fotoalbum. Ich blättere darin, sehe Figuren und zu diesen Figuren fallen mir Stimmungen ein, Stimmen und Sounds. Ich habe die Figuren teilweise mit realen Personen besetzt. Man weiß ja vielleicht noch, wie der meist gehasste Lehrer geklungen hat, wie er beim Sprechen geknödelt hat. Man hat ein akustisches Bild im Kopf. Und das habe ich versucht, abzubilden.

Es gab auch Stimmen, die genervt haben. Stichwort: Dobby.

Absolut. Das war gewollt.

Wieso musste Dobby nerven?

Dobby ist eine Figur, die wahnsinniges Selbstmitleid hat. Und eine gewisse Art von Masochismus. Und Harry ist hin- und hergerissen zwischen Empathie und Genervtsein. Und genau dieses Gefühl wollte ich beim Zuhörer auch erzeugen. Als mir diese Stimme in den Kopf kam, dachte ich mir: Es muss so sein, dass man, wenn man im Auto sitzt und das Hörbuch hört, sofort leiser schalten muss, wenn Dobby anfängt, zu sprechen. Und wenn die anderen Figuren wieder dran sind, muss man wieder lauter machen. Man kann also nicht einfach zuhören, sondern ist andauernd in Aktion. Der Typ nervt. Aber gleichzeitig ist das faszinierend, weil man denkt: "Wie kann man so ein Nerven-Kaspar sein?" Auf gut Deutsch: "Wie kann der einem so auf den Sack gehen?" 

Harry Potter

Die Harry-Potter-Hörbücher - gelesen von Rufus Beck - gibt es bei Audible zum Download

DPA

Wie kam die Stimme von Dobby zustande?

Die habe ich damals aus dem Bauch heraus geschaffen. Aber da wusste ich noch nicht, dass im vierten Band auf einmal Winky erscheinen wird. Und eine Frau hat naturgemäß eine noch höhere Stimme als ein Mann. Winky war auch noch dauerbetrunken. Also musste die Stimme noch höher sein. Wir haben im Studio sehr viel gelacht dabei. Mein Tontechniker wusste nie, was passieren würde. Der saß da wie das Kaninchen vor der Schlange. Teilweise habe ich mir die Stimmen erst im Studio ausgedacht.

Ist es schwer, im Tonstudio von einer Figur wie Hagrid auf eine Figur wie Dobby zu wechseln?

Für mich ist das nicht schwer. Das ist meine Begabung. Das hat mir der liebe Gott gegeben. Ich kann sehr viel mit meiner Stimme machen, was ich selbst erst sehr spät – mit Mitte, Ende 30, entdeckt habe.

Was macht ein gutes Hörbuch aus?

Es geht um die Interpretation, darum, die Geschichte aus einer Perspektive zu hören. Die Stimme ist die Kamera, mit der man die Zuhörer entführt. Bei einem schlechten Interpreten weiß der Zuhörer nach wenigen Minuten nicht mehr, was er gerade gehört hat. Bei einem mittelmäßigen ist er hingegen oft abgelenkt. Bei einem guten Interpreten bleibt er dabei. Da hört er im Auto zu und vergisst womöglich, in den nächsten Gang zu schalten, weil es gerade so spannend ist.

Welche Figur ist Ihre Lieblingsfigur?

Die Hauptfiguren, der Hauptkern, würde ich sagen. Die Dursleys, Harry, Hermine, Ron. Und dann noch Snape, Dumbledore, Hagrid. Eigentlich sind es die Figuren, die im ersten Band aufgetreten sind. Die haben mir am meisten Spaß gemacht.

Was macht Harry Potter so besonders?

Joanne K. Rowling hat viele Regeln gebrochen. Normalerweise werden die Protagonisten in Internats-Literatur nicht älter, sondern bleiben über alle Bände gleich alt. Zum Beispiel bei Enid Blyton. Aber das hat Rowling nicht interessiert. Harry Potter fängt als Kinderklassiker an und wird am Ende zu einem Adoleszenz-Roman. Es geht ums Erwachsenwerden, darum, die Welt zu erobern. Das ist ungewöhnlich.

Und meine Interpretation war auch alles andere als normal. Aber die Figuren sind schräg, die sind kurios. Das sind besondere Gestalten. Mad Eye Moody hat ein Auge vorne und hinten. Wie spricht so jemand? Für solche Figuren ein akustisches Bild zu schaffen, hat mich wahnsinnig gereizt.

Die Themen in Harry Potter sind heute genauso aktuell wie damals. Harry Potter ist nicht unpolitisch, obwohl es vielleicht nicht unbedingt politisch sein wollte. Ist es diese Zeitlosigkeit, die die Geschichte ausmacht?

Gute Literatur ist immer zeitlos. Man kann heute immer noch Kleist lesen, obwohl das ein Autor des frühen 19. Jahrhunderts war. Je detaillierter, fantastischer und emotionaler man erzählt, desto aktueller bleibt die Geschichte. Das wird auch in 30 Jahren Bestand haben. Weil ein wichtiger, menschlicher Kern getroffen wurde, der die Leser fasziniert.

Sie haben Joanne K. Rowling kennengelernt. Welchen Eindruck hatten Sie von ihr?

Harry Potter ist ihr Lebenswerk und ein Jahrhundertwerk. Auch wenn es vermeintlich leichte Literatur ist. Sie wirkte sehr liebenswürdig, bescheiden, ruhig. Manchmal fast ein bisschen melancholisch. Ich habe viele Stunden mit ihr im Zug verbracht und wir haben uns über unsere Familien unterhalten. Sie hat mir erzählt, dass sie immer schon geschrieben hat. Es ist ihr großes Bedürfnis, Geschichten zu erzählen. Bei mir ist das ähnlich.

Seit dem Erscheinen des siebten und letzten Buches gibt es eine Debatte um das Ende. Die Kernfrage: Hätte Harry sterben müssen?

Ich nehme an, so wie Joanne K. Rowling das geschrieben hat, ist es richtig. Ich hätte mir kein anderes Ende wünschen können.

Haben Sie Ihren eigenen Kindern die Bücher vorgelesen?

Ich habe die Bücher genau zweimal gelesen. Einmal vor meinen Kindern und einmal im Studio. Meine Vorbereitung war das Vorlesen am Abend - und meine Kinder waren meine ersten Hörer. Die habe ich genauso ernst genommen, wie die Hörer auf den Lesungen. Die Zuhörer, egal ob sie Kinder sind oder 80 Jahre alt, müssen erobert werden.

Inwiefern konnten Sie sich mit Harry Potter identifizieren?

In meiner Kindheit gab es sehr viele Parallelen zu Harry Potter. Auch ich bin im Internat groß geworden. All das, was Harry emotional erlebte, habe ich auch durchlebt. Sich durchzusetzen, Freunde zu finden. Es gibt Feindschaften und Abenteuer. Und man lebt in zwei Welten: In der des Internats und in der zu Hause. So geht es auch Harry. Vielleicht ist es kein Zufall, dass mir diese Geschichte angeboten wurde und ich sie mir sehr frei und aus dem Herzen heraus angeeignet habe. Jede Interpretation ist eine persönliche Sicht auf ein Werk.

Zum 20-jährigen Jubiläum gehen Sie jetzt wieder auf Lesetour und treten in drei Städten auf. Freuen Sie sich, den Stoff noch mal vor Publikum vorzutragen?

Ich habe nach der Lesereise mit Joanne K. Rowling, die vor zirka 18 Jahren stattfand, ein Harry-Potter-Programm geschrieben. Sozusagen ein "Best of" aus den Büchern. Damit war ich sehr lange unterwegs, bis dann die Rechte anders vergeben wurden und ich in den vergangenen zehn Jahren keine Möglichkeit mehr hatte, die Bücher in der Öffentlichkeit zu interpretieren. Insofern freut es mich, dass es jetzt, zusammen mit dem Verlag Carlsen, Audible,  und Der Hörverlag die Chance gibt, diese Lesungen anzubieten. Das wird ein besonderes Ereignis.

Inwiefern sind Lesungen, zu denen so viele Kinder kommen, besonders?

Egal ob ich Lesungen mache, oder Theater spiele – das Erstaunliche ist, dass meistens alle Generationen vertreten sind. Mich hat es immer schon interessiert, etwas zu machen, wo die Eltern genauso wie die Kinder auf ihre Kosten kommen. Das ist Familienunterhaltung. Und das zieht sich durch meine ganze berufliche Laufbahn. In meine Soloprogramme und Lesungen kommen heute viele 30-Jährige, die mit meinen Hörbüchern aufgewachsen sind. Die waren zehn Jahre alt als der erste Harry Potter Band rauskam.

Worauf können sich die Zuschauer freuen?

Die Zuschauer werden auf jeden Fall mit einbezogen. Die Menschen, die kommen, kennen Harry Potter. Es geht also nicht um den Inhalt, sondern darum, wie er interpretiert und vorgetragen wird. Das Publikum zahlt und ich lege ihnen dafür mein Herz zu Füßen.

Mit einem speziellen Harry-Potter-Programm zum 20-jährigen Jubiläum der deutschen Ersterscheinung geht Rufus Beck am 31.08. (Hamburg), 01.09. (Berlin) und 02.09. (München) auf Lesetour. 

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