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Hörbuchtipp

Peter Prangel "Unsere wunderbaren Jahre": Sechs Freunde und das deutsche Wohlstandswunder

Interesse an deutscher Wirtschaftsgeschichte, doch keine Lust auf einen Geschichtswälzer? Dieses Hörbuch könnte helfen. Der Weg von der D-Mark zum Euro als Familienroman.

"Jetzt kommt das Wirtschaftswunder, deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder", sang Wolfgang Neuss 1958, zehn  Jahre nach der Einführung der D-Mark. 

"Jetzt kommt das Wirtschaftswunder, deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder", sang Wolfgang Neuss 1958, zehn  Jahre nach der Einführung der D-Mark. 

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Worum geht es?

Manche Schriftsteller verstecken sich als Nebenfiguren in ihren Büchern. Nicht so Erfolgsautor Peter Prange, der kifft sich erfrischend ungeniert unter echtem Namen durch seinen Roman "Unsere wunderbaren Jahre". Das Geld für sein Dope erwirtschaftet er mit dem "Verticken" geklauter Münzrohlinge aus dem Presswerk VDM seiner Heimatstadt Altena. Kein Witz. Nebenbei hilft er bei "Betten Prange" aus, dem Laden seiner Eltern. Auch wenn das Buch die Unterzeile "Ein deutsches Märchen" trägt, ist vieles sehr dicht dran an der Realität dieser Kleinstadt in der saarländischen Provinz. Prange macht Altena zur Bühne einer Reise durch die deutsch-deutsche Wirtschaftsgeschichte von der Einführung der D-Mark in den Westzonen 1948 bis zum Euro.

Im Juni 1948 stehen die drei Schwestern Ruth, Ulla und Gundel zusammen mit ihren Freunden Tommy, Bernd und Benno für der Sparkasse Altena. Es gibt das neue Geld, 40 D-Mark für jeden. Der langersehnte Startschuss in stabile Lebensverhältnisse nach drei Jahren Schwarzmarkt, Kohlenklau und Tauschgeschäften. Jeder der jungen Freunde investiert sein Kopfgeld für seine ganz persönliche Zukunftsplanung. Bernd will sich eine gebrauchte Betonmischmaschine kaufen und sich als selbstständiger Maurer eine Existenz aufbauen. Benno sieht sich in seinem schicken Anzug bereits als leitender Angestellter in der Firma seines Schwiegervaters in spe. Die drei Schwestern verfolgen ganz unterschiedliche Zukunftspläne.

 

Kurz reinhören

 An den vielschichtig verwobenen Schicksalen der Sechs zieht Peter Prange gut 50 Jahre gesamtdeutsche Geschichte auf. Die Teilung Deutschlands, der Kalte Krieg, die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen, das Wirtschaftswunder, die Gastarbeiter, die erste Krise, der Aufstieg der SED und der Planwirtschaft, der Fall der Mauer, der Treuhand bis zum Euro. Prange hat die historischen Entwicklungen eng gepackt und mit einem spannenden Plot aus Liebe, Feindschaft, Intrigen und Schicksalsschlägen ummantelt.

Wer hat’s geschrieben?

Peter Prange (64) ist spezialisiert auf historische Romane, in denen er Weltgeschichte auf den Alltag der Menschen herunterbricht. Zu seinen bekannten Büchern gehören "Das Bernstein-Amulett", das 2004 verfilmt wurde und "Eine Familien in Deutschland" in dem das Schicksal der Familie Ising von 1938 bis 1955 erzählt wird. In "Unsere wunderbaren Jahre" setzt Prange seiner Heimatstadt Altena ein kleines Denkmal. Hier habe es die Initialzündung zur Schriftstellerei erfahren, sagt er über sich selbst. Zehn Jahre lang half er seinen Eltern beim Ausliefern von Betten in Altena und habe dabei in den Schlafzimmern der Kunden bewegende Lebensgeschichten gehört. Dieses Rohmaterial habe er dann als Autor weiter gesponnen. Das Buch ist von der ARD verfilmt worden und soll dieses Jahr ausgestrahlt werden.

Wer liest?

Wer Bücher von Peter Prange als Hörbuch einspricht, steht vor einer ganz besonderen Herausforderung: Prange führt gern auf einen Schlag ein Dutzend Protagonisten ein. Jeder von ihnen verlangt nach einer eigenen Stimme, einer eigenen kleinen Färbung, damit der Hörer dem Geschehen überhaupt folgen kann. Leider gehört das nicht zu den Stärken von Helmut Zierl. Durch die Gleichförmigkeit seiner Stimme kann der Hörer vor allem Anfang schnell den Überblick über die Handelnden verlieren. Schon eine Szene am Mittagstisch im Hause der zentralen Familie Wolf verlangt nach fünf verschiedenen Stimmen, vier davon weiblich, was ohnehin schon für jeden männlichen Sprecher schwierig genug ist.

Für wen geeignet?

Für alle, die sich für deutsche Geschichte interessieren, aber kein Geschichtsbuch in die Hand nehmen wollen. Prange betont zwar, dass die Personen und ihr Handeln frei erfunden sind, doch die historischen Ereignisse stimmen. Gelegentlich wird ihm Geschichtsromantik vorgeworfen. Prange erzähle einfach die Zeitgeschichte nach und fülle die Lücken großzügig mit Fiktion. Das mag sein, dennoch erreicht gerade dieses Format Menschen, die sich sonst nicht für die Geschichte ihres Landes interessieren. Und erst im Rückblick wird klar, welche enorme Leistung Deutschland erbracht und wie sehr es sich dabei gewandelt hat – in den allermeisten Fällen zum Positiven.

  • Henry Lübberstedt