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"Erotik in der Karikatur": Geschlecht ist nicht so schlecht

Schrumpelige Schwänze, viel nackte Haut und wildes Gekeuche aus Sprechblasen: Das Karikaturmuseum im niederösterreichischen Krems zeigt, was Zeichner aus drei Jahrhunderten an obszönen und anzüglichen Schweinereien zu Papier gebracht haben.

Von Almut F. Kaspar

Krems an der Donau ist ein beschauliches Städtchen in Niederösterreich. Seitdem sich 2001 das Karikaturmuseum ins bunte Kulturangebot gemischt hat, gab es immer mal wieder Grund für die Kremser Anrainer, etwas pikiert zu sein. Doch jetzt sind sie richtig irritiert: Denn in der aktuellen Ausstellung des Museums werden Bilder gezeigt, zu denen nur Erwachsene ab 18 Jahren Zutritt haben - Schweinereien halt.

Unübersehbar ragt das vom österreichischen Architekten und politischen Karikaturisten Gustav Peichl ("Ironimus") gebaute Museum aus der romantischen Häuserlandschaft heraus: an der Fassade eine dicke rote Nase, zwei lustige Fenster-Augen und zuppelige Dachzinnen, die wie Haarbüschel ausschauen. Damit jeder sofort weiß: Hier darf gelacht werden, hier macht man sich lustig. Über wen oder was auch immer. Peichl hat mit dem eigenwilligen Museumsbau ein architektonisches Denkmal gesetzt - nicht nur für sich, sondern auch für seinen Freund Manfred Deix, den berühmten Cartoonisten, der bissig und mit spitzer Feder ein Österreich-Bild zeichnet, das nicht selten wehtut – wenn man Österreicher ist.

Es geht deftig zur Sache

Und dass Manfred Deix auch erotischen Darstellungen mit hintergründigen pornografischen Ansätzen nicht abgeneigt ist, weiß man spätestens jetzt. Denn seit dem 13. Juli gibt es in Krems die Ausstellung "Erotik in der Karikatur" zu sehen. Da geht es auch schon mal deftig zur Sache. Neugierig, vom musikalischen Klassiker "Je t’aime" angezogen, tauchen die Besucher in einen verführerischen dunkelroten Raum ein, der mit scharfen Zeichnungen von Deix ausgeschmückt ist. Wobei eine Stimme aus dem Off anstößige Einladungen ausspricht, als wäre man nicht in Krems, sondern auf dem Kiez von St. Pauli. Im Rotlicht fallen die roten Ohren der verschämten Voyeure dann auch gar nicht auf.

180 Karikaturen von rund 50 Künstlern aus drei Jahrhunderten laden zu einem erotischen Rundgang ein, der prickelnd und genussvoll unter die Haut geht. Es beginnt mit Zeichnungen des Briten William Hogarths aus dem Jahre 1730 über Arbeiten des 19. und 20. Jahrhunderts von James Gillray, Olaf Gulbranson oder Charles Philipon bis hin zu zeitgenössischen Arbeiten von stern-Karikaturist Gerhard Haderer, Gabi Kopp, Tomi Ungerer, Margit Krammer und, natürlich, Manfred Deix. Die allesamt einen lustvollen Blick in die seelischen Abgründe der Gesellschaft werfen. In der Karikatur ist fast alles möglich: Tabus werden rücksichtslos gebrochen, mit Klischees hingebungsvoll gespielt und mit politischer Macht schonungslos abgerechnet. Die Künstlerin Andrea Maria Dusl ist politische Karikaturistin und weiß um die Erotik als Stilmittel: "Mit keinem anderen Medium kann man Machtstrukturen so entlarven, weltmännische Posen so lächerlich machen."

Das zeigt auch Gerhard Haderer in seiner Zeichnung "Wende im Fall Lewinsky: Little Bill ausgeforscht" von 1997. Wie Angeklagte vor einem Tribunal stehen in Reih und Glied sieben nackte Männer, die, nur verdeckt durch eine Wand, ihre schrumpeligen kleinen Schwänze durch eine kreisrunde Öffnung drücken – eine dunkelhaarige Frau im Vordergrund drückt ihre Hände in ihre knackrunden Hüften und begutachtet mit schräg geneigtem Kopf die "Würstchen", während ein Ermittler, der nicht zufällig wie der Trenchcoat-Kommissar Columbo aussieht, auf ihre Aussage wartet.

Um der gesamten erotischen Bandbreite des Themas gerecht zu werden, haben die Kuratoren die Schau sinnvoller Weise in mehrere Blöcke eingeteilt. Den Anfang macht die erotisch-politische Karikatur, die im 18. Jahrhundert ihre Hoch-Zeit hatte. "Damals gab es die erste professionelle Verbreitung von Karikaturen im Bürgertum", sagt Museumsleiterin Jutta M. Pichler, "es gab Kioske, an denen man Karikaturen entleihen konnte, um sie am nächsten Tag wieder zurück zu bringen."

Die berühmten "Hurengespräche" des Berliner Zeichners Heinrich Zille sorgten bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts für große Aufregung - seine visuellen Ausflüge ins "Milieu" haben bis heute nichts von ihrer lasziven Wucht verloren. Und aktuelle Karikaturen wie die aus dem spanischen Satiremagazin "El Jueves“ demonstrieren grandios, wie mit erotischen Elementen auf gesellschaftliche Ungerechtigkeiten aufmerksam gemacht werden kann. Da wird das spanische Thronfolgerpaar beim Sex gezeigt, und aus einer Sprechblase keucht der zukünftige König: "Stell dir vor, du wirst schwanger - es wäre das erste Mal, dass ich in meinem Leben etwas getan hätte, das Arbeit ähnelt."

Fließender Übergang zu Obszönität und Pornografie

Ein weiterer Themenblock widmet sich eingehend dem gesellschaftlichen Umgang mit erotischen Themen. Satirisch aufbereitet wird der männliche und weibliche Blick auf die Grenzbereiche der Erotik, wo der Übergang zu Obszönität und Pornografie fließend ist. Zur Unterscheidung von Erotik und Pornografie hat die Museumsleiterin Pichler auch gleich eine Antwort parat: "Pornografie ist dazu da, die Triebe auf sehr direkte Art zu stimulieren, Erotik hingegen lebt von der Andeutung, von der Verhüllung und langsamen Enthüllung."

Die Ausstellung hat keinesfalls den Anspruch, chronologisch korrekt zu sein. Sie will vielmehr die Spannbreite erotischer Karikatur unverkrampft und selbstverständlich darstellen. Provokant nähern sich die Künstler dem Thema an, ist ihnen doch bewusst, dass erotische Fantasien in allen Variationen immer noch eines der großen gesellschaftlichen Tabus darstellt. Zum Beispiel Rudi Hurzlmeier mit seiner Zeichnung "Leda", in der es um Sex zwischen Mensch und Tier geht und die uns vor Lachen die Tränen in die Augen treibt. Welcher Mann lag nicht schon einmal mit einer schnatternden Ente im Bett?

Alle großen Meister der Karikatur sind in Krems versammelt - darunter künstlerische Legenden wie Honoré Daumier, George Grosz, Robert Gernhardt oder Jean-Jaques Sempé. Und alle eint, die Alten wie die Jungen, was der sinnenfrohe Elsässer Tomi Ungerer einmal in seiner unverwechselbaren Art auf den Punkt gebracht hat: "Geschlecht ist nicht so schlecht".

Die Ausstellung "Erotik in der Karikatur" ist bis zum 8. Februar 2009 im Karikaturmuseum Krems (Steiner Landstraße 3a, A-3500 Krems-Stein) zu sehen (täglich geöffnet von 10 bis 18 Uhr). Zutritt nur für Erwachsene.