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Interview

Gerhard Haderer über die Causa Böhmermann: "Es herrscht Krieg gegen Satiriker"

Die Causa Jan Böhmermann ist für den Karikaturisten Gerhard Haderer ein Déjà-vu-Moment. Vor elf Jahren wollte ihn Griechenland vor Gericht zerren. Er wundert sich über Böhmermanns Schweigen - und beobachtet eine beängstigende Entwicklung.  

Von Sophie Albers Ben Chamo

Gerhard Haderer und Jan Böhmermann

"Er kennt die Werkzeuge, mit denen jetzt zu spielen ist: Das sind in seinem Fall die Medien": der Karikaturist Gerhard Haderer über den Satiriker Jan Böhmermann

Gute zehn Jahre ist es her, dass der österreichische Karikaturist und stern-Zeichner Gerhard Haderer in seiner Heimat mit einer regelrechten Kampage belegt wurde, der dann auch noch ein Prozess in Griechenland folgte. Grund war das kleine Buch "Das Leben des Jesus", eine Satire über den Gottessohn der Christen und vor allem dessen Jünger. Nach einer Verurteilung in Abwesenheit zu sechs Monaten, wurde Haderer im Berufungsverfahren freigesprochen.

Haben Sie gerade ein Déjà-vu-Gefühl, Herr Haderer?
Das Déjà-vu Gefühl hat man immer wieder. Vor allem dann, wenn der Anlass, wie auch in meinem Fall damals, ein relativ kleiner ist, dann aber eine Dimension des Widerstandes kommt, die nurmehr absurd ist. Aber jetzt ist es etwas anders, denn es geht um die große Politik. Aber die Sache Böhmermann ist insofern das Gleiche, als es auch um eine bewusst gesetzte Provokation geht. Aber die Reaktionen rund herum sind das wirkliche Kabarett.


Hätten Sie einen Rat an Böhmermann? Ist es richtig, dass er komplett abgetaucht ist?
Das hat er zwar schon sarkastisch kommentiert, aber so ganz verstanden habe ich das nicht. Er kennt die Werkzeuge, mit denen jetzt zu spielen ist: Das sind in seinem Fall die Medien. Man kann auf so eine Geschichte nicht mit Abtauchen reagieren. Allerdings nehme ich schon an, dass er sich demnächst wieder mit einer entsprechenden Äußerung melden wird.
Macht der Fall Böhmermann Ihnen Sorgen?
Man darf im Augenblick nicht naiv sein. Es geht nicht um den Schutz des gesprochenen Wortes oder um die Freiheit der Kunst, das ist etwas ganz anderes: Im Augenblick erleben speziell wir Karikaturisten - nicht unbedingt die deutschsprachigen, aber wenn man nach Frankreich schaut - Umstände, die absurd sind. Es gibt Kollegen, die unter Personenschutz arbeiten. Hier wird ein Krieg geführt, an dessen Spitze ein Symbol steht, und das sind die Satiriker. Das ist wirklich etwas Neues. Und damit muss man sich sehr klar beschäftigen.

Wer genau führt den Krieg?
Er wird immer wieder von Fundamentalisten geführt, die sich religiös rechtfertigen möchten, was ich einfach ablehne. Denn es geht hier um Kriminalfälle, nichts anderes. Aber im Hintergrund laufen dann immer wieder diese seltsamen Begründungen: Es gebe Tabus. Es sei jetzt verboten, das eine oder andere Symbol, speziell im Religiösen, zu zeichnen. Ich sage dazu: Es ist auch verboten, Karikaturisten zu ermorden. Diese beiden Positionen stehen sich wohl gegenüber.

Aber sind solche Reaktionen nach der Diskussion über "Charlie Hebdo", wo ja eigentlich alle auf der Seite der Karikaturisten standen, nicht verblüffend?
Es war niemals so eindeutig. Selbstverständlich war der Aufschrei der liberaldenkenden, aufgeklärten Menschen ein umfassender, und das hat, glaube ich, die ganze Welt richtig gesehen. Aber es gab auch immer wieder Stimmen, die gesagt haben: "Wärt ihr nicht so frech gewesen, wäre das alles nicht passiert." Diese oberflächliche Sichtweise hat es immer gegeben. Und im Augenblick ist das die, die am deutlichsten zu hören ist. Man zieht jetzt seltsame Grenzen für Satiriker oder auch für Kabarettisten ein. Das ist wirklich eine beachtliche Entwicklung.
Eine beängstigende, finde ich.
Ja, vor allem weil man sich schon wieder so schön Feindbilder zurechtlegt. "Wenn ihr euch benehmt, passiert das nicht." Aber so einfach ist es nicht. Man muss über den Tellerrand schauen, um zu sehen, dass es um ganz andere Probleme geht. In Frankreich geht es darum, dass in den Vorstädten immer die Autos gebrannt haben. Das ist eine ganz besondere Situation da.


Was tun Sie selbst gegen die Schere im Kopf? Oder sind Sie frei davon?

Ich denke natürlich sehr viel drüber nach. Ich bin kein klassischer Provokateur. Was Böhmermann gemacht hat, kennt man von mir nicht. Aber ich habe meine Äußerungen immer wieder so angesetzt, dass sie für mich logisch und argumentierbar waren. Dass es am Ende eine Reaktion gibt, die man gar nicht erwartet hat, das ist ja das Überraschende. Ich habe niemals erwartet, dass auf mein harmloses Büchlein - wo ich eine Sprache spreche, die der jetzige Papst in Rom auch spricht, nämlich: Besinnt euch doch wieder mal auf eure religiösen Wurzeln - so ein Sturm losbricht. Die Dimension dieser Kriegsführung, das war keine Widerrede mehr... 

Medienanwalt erklärt den Fall von Jan Böhmermann


Eine Kampagne...
Die haben dann so Begriffe wie "Gotteslästerer" bemüht. Ein Totschlagargument. Da konnte man gar nicht weiterargumentieren.

Also gilt Tucholskys berühmtes: "Was darf die Satire? Alles!" auch heute?
Das unterschreibe ich prinzipiell in jedem Fall. Die Möglichkeit zu beleidigen, ist eine Notwendigkeit. Wir stehen in einem gesellschaftlichen Prozess, auf den man mit sehr großer Aufmerksamkeit, ohne Naivität, aber mit großem Selbstbewusstsein und großer Gelassenheit reagieren muss.

Halten Sie es für möglich, dass Böhmermann vor Gericht muss?
Im Augenblick berät die Bundesregierung darüber. Das ist schon eine Ebene, die mich jedenfalls sehr nervös macht, weil es nicht ausgeschlossen ist, dass er das vor Gericht austragen muss.

Ich habe mich vorhin mit einem Kollegen fast gestritten, weil ich gesagt habe: Niemals! Das ist unmöglich.
Das würde ich im ersten Reflex auch gern sagen. Aber es stehen wirklich die Säulen unserer demokratischen Gesellschaft zur Disposition. Wenn es zu einem Gerichtsverfahren kommt, dann muss man das sehr genau beobachten. Denn es kann doch wohl nicht sein, dass man sich durch Druck von außen in ein Jahrhundert zurückbegibt, das wir bereits hinter uns haben.