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stern-Karikaturist Gerhard Haderer: "Ich zeichne aus Notwehr"

25 Jahre lang hielt Gerhard Haderer im stern der Gesellschaft den Spiegel vor. Jetzt hört der Karikaturist auf. Im Abschiedsgespräch erzählt Haderer von seiner Lust an der Provokation und einem ausgeschlagenen Millionenangebot.

Gerhard Haderer

"Ein paar Jahre lang waren bei meinen Auftritten stets Polizisten dabei": stern-Karikaturist Gerhard Haderer

Der Karikaturist hat 25 Jahre lang die stern-Leser unterhalten. Jetzt hört er auf. In der neuen, am Donnerstag erscheinenden Ausgabe des stern erzählt der Österreicher, wie er seinerzeit eine erfolgreiche Laufbahn als Werbegrafiker aufgab und seine Werke verbrannte, um den Beginn eines neuen Daseins zu zelebrieren.

Haderer wurde zu einem der bedeutendsten Karikaturisten Europas, der den Mächtigen den Spiegel vorhielt. Joschka Fischer etwa, der später als Außenminister richtiggehende Standesdünkel entwickelte, lässt er in einer Karikatur auf sein früheres Ich treffen. "Einer meiner kraftvollsten Cartoons", sagt Haderer über das Bild. "Da ist alles drin. Der Verrat. Das Entsorgen von Idealen. Die 68er wollten die Welt verbessern, aber viele haben mitgemacht, den Planeten an den Abgrund zu bringen. Eine bittere Bilanz für meine Generation.“

Charlie-Hebdo-Attentat raubte die Sprache

Tief getroffen hat Haderer der Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitung Charlie Hebdo im November 2014, wie er dem erzählt. "Das hat mir die Sprache geraubt. Einer der Getöteten war ein guter Bekannter von mir, Georges Wolinsky. Ich habe gedacht, zu diesem Thema kannst du nichts machen." Er habe sich einen Tag Schweigen verordnet.

"Am nächsten Tag habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt, und ich habe da so eine mickrige schwarz gekleidete Gestalt mit einer Kalaschnikow gezeichnet, einen Terroristen eben, aber nicht größer als vier Zentimeter. Und den habe ich mit einer unübersehbaren Menge an Bleistiften – als Symbol für Karikaturisten – umgeben. Den ganzen Tag habe ich Bleistifte gezeichnet, in allen möglichen Farben. Am Ende ist ein Poster entstanden, wo diese kleine Figur, dieser dramatisch Irrsinnige da, umzingelt ist von einer Million bunter und fröhlicher Bleistifte, er also machtlos ist. Dass ich das machen konnte, hat mich bei aller Trauer sehr, sehr glücklich gemacht."

Haderer erhielt Bombendrohungen und Hassbriefe

Die Gefahr des religiösen Extremismus ist Haderer wohlbekannt. Eine seiner berühmtesten Zeichnungen zeigt Jesus von Nazareth als harmlosen Kiffer, umgeben von gierigen, goldgeschmückten Jüngern, die große Ähnlichkeit mit Kirchenvertretern zeigen. Es ist eine Anklage der Institution Kirche und kaum misszuverstehen. Doch der österreichische Kardinal Christoph Schönborn verlangte eine Entschuldigung. "Eine Groteske, dass er glaubt, er habe im 21. Jahrhundert diese Macht über einen Autor", sagt Haderer. Auch der spätere Papst Benedikt XVI. regte sich auf.

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In Griechenland wurde Haderer in absentiam wegen Blasphemie verurteilt, sein Comicbuch "Das Leben des Jesus" verboten. Der erhielt Bombendrohungen und Hassbriefe. "Ein paar Jahre lang waren bei meinen Auftritten stets Polizisten dabei. Nachts um drei bekam ich mal einen Anruf: 'Wir wissen, wo deine Kinder zur Schule gehen.' Ich hatte nicht Angst um mein Leben, aber man sorgt sich um seine Kinder."

18 Millionen von der Fifa? Nein danke!

Sich selbst immer treu zu bleiben, sei für ihn das Wichtigste, erklärt Gerhard Haderer und hat auch gleich eine passende Anekdote aus dem Jahr 2006 parat: Als der damalige Fifa-Chef Sepp Blatter ihm den Auftrag für das offizielle Poster zur Fußball-WM erteilte. Es winkte viel Geld. "18 Millionen Euro wären das wohl geworden", erzählt Haderer. "Ich bin mit meiner Frau zusammengesessen, wir haben darüber geredet, dass diese 18 Millionen unser Leben auf den Kopf stellen würden. Ich sagte: Ich möchte nicht mit so einem Typen wie Blatter im Fernsehen auftreten, das kann ich nicht. Das ist nicht meine Gesellschaft. Am Tag danach habe ich die Sache abgelehnt."

Künftig wolle Haderer sich zwar nicht mehr unter Zeichenstress setzen, wie er sagt, doch will er sich weiterhin mit spitzem Bleistift ins Tagesgeschehen einmischen. Denn: "Ich zeichne aus Notwehr, gegen den Wahnsinn, der uns umgibt."


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Wie heißt der Film?
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