HOME

"Expressionale" in Berlin: Die Rückkehr der wilden Kerle

Sie waren die Schmuddelkinder der Kunst: Die Expressionisten lebten und arbeiteten Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem in der Metropole Berlin. Dort werden die grellen Arbeiten in einer Ausstellungsreihe gezeigt. Teilweise allerdings nur für Erwachsene.

Sie klatschten ihre Empfindungen mit kräftigen Pinselschwüngen auf die Leinwand, schockierten mit grellen Farben und äußerst freizügigen Motiven. Und wie sie malten, lebten sie: frei, unkoventionell, anstößig. Was diese wilden Kerle da im Jahre 1905 in Dresden wagten, provozierte - und veränderte die Kunstwelt. Dabei hatten die Maler der Künstlergemeinschaft "Brücke" noch nicht einmal ihr Handwerk gelernt. Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner oder Karl Schmidt-Rottluff waren Autodidakten, hatten sich ihre Fähigkeiten selbst beigebracht. Einzig Max Pechstein hatte Malerei studiert. Der zog 1908 dann auch als erster der "Brücke"-Künstler nach Berlin, in die Reichshauptstadt, wo er Mitglied der Berliner Secession wurde. Die Secession war damals das maßgebliche Forum für moderne Kunst.

Kunst für den Misthaufen

Als die etablierten älteren Künstler der "Secession" sich 1910 weigerten, Arbeiten der jungen Expressionisten um Pechstein und Emil Nolde auszustellen - "Kunst, die auf den Misthaufen gehört", schrieb der Galerist Paul Cassirer -, kam es zum Eklat. Die Expressionisten gründeten ihre "Neue Secession".

Seitdem sind Berlin und der deutsche Expressionismus untrennbar miteinander verbunden. In der Metropole trafen sich schließlich alle namhaften jungen Künstler Deutschlands und ließen sich, inspiriert vom anonymen Großstadtleben, zu neuem künstlerischen Selbstverständnis verleiten. Die Themen ihrer Malerei lagen vor der Haustür. Ob Akte, Landschaft, Porträt oder Stadtansichten - für jeden gab es genügend Stoff. Die selbsternannten Avantgardisten sollten Recht behalten: Der Expressionismus war nicht nur eine Stilrichtung, sondern, mehr noch, eine Lebenshaltung. Mit künstlerischen Mitteln kritisierten und geißelten sie Missstände und politische Verhältnisse, und die weltoffenen Straßen Berlins boten ein breites Pflaster für derbe Gesellschaftskritik. Ernst Ludwig Kirchner zum Beispiel ist berühmt für seine virtuosen Stadtlandschaften, in denen er die Widersprüchlichkeit und Hektik der Großstadt unmittelbar und unverfälscht auf die Leinwand gedroschen hat.

Werkschau des Expressionismus

Nun gibt es mitten in Berlin, im neuen privaten Kunstzentrum am Potsdamer Platz 10, endlich wieder einmal die Gelegenheit, auf all die großen und einzigartigen Künstler von damals zu treffen. Die "Expressionale" ist eine imposante Werkschau des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Neben unverkäuflichen Werken gibt es auch Arbeiten zeitgenössischer Künstler zu sehen, deren Arbeiten zum Verkauf stehen. Damit scheint der Erfolg dieser Ausstellung gesichert zu sein, denn Kunst des Expressionismus gilt als Publikumsliebling und sicheres Zugpferd der Branche. Für die Macher der Ausstellung ein wichtiger Faktor, begeben sie sich doch mit einer weiteren Ausstellungshalle im "kunstgesättigten" Berlin ins finanzielle Risiko.

Die umfangreiche Sammlung Karsch/Nierendorf bildet mit rund 155 Werken den Mittelpunkt der "Expressionale". Zudem werden 30 Bronzen der Bildhauer Joachim Karsch und Gerhard Marcks präsentiert. Um der Bedeutung des Expressionismus auch in unserer Zeit Ausdruck zu geben, führt der Weg auch zu Werken zeitgenössischer Künstler wie zum Beispiel Louise Christine Thiele oder Rolf Händler. Beides Künstler, die sich leise, aber künstlerisch sehr ausdrucksstark, mit den politischen Veränderungen in Deutschland auseinandergesetzt haben.

Seit den frühen zwanziger Jahren ist die Galerie Karsch/Nierendorf eng mit Berlin und dessen lebendiger Kunstszene verbunden. Und seit 1963 führt Florian Karsch in seiner Berliner Galerie schwerpunktmäßig die deutsche klassische Moderne der ersten drei Jahrzehnte. Nun ist der 83-Jährige überglücklich, anlässlich der "Expressionale" endlich mal wieder seine Schätze aus dem Depot holen zu können. Schwerpunkt der zentralen Ausstellung liegt auf den Gemälden, Grafiken und Skulpturen von Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller, Christian Rohlfs, Otto Dix und Josef Scharl. Allesamt Künstler, die in ihrer Individualität die Großstadt Berlin malerisch geradezu durchdrungen haben.

George Grosz und die Erotik

Ein durchaus sinnlich-erotisches Schmankerl und Highlight der besonderen Art ist die Sonderausstellung "George Grosz und die Erotik". In einer eigenen Halle werden 51 Werke des Malers, Grafikers und Karikaturisten George Grosz präsentiert, der bekannt war für seine Vorliebe an handfester erotischer Vielgestaltigkeit. Ohne Zweifel: Hier dürfte der Erotiker in uns höchste Befriedigung finden. Nicht ohne Grund ist der Zutritt zu dieser prickelnden Sonderausstellung nur Erwachsenen gestattet.

George Grosz (1893 - 1959) war fasziniert und gleichzeitig abgestoßen von der gesellschaftlichen Doppelmoral seiner Zeit. Überdrüssig der Deutschtümelei, verarbeitete er in recht unorthodoxer Weise seine Eindrücke in Ölbildern und sarkastischen Zeichnungen. Grosz’ Malerei ist direkt und schnörkellos. Er bringt, heftig und direkt, die politisch und gesellschaftlich desaströsen Verhältnisse auf die Leinwand und damit auf den Punkt. Demaskiert skrupellos seine Gegner, indem er den Spießern den Spiegel vor Augen hält: furchterregende geile Lüsternheit, gehüllt in Hässlichkeit, die seinerzeit die ästhetische Schmerzgrenze weit überschritt und nicht fern der Pornografie einzuordnen war.

Der Hintern in der Bildmitte

Das Gemälde "Kauernder Rückenakt nach links und sitzender Maler" von 1940 zeigt den inneren Zwiespalt des Künstlers. Sein dralles nacktes Modell liegt auf Knien und streckt seinen prallen Hintern in die Bildmitte - direkt in Augenhöhe des Betrachters. Noch direkter geht’s gar nicht. Auf Schönheit hatte der sozialkritische Maler seine ganz eigene Sicht: "Wenn ich mir den größten Teil der Menschheit anschaue, so sehe ich keine Schönheiten oder lieblichen Gebilde." Und diese Eindrücke gab er auch unmittelbar auf der Leinwand wieder: fleischige, reife Frauen, hängende Brüste, wulstige, fette Bauchringe, seltsame Zwitterwesen in feurig-lodernden Farbtönen und entblößenden Stellungen.

Sex und Erotik war immer ein Thema für diesen genialen, zu Depressionen neigenden Maler, doch in seinem New Yorker Exil gab er seinen Bildern noch einmal eine ganz neue, fast brutale Note. Im prüden Amerika hatte dies jedoch so gut wie keinen Erfolg. Die Verkaufszahlen hielten sich in Grenzen. Frustriert ertränkte Grosz seinen pessimistischen Blick auf die Welt in Alkohol und kehrte 1958 nach Berlin zurück, wo er ein Jahr später starb.

Kurator Joachim Leipski von USB art consult GmbH hat sich mit seinem ehrgeizigen Projekt der "Expressionale" eine Menge vorgenommen. Und somit wirbt er auch sehr stolz mit seinem Konzept, der "Mixtur aus musealen und kommerziellen Werkschauen", und kündigt für die Zukunft weitere kulturelle Großereignisse dieser Art im neuen Kunstzentrum in Berlin-Mitte an. Frei nach dem Motto: Kunst und Kommerz, alles ist möglich. Fast ein bisschen zu perfekt - für Berlin.

Die "Expressionale 2008" findet bis zum 24. August 2008 in den Park Kolonnaden, Potsdamer Platz 10, statt.