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"Maß für Maß" in Salzburg: Gert Voss brilliert in teuflischer Komödie

Es war die letzte Schauspiel-Premiere in diesem Salzburger Festspiel-Sommer: Shakespeares Komödie "Maß für Maß". Das Publikum im Landestheater war begeistert. Im Zentrum der Inszenierung stand Gert Voss in einer Glanzrolle als zynischer Herzog.

Es gäbe wohl noch weitere Geschichten zu erzählen - von Macht und ihrem Missbrauch, von Verrat und Tugendterror. Aber er belässt es mal dabei. Herzog Vincentio hat schon genügend Unheil angerichtet in Shakespeares Drama "Maß für Maß", und Gert Voss hat all die Abgründe dieses Vincentio genüsslich ausgekostet. Regisseur Thomas Ostermeier ist bei der letzten Schauspiel-Premiere der diesjährigen Salzburger Festspiele mit einem starken Team ein weiterer Höhepunkt gelungen: Kraftvolles Schauspieler-Theater mit eindrucksvollen Bildern.

Shakespeares Wien unter der Regentschaft des Herzogs Vincentio ist ein verkommener, leicht angeschimmelter Ort, der einmal golden gewesen sein mag. Eine schnörkellose Box hat Ausstatter Jan Pappelbaum auf die Bühne des Salzburger Landestheaters gestellt - sie ist Palast und Kloster, Todeszelle und Gerichtssaal. Darin vollzieht Vincentio im eleganten Anzug ein zynisches Menschenexperiment, um die sinkende Moral im Staate wieder zu heben: Er suggeriert seine Abreise unter Hubschraubergetöse und überlässt dem Emporkömmling Angelo (Lars Eidinger) das Feld.

Der tritt zur Amtsübergabe an wie ein verklemmter Musterschüler mit fest gebundener Krawatte, der erst mal nicht recht weiß, was er mit der Ehre anfangen soll, und unschlüssig die Krone in der Hand dreht. Dann aber schickt er sich an, als Stellvertreter den laschen Kurs des Herzogs zu korrigieren, und verordnet sich und dem Land eine Gesetzestreue, die schließlich alle bloßstellt.

Mit hohem Druck schießt das Wasser aus dem Schlauch, mit dem er dem Schmutz der maroden Moral im Lande zu Leibe rückt. Schmutz mag er gar nicht, der puritanische Zwangsmoralapostel, angewidert streckt er die Hand von sich, als er einmal ausrutscht und sich ohne seine Latexhandschuhe abstützen muss. Sittliche Unsauberkeit schon überhaupt nicht, deshalb will er auch ein Exempel statuieren an Claudio (Bernardo Arias Porras), der seine Verlobte geschwängert hat.

Wenn dessen Freund Lucio (Stefan Stern als Partytyp im bunten 80er-Jahre-Outfit) Claudios tief gläubige Schwester Isabelle (Jenny König) überredet, bei Angelo für ihren Bruder um Begnadigung zu bitten, beginnt der Sog, der alle in den Abgrund reißt. Schnell muss auch der Tugendterrorist Angelo erkennen, dass er sexuellen Appetit verspürt - und sich damit des gleichen Verbrechens schuldig macht, für das er Claudio gnadenlos richten will: Wo zuvor ein halbes Schwein vom Lüster baumelt, sinniert der Tugendwächter kopfüber hängend über seine Verfehlungen.

Regisseur Ostermeier gießt mit einem kraftvoll agierenden Ensemble Shakespeares Drama in starke, drastische Bilder. Dabei rückt er zunehmend den tragischen Aspekt der Komödie in den Vordergrund. Wo Shakespeare seine Figuren zu Karikaturen von Macht und Autorität, Glaube und Lebenslust überzeichnet, ringen bei Ostermeier verunsicherte Menschen vergeblich um Aufrichtigkeit. Einzig Gert Voss darf mit teuflischer Abgründigkeit das doppelte Spiel seines Herzogs genießen.

Der musikalische Rahmen mit mittelalterlichen Chorsätzen, begleitet von Trompete und Gitarre, löst das Stück aus zeitlicher Zuordnung. Die konzentrierte, schlanke Neuübersetzung von Marius von Mayenburg kommt dem starken Ensemble zugute. Sie überträgt die poetische Wucht und Präzision von Shakespeares Sprache unaufdringlich ins Heute. Ab 17. September ist die Inszenierung beim Koproduktionspartner, der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz, zu sehen.

Irmgard Rieger, DPA / DPA
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