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Interview

Präsidentin der Salzburger Festspiele: Rabl-Stadler: "Nachdenken ist das Politischste überhaupt"

Österreichs wichtigste Kultur-Managerin Helga Rabl-Stadler über die Macht der Kunst, den europäischen Auftrag Österreichs und Herbert von Karajans Talent als Erpresser.  Teil vier einer stern-Mini-Serie über Deutschlands südlichen Nachbarn.

Von David Baum

Helga Rabl-Stadler

Helga Rabl-Stadler ist Präsidentin der Salzburger Festspiele und damit zugleich Österreichs wichtigste Kultur-Managerin

AFP

Deutschlands südlicher Nachbar steht nicht zuletzt wegen seiner rechtskonservativen Regierung unter besonderer Beobachtung. Was ist das für ein Land? Von welchen Stimmungen wird es aktuell geprägt? Der stern suchte und fand Antworten in fünf Gesprächen mit namhaften Österreichern. Heute: die Präsidentin der Salzburger Festspiele Helga Rabl-Stadler.


Liebe Frau Präsidentin, ihre Heimatstadt ist mit knapp 150.000 Einwohnern etwa so groß wie Paderborn oder Neuss. Wie kommt es, dass Salzburg international als bedeutsame Kulturmetropole wahrgenommen wird?

Sie werden sich nicht wundern, dass ich als Präsidentin diese Wahrnehmung hauptsächlich mit der Bedeutung der Salzburger Festspiele erkläre. Hugo von Hofmannsthal, einer unserer Gründer, hat gesagt, die Festspiele sind keine Angelegenheit der Provinz. Sie sind eine Angelegenheit der europäischen Kultur und von eminenter politischer, wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung. Das ist das Schöne und gleichzeitig das Belastende: dieser Verantwortung muss man erst einmal gerecht werden.

Nach dem Ersten Weltkrieg bestand Österreich nur noch aus einem Bruchteil des früheren Weltreichs. Waren die 1920 gegründeten Festspiele so etwas, wie ein kultureller Ersatz der verlorenen Größe?

Viel mehr noch. Max Reinhardt und Hofmannsthal wollten nach der europäischen Tragödie ein völkerverbindendes, europäisches Festival des Friedens schaffen, das weit über eine kulturelle Sommerfrische in der Provinz hinausreicht. Hinzu kommt das künstlerische und vor allem musikalische Niveau. Die Öffnung zur zeitgenössischen Musik nach dem zweiten Weltkrieg mit Gottfried von Einem darf man nicht unterschätzen. Vorher ging es doch sehr um das Bewahren der alten Werte, zu denen man zurückstrebte – verständlicherweise. Nach dem Zweiten Weltkrieg war allen klar, dass man den Blick in die Zukunft richten muss.

Wie wichtig war die glückliche Fügung, dass man mit Herbert von Karajan einen Weltdirigenten in der Stadt hatte?

Karajans Rolle können Sie gar nicht hoch genug einschätzen. Er war ein Genie, das eine Ära prägte und außerdem war er ein begabter Erpresser. Er setzte den Bau des Großen Festspielhauses durch, durch das die Entwicklung zum größten Klassikfestival der Welt erst möglich wurde.

Wie bitte?

Ja natürlich, Toscanini ebenso, ohne dessen Abreisedrohungen hätte es den Neubau des Kleinen Festspielhauses nicht gegeben. Wer 120 Mann zu einem Klangkörper macht, der muss eine Führungspersönlichkeit sein. Toscanini hat gesagt, entweder ein neues Festspielhaus oder ich bin weg. Der damalige Landeshauptmann von Salzburg hat sein Elternhaus wegreißen lassen, damit Toscanini seinen Willen hatte. 

Wie sehen Sie die Position der Grenzstadt Salzburg, die lange Zeit unabhängig von Österreich war, heute?

Salzburg musste sich immer behaupten. Das sehen Sie allein daran, dass es seine Universität aufgeben musste, als es 1810 zu Bayern kam. Das war diese unselige napoleonische Zeit, die wollten ihren eigenen Universitätsstandort Passau stärken, indem sie unsere zugedreht haben. Erst als ich selbst zu studieren begonnen habe, wurde die Alma Mater Paridiana wieder eröffnet. Unter uns: Ich fand das gar nicht so großartig, ich hatte mich gefreut, nach Wien zu gehen. Daraus wurde dann nichts.

Die Salzburger Festspiele sind nur zwei Jahre jünger, als die Republik Österreich. Was erzählt die Geschichte der Festspiele über die des Landes?

Eigentlich sollten die Festspiele bereits 1918 beginnen, dann wären beide sogar gleich alt. Die Gemeinsamkeiten sind vielleicht darin zu finden, wie wichtig der Zufall in vielem mitgespielt hat. Aber noch etwas: die Verwurzelung in der Tradition, man hat etwas völlig Neues schaffen wollen, aber sehr im Bestehenden verankert. Den Gründern war es wichtig, dass in den Kirchen gespielt wird. Sie haben im damaligen Erzbischof einen Mann gefunden, der trotz der damals schon herrschenden antisemitischen Stimmung, den Domplatz für den "Jedermann" geöffnet hatte. Binnen sechs Wochen! Hofmannsthal und Reinhardt waren jüdischer Abstammung. Ich zweifle, ob heute angesichts aller zusätzlicher bürokratischer Hemmnisse eine so schnelle positive Entscheidung überhaupt möglich wäre.

Wieso wurden die Festspiele, die als Gegenmodell zum preußisch und metaphysisch aufgeladenen Bayreuth gedacht waren, keine Mozart-Festspiele?

Von Mozart war am Anfang gar keine Rede. Es stand diese vermessene Idee eines Weltkulturzentrums im Vordergrund und der schöne, ewig gültige Vorsatz "Festspiele als Friedensprojekt". Hofmannsthal wie Reinhardt waren fest davon überzeugt, durch die Kunst die Welt positiv verändern zu können. Dieser Überzeugung verdanken die Festspiele ihre Existenz. Die Festspiele waren zum einen eine Erfindung kunstsinniger Wiener, zum anderen kam aber gerade von dort der größte Gegenwind. Gegen ein, wie diese Wiener glaubten, größenwahnsinniges Projekt. Die Festspielgründer waren auch Marketinggenies, sie schafften es, alle Ideen, auch die der Mozartfeste unter das Dach der Festspiele zu bringen. Und dank Landeshauptmann Franz Rehrl wurden die Festspiele durch die Gründung des Fremdenverkehrsförderungsfonds1926 auch finanziell gerettet.

Eine der zentralen Fixpunkte der Festspiele ist der "Jedermann" – ein ziemlich moralisches Volksstück. Eine Frage, die Sie vermutlich nicht  ehrlich beantworten können: Können Sie dieses Stück überhaupt noch sehen?

Sie haben mich durchschaut, ich könnte diese Frage als Präsidentin nicht anders beantworten, als: Natürlich! Ich gehe jedes Jahr hin, und ich finde es nach wie vor ein starkes Stück. Das Thema, dass ein reicher Mann erkennen muss, in der Stunde des Ablebens nützt alles Geld nichts, ist immer aktuell. Wenn Peter Simonischek als Jedermann sagte: "Hier wird kein zweites Mal gelebt" – da kam mir immer die Ganslhaut.  Aber lassen Sie es mich so sagen, wenn ich einmal nicht mehr im Amt bin, könnte es sein, dass ich nicht jedes Jahr hingehe.  

Was kann Österreich vom Erfolg der Festspiele lernen?

Die Internationalisierung, den Blick stets offen in die Welt zu richten. Siegfried Lenz hat in seinem Roman "Deutschstunde" den Begriff vom "Hochmut der Enge" geprägt, den finde ich so passend. Man muss viel reisen, viel erfahren, um sich selbst richtig einschätzen zu können. Wer glaubt, er sei jemand, weil er ja nur seinen eigenen kleinen Ort kennt, der ist gefährlich.

Wie politisch sollen die Festspiele sein? Kann man mit der Kunst, mit der Musik etwas verändern?

Das wird immer widersprüchlich diskutiert, ich glaube: ja. Während der Flüchtlingskrise wurde ich gefragt, wie ich es verantworten könne, dass die Festspiele stattfinden. Da muss ich sagen: Ja was denn sonst? Jetzt erst recht müssen wir es machen. Ich glaube nicht daran, dass Musik den Nahostkonflikt lösen kann, so naiv bin ich nicht. Aber wissen Sie, die Menschen kommen zum Nachdenken. Und Nachdenken ist das Politischste überhaupt.