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"Skulptur Projekte Münster": Surfbrett-Blume, Salzfigur und Luxus-Toilette

So macht Kunst Spaß. Bei den "Skulptur Projekte Münster" geht man mit dem Rad auf Schnitzeljagd. 34 Kunstwerke sind über die ganze Stadt verteilt: von der Surfbrett-Blume bis zum geschredderten Buddybären, vom vergrabenen Kirchturm bis zum Faden, der sich um die ganze Altstadt spannt.

Von Anja Lösel

Kunst, Kunst und noch mehr Kunst: in diesem Sommer ist es einfach zu viel. Großausstellungen wie die Biennale in Venedig und die documenta in Kassel bringen allein durch ihre Masse zur Verzweiflung. Wie soll man das noch schaffen, Hunderte von Kunstwerken zu erlaufen, zu betrachten und zu begreifen?

Eine feine und ziemlich freche Ausstellung in Münster zeigt, dass es auch ganz anders geht. Bei den "Skulptur Projekten" gibt es nur 34 Arbeiten zu sehen. Die aber sind über die gesamte Stadt verteilt, nicht ganz leicht zu finden - und genau das ist Teil des Vergnügens. Für 10 Euro pro Tag stehen Fahrräder bereit, man bekommt einen Plan in die Hand gedrückt, und dann geht's auf die Suche. Wer findet, der wird belohnt mit Kunst in der Luft, auf der Wiese und am See, im Kino, im Klo und unter der Brücke. Und ganz nebenbei lernt man dabei auch noch Münster und seine Geschichte kennen.

Den Prinzipalmarkt zum Beispiel mit seinen hübschen Giebelhäusern aus der Gotik und der Renaissance. Marko Lehanka hat hier eine Skulptur aus bunten Surfbrettern aufgestellt, in deren Mitte ein Bildschirm prangt. "Durch die Blume" flüstert er uns hier Geschichten von Münsteraner Bürger zu, die alle tödlich enden.

Verwahrloste Kinderpuppen als Gesellschafts-Analogie

Oder die Liebfrauenkirche. Isa Genzken, die bei der Biennale von Venedig Deutschland repräsentierte, ist hier eine besonders eindringliche Arbeit gelungen. Mitten auf den Platz vor der Kirche setzte sie kaputte, beschmierte Kinderpuppen. Unter zerfetzten Sonnenschirmen grinsen sie einsam und traurig hervor. Die Münsteraner kreisen drum herum, sind schockiert und beeindruckt und begreifen sofort, was das soll. "Verwahrloste Kinder", sagt einer. "Schrecklich."

Valérie Jouvé hat sich eine muffige Unterführung ausgesucht, um ihren Film über vier Bewohner des Münsterlandes zu zeigen. Wer sich in einen der Kinosessel setzen und gucken will, muss den obdachlosen Andreas bitten, den Beamer anzuschalten. Er wohnt hier seit eineinhalb Jahren, Sommer wie Winter. Die Ausstellung hat ihn überrascht. Nun ist er ein Teil davon geworden und verdient ein wenig Geld als Kunst-Wärter. Bisschen stressig, findet er, all diese Leute in seinem Wohnzimmer. Aber irgendwie doch ganz gut.

Obdachlose als Kunst-Wärter

Der Belgier Guillaume Bijl hat einen ganzen Kirchturm vergraben, der Brite Mark Wallinger spannte eine Schnur um die Altstadt, und Bruce Naumann, Superstar aus den USA, konnte einen Entwurf verwirklichen, den er schon 1977 für Münster vorgeschlagen hatte, damals aber nicht verwirklichen konnte: "Square Depression", eine Beton-Senke, die einer umgekehrten Pyramide gleich in den Boden gegraben ist.

Nur alle zehn Jahre finden die "Skulptur Projekte Münster" statt. Als Ausstellungsmacher Kasper König und Museumsdirektor Klaus Busse 1977 damit begannen, gab es sehr viel Misstrauen und böses Blut. Pop-Künstler Claes Oldenburg, inzwischen ein Weltstar, setzte damals drei riesige Billardkugeln auf die Wiese vor den Aasee. Die Bürger waren entsetzt - und versuchten in einer Nacht- und Nebelaktion die schweren Betonkugeln in den See zu rollen. Heute sind die Kugeln eines der Wahrzeichen der Stadt und nicht mehr wegzudenken.

Plastikkühe, Buddybären und Hummel-Hummel-Figuren im Schredder

"1977 gab es in Münster große Aggressionen gegen die Kunst", sagt Kasper König. "1987 war man noch skeptisch, 1997 dann begeistert. Und heute müssen wir aufpassen, dass das Stadtmarketing uns nicht umarmt." Aber da muss er sich keine Sorgen machen, es gibt noch genug böse, bohrende, hintergründige Arbeiten. Die von Andreas Siekmann etwa, der auch auf der documenta in Kassel vertreten ist. Er hat die unsäglichen Plastikkühe, Buddybären und Hummel-Hummel-Figuren gesammelt, die Deutschlands Fußgängerzonen verunstalten, und packte sie in einen Schredder. Aus den Trümmern bastelte er eine Kugel und stellt sie vor Münsters schönstes Haus: den Erbdrostenhof. "Die Städte verkaufen ihr Tafelsilber und haben keine Kontrolle mehr über ihre eigenen Straßen und Plätze", sagt er. Deshalb heißt seine Arbeit: "Der öffentliche Raum im Zeitalter seiner Privatisierung".

Besonders gemein ist die Arbeit von Annette Wehrmann. Am Ufer des schönen Aasees, Ausflugsgebiet und Wohnort für die Wohlhabenden der Stadt, hat sie eine Baustelle eingerichtet. Hier, so suggeriert sie, entsteht ein edles Bad: "Wellness am See". In den nächsten 106 Tagen werden Bagger die Wiese aufbuddeln, Löcher graben, Erde umschichten. Nur um dann, am Ende der Ausstellung alles wieder zuzuschütten.

Münster hat jetzt die schönste öffentliche Toilette Deutschlands

Hans Peter Feldmann beschloss, die Bürger nicht zu ärgern, sondern etwas Bleibendes für sie zu tun. Die schmuddelige Toilette unter dem Domplatz, die man wirklich nur im äußersten Notfall betreten mochte, war zum letzten Mal 1987 zu Ehren des Besuches von Papst Johannes Paul II frisch gestrichen worden. Nun ließ Feldmann sie luxussanieren. Geranien empfangen den Gast, die Räume strahlen in Weiß und Lindgrün, an der Decke hängt ein Kronleuchter, der so tut, als sei er aus buntem Muranoglas. Ist zwar nur Plastik, aber egal: Münster hat jetzt die schönste öffentliche Toilette Deutschlands.

Schön-fieses Kunstwerk: Frau Loth als Salzfigur

Publikumsliebling dürfte aber wohl der "Streichelzoo" des Kaliforniers Mike Kelley werden. Auf einen fiesen Platz zwischen Parkhaus und Bahnhof hat er eine bunte Manege mit Freigehege und Würstchenbude gesetzt. Nun springen hier Hühner, Ziegen, Esel, Ponys und eine Kuh mit Kalb herum. Mittendrin: Frau Loth als Salzfigur. Laut Bibel hatte sie sich ja, als die sündigen Städte Sodom und Gomorrah untergingen, beim Verlassen der Stadt umgedreht - und war "zur Salzsäule erstarrt". Hier in Münster dürfen die Tiere an ihr schlecken, was vor allem die Kuh mit großer Begeisterung tut. Dass man dabei auch an gewisse Sexualpraktiken denken könnte, die ebenfalls den Namen Sodom in sich tragen, ist durchaus beabsichtigt. Ein richtig schön-fieses Kunstwerk also, und gleichzeitig eine Attraktion für Kinder und Eltern. So liebt es Mike Kelley - und Kasper König noch viel mehr.

Bis zum 30. September täglich von 10-22 Uhr. Besucherbüro: Rothenburg 30, nahe dem Domplatz
Fahrräder gibt es für 10 Euro pro Tag vor dem Westfälischen Landesmuseum, Domplatz 10, www.skulptur-projekte.de
Velo Lounge findet zwischen dem 27.6. bis zum 11.7. von 19 bis 21 Uhr statt. An diesen Tagen bringen ein DJ-Fahrrad und ein Cocktail-Fahrrad Partystimmung