18. Jahrhundert Im Rausch des Rokoko


Gepuderte Perücken, exaltierte Posen, ziselierte Sparache - das 18. Jahrhundert mag manchem fremder erscheinen als etwa das Alte Rom. Doch Versailles hat uns nicht verlassen: Die Epoche ist als Inspirationsquelle erfrischend wie nie.
Von Tim Sommer

Kaum ein Bild fasst den Zeitgeist des Rokoko prägnanter als Jean-Honoré Fragonards (1732 bis 1806) charmantes, leicht frivoles Kabinettstück „Die Schaukel“. Erdacht hat sich die Konstellation der höchst echauffierte Herr links unten im Busch, ein Baron de Saint-Julien. Die lachende Dame mit den wehenden Röcken und dem davonfliegenden Pantoffel ist seine Mätresse. Die Schaukel wird ausgerechnet von einem Bischof bedient, der so zum Komplizen beim galanten Schäferspiel gemacht wird. So hat sich das der junge Herr Baron erträumt und bestellt. Aber wie das Sonnenlicht das Fräulein perfekt in Szene setzt, wie sich noch die gemeißelten Putten die Hälse nach ihr verdrehen, wie die Natur sich freundschaftlich zur Kulisse bequemt, das ist Fragonards Erfindung. Der damals 35-jährige Maler wurde 1767 mit dem Bild, das heute in der Londoner Wallace Collection hängt, zum gefeierten Künstler der Epoche, die mit den grandiosen höfischen Inszenierungen des Sonnenkönigs Ludwig XIV. begann und im Wirbel der Französischen Revolution 1789 ihr blutiges Ende fand.

In einer großen Serie führt "Art" seine Leser bis zum Mai durch das 18. Jahrhundert führen. In eine Welt, die uns mit ihren gepuderten Perücken, exaltierten Posen, ihrer ziselierten Sprache oft fremder erscheint als das Alte Rom oder die Kultur der Azteken. Das 19. Jahrhundert mit seinem technischen Pragmatismus, seiner industriellen Kraft, seinen weltumspannenden, auf puren Profit gegründeten Imperien aus Stahl, Baumwolle und Öl wird heute als nah und wesensverwandt empfunden. Ja, wir verdanken dieser Zeit das Telefon, die Elektrizität, das Dynamit, das Aspirin.

Aber unsere Ideen und Ideale, die Art, wie wir fühlen und denken und sehen, das alles wurde im 18. Jahrhundert erfunden. Hier, zwischen dem Zeremoniell des Absolutismus und dem Gesinnungsterror der Guillotine lösen sich die fest gefügten ständischen Formen des Mittelalters auf, hier erfindet sich das Individuum, der freie Bürger, der sich denkend, taktierend und koalierend selber seine vernünftige Ordnung schafft. Und der dabei doch peinlich darauf achtet, wer etwa wen zuerst grüßt, ob das Kleid lang und der Anzug dunkel genug für den Anlass war, ob das Bonmot auch wirklich originell und spritzig ist. Bei aller Vernunft der demokratischen Staatsverfassung: Versailles hat uns nicht verlassen.

Von den Lichtinszenierungen des Cerith Wyn Evans im Münchner Lenbachhaus über Sofia Coppolas Film „Marie Antoinette“ bis hin zur neuen Kollektion von Dolce & Gabbana: Das 18. Jahrhundert ist als Inspirationsquelle so erfrischend wie nie.

Der Autor Hans-Joachim Müller, lange Jahre Kunstkritiker der „Zeit“ und Feuilletonchef der „Basler Zeitung“, sieht das Jahrhundert der Aufklärung als „Vestibül der Moderne“. Hier treffen wir mit ihm die Pompadour, den Sonnenkönig, die Forscher, die Träumer, die Impresarios der Epoche. Wir betrachten die Inszenierungen, die Instrumente, die großen Bücher der Zeit. Vier Etappen wird diese Expedition in ein faszinierendes, fremdes, schönes, wildes Jahrhundert haben. Genießen Sie die frivolen Bilder und schlauen Gedanken einer überraschend nahen Zeit. Keine Angst: Wir sehen diese Fahrt, ganz im Sinne der Epoche, als Lustreise.

Tim Sommer ist Chefredakteur des Kunstmagazins "art".


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