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Ausstellung im Berghain: Die Kunst der Tresenschlampe

Der Berliner Club Berghain ist ein mystischer Ort mit ungewöhnlichen Mitarbeitern. Dass die Barkeeper oder Türsteher im wahren Leben Künstler sind, zeigen sie nun in einer Ausstellung: Die ist fast so schön, hart und einzigartig wie das Berghain selbst.

Von Anja Lösel

Er gilt als berühmtester Türsteher im besten Club der Welt. Aber wenn Sven Marquardt, der Mann mit den martialischen Gesichtstattoos und -piercings, es sich aussuchen könnte, dann würde er nicht mehr das Publikum im Berghain checken, sondern nur noch für seine große Leidenschaft arbeiten: die Fotografie.

Ähnlich geht es Peter Knoch. Seit acht Jahren steht er im Berghain als Barmann hinter dem Tresen. Aber im richtigen Leben, irgendwo da draußen, ist er Bildhauer und formt Hyänen und Boot fahrende Affen aus Keramik. Irgendwann stellte er fest: Es gibt jede Menge Künstler unter der Berghain-Belegschaft. Warum also nicht mal eine Ausstellung mit allen organisieren? Mit Barkeepern und Technikern, Köchinnen und Türstehern? Er legte los, und nun ist sie da: "Alle - Worker's Pearls" heißt die Schau.

Belohnung für den Einsatz

Rund hundert Meter lang ist am Tag der Vernissage die Schlange vor der Tür. 2500 Freunde des Berghain haben sich auf Facebook zu einer Party angemeldet, wie es sie hier noch nie gab: Der angeblich beste Club der Welt macht eine Verneigung vor seinen Angestellten und zeigt ihre Kunst. Schon der Ort ist grandios: ein rund 20 Meter hoher, bisher nicht genutzter Raum mit fetten Betonpfeilern und riesigen Kohlenschütten unter der Decke, die das ehemalige Heizkraftwerk mit Brennstoff versorgten. Aber heute guckt keiner da hoch. Heute sind die Mitarbeiter die Stars.

Marek Berlin zum Beispiel. Er ist Tänzer, groß und schlank, und trägt karierte Ohrstecker, die perfekt zum Muster seines Hemdes passen. Später wird er im blumenbedruckten Ganzkörper-Dress eine Performance zeigen. Jetzt erklärt er das krude Foto-Triptychon, auf dem er selbst als schmerzgebeugter Jesus zu sehen ist: "Ich bin Pole, und meine Kindheit war geprägt von Kommunismus und Religion. Das musste ich erst mal verarbeiten." Im Club arbeitet er als "Tresenschlampe in der schwulen Ecke", ein wunderbarer Job, wie er findet. "Hier fühle ich mich frei und treffe tolle Menschen." Die Ausstellung sieht er als Belohnung für seinen Einsatz.

An Viron Erol Vert, früher mal Türsteher, kommt auch auf der Vernissagenparty keiner vorbei. Der Riese mit der imposanten Figur kennt einfach alle, von der Drag Queen bis zum Lederschwulen. Küsschen hier, Schulterklopfen da. Auf jeder seiner muskulösen Waden prangt ein Spiral-Tattoo, und auch sonst schimmert so einiges an Hautschmuck unter seinem T-Shirt hervor. Dass dieser große, schwere Mann eine Schwäche für Textildesign hat, einen Teppich entwarf und von fünf Frauen aus seiner Verwandtschaft nach türkischen Traditionen knüpfen ließ, würde man ihm nicht zutrauen. Das wunderschöne Objekt mit zarten Linien und Mustern ist raffiniert montiert, es sieht aus, als würde es grade vom Boden abheben: Erinnerung an die alte orientalische Geschichte vom "Fliegenden Teppich".

Süchtig nach der Berghain-Gemeinschaft

Überhaupt sind viele der finster aussehenden Berghain-Leute in Wirklichkeit feinsinnige Gemüter. Sven Marquardt zeigt auf einem Riesenfoto seine Tätowiererin Yvonne, die Frau, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Als bocksbeinige Faunin hat er sie porträtiert - eine Art von Dank und Liebeserklärung.

Samir Alschansky liebt den französischen Künstler Jean-Honoreé Fragonard und hat ihm zu Ehren das Bild "Überfluss" gemalt, eine Art von Brille, durch die man in eine Welt aus Linien und Farben guckt. Früher hat auch er "an der Tür gearbeitet", jetzt kommt er nur noch her, weil er die Leute mag: "Die Gemeinschaft des Berghain macht süchtig." Aber das beste ist: "Jeder darf hier sein, was er will."

Martina Minette Dreier malt Leute aus der Queer-Szene, die zwischen Mann und Frau changieren, sich verkleiden und gern mal in andere Geschlechterrollen schlüpfen. Im Berghain kocht sie für die Büroangestellten.

Elektriker Jan Behrend zeigt ein Foto vom Gebäude des "Neuen Deutschland", das nebenan in den Himmel ragt. Penelope Kokott aus dem Büro präsentiert skurrile Skulpturen. Lichttechniker Gunnar Neumann hat einen Film mit Kellerasseln gedreht. Und Sarah Schönfeld fotografierte Heroin wie unter dem Mikroskop: schöne Farbschlieren, scheinbar harmlos und hübsch.

"Archi-Stretching"

Kommen die Anregungen zu solchen Themen aus dem Berghain? "Bei manchen sicher", sagt Peter Knoch, aber nicht bei ihm. Als Kind wollte er Ägyptologe werden. Gestalten wie seine Keramik-Hyänen holt er sich aus der Mythologie. "Vom Berghain habe ich genug. Was man hier sieht, ist so stark, dass ich danach etwas anderes brauche." Er ist schon knapp 50, und natürlich macht er sich Gedanken, wie es weitergehen soll.

Wer hier arbeitet, muss einiges aushalten. Das Berghain ist nicht nur ein legendärere Techno-Club, sondern auch Ort für Exzesse jeder Art - von der Fetischparty bis zum Drogenrausch. Die Ausstellung sieht Peter Knoch als Chance. "Ich will auch mal etwas davon haben, dass dieser Ort so einen Mythos hat."

Besonders schön: das zarte, fast unsichbare Video von Yusuf Etiman. Er entwirft fürs Berghain alle Flyer, Plakate und CD-Hüllen. Im Film schleicht er sich wie ein Dieb an den Wänden entlang, eine blasse Gestalt, die sich immer wieder dehnt, duckt und bückt. "Archi-Stretching" nennt er das, und eigentlich ist es eine große Liebeserklärung an dieses Haus. Denn: "Das Berghain ist die längste Beziehung meines Lebens."

Kubus im Berghain, bis 26. August, täglich von 16 bis 22 Uhr

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