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Berliner Salonkultur: Hier trifft sich die Bohème

Wer in der Hauptstadt hip sein will, geht nachts in so genannte Salons. Auf der "Bohème Sauvage" in Berlins Mitte tanzen alt und jung zu Swing, Boogie-Woogie und Foxtrott. Wer es noch spezieller mag, besucht den "Erotischen Salon" oder den "China Club".

Von Dirk Engelhardt

Sich so zu stylen, als wäre man gerade aus dem Bett gefallen, ist in den meisten Berliner Clubs quasi der Dresscode. Sich kunstvoll vor dem Spiegel zurechtzumachen dagegen uncool. Doch genau diese kunstvolle Ausstaffierung ist es, die den ungeheuren Reiz von "Bohème Sauvage" ausmacht, der Neuauflage einer wilden Tanznacht, wie sie zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Berlin gang und gäbe war.

Wo Damen noch keusch mit "Fräulein" angesprochen werden

Einmal pro Monat heißt es, das Macbook gegen den Fächer einzutauschen und die nächtliche Zeitreise anzutreten. Im samstagabendlichen Getümmel in den Hackeschen Höfen, zwischen Touristen aus Bamberg und Jugendcliquen aus Zehlendorf, fällt sie auf: die Dreier-Mädchengruppe, gewandet in dunkelroten, ärmellosen Minikleidern mit Spitze, um den Hals mehrere dicke Perlenketten. Die Haare wurden schimmernd mit der Wasserwelle in Form gebracht, die Augen dunkelgrau mit Mascara und Lidschatten betont. Eine freudig erregte Ausstrahlung geht von ihnen aus, und Passanten merken, dass sich die Damen nicht einfach so zum Spaß angekleidet haben.

Kurz darauf folgt ihnen eine Gruppe dreier junger Herren, ebenfalls formvollendet gekleidet, mit Sakko, Weste und Spazierstöcken. Sie grinsen sich verschwörerisch an, und erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass die erhöhte Ausdruckskraft ihrer Augen dem Einsatz eines Kajal-Stiftes zu verdanken ist. Dann stolzieren sie, in gemessenem Abstand zu den "Fräuleins", wie unverheiratete Damen hier noch keusch angesprochen werden, zum Eingang des Salons.

Eine halbnackte Schönheit lockt in den Salon

"Bohème Sauvage ist keine Party, sondern ein rauschendes Fest zu Ehren der Helden vergangener Nächte", sagen die Veranstalter jener Festivität, die "Gesellschaft für mondäne Unterhaltung". Schon die Einladungskarte mit ihrem Jugendstildesign und der lasziven, halbnackten Schönheit mit Federboa und grünen Pumps zeigt, wie liebevoll und gekonnt die Macher sich ihrer Veranstaltung annehmen. Ins Leben gerufen wurde die Eventreihe von Inga Jacobs, 26 Jahre alt. Schon vor vier Jahren begann sie, in ihrem Wohnzimmer private Salons im Stil der 20er Jahre zu veranstalten. Für die Vorbereitung von "Bohème Sauvage" nimmt sie sich Zeit: Neun Stunden lang wird der Salon mit Spieltischen, Stoffbahnen und Postern dekoriert, sogar einen kleinen, beleuchteten Bauchladen für den Zigarettenverkauf hat Inga Jacobs gebastelt. Dazu gibt es Zigarettenschachteln im Jugendstildesign zum Selberfalten für einen Euro.

Omas alte Kleider sind plötzlich wieder heiß begehrt

Die Gäste nehmen die Einladung dankbar an, es gibt mittlerweile Stammgäste, die extra aus Hamburg anreisen. Tatsächlich findet sich im Ballsaal kaum jemand, der nicht viel Mühe auf ein individuelles Äußeres verwendet hat. In dem Raum mit dem Kristalllüster und den dunkelroten Samtsofas fallen nur die Kellnerinnen mit ihren Baumwoll-T-Shirts aus dem Rahmen. Ansonsten ist die Zeitreise in die 20er Jahre perfekt: eine junge Dame trägt eine silbrig-weiße Bubikopf-Perücke zur schwarzen Federboa, eine andere zieht die Blicke mit einem orientalischen, goldglänzenden Kopfschmuck auf sich, im Gesicht eine kunstvolles Make-up mit Goldglitter, welches in Wellenform von den Augen strahlt.

Ein gewisses Fräulein Drusilla hat sich ihr Ouftfit im farbenfrohen Tiki-Style und tropischen Blüten selbst geschneidert. Dass der Tiki-Style seine Blüte in den 50er Jahren hatte, wird hier nicht so eng gesehen. Glücklich, wer eine Großmutter in der gleichen Stadt hat - deren Paillettenkleider oder Roben mit schwingenden Goldfäden sind jetzt auf einmal heiß begehrt. Für die anderen gibt es in Berlin genug Läden, die entsprechende Ausstattung verkaufen oder verleihen.

Laisser-faire! Verruchte Wildheit!

Ein gewisser Konstantin alias "Coco" macht indes mit lautem Geklapper auf sich aufmerksam - seine Schuhsohlen sind mit Eisenringen verstärkt. Zusammen mit dem akrobatischen Werfen seines Spazierstocks im Takt der Swing-Musik ist er beim weiblichen Publikum sofort der Held des Abends. Alle Altersklassen sind vertreten: Ein Herr mit - echtem - weißen Schnurrbart präsentiert sich im gedeckt hellen Anzug und passender Fliege. Auf seinem Kopf thront ein originaler, roter Fez mit schwarzen Borten, wie ihn Sultane früher trugen. Die kirschroten Lippen einer Dame schließen sich um eine schwarze Zigarettenspitze, während ihr Begleiter etwas unschlüssig am Begrüßungscocktail nippt: Apfelsaft mit Grand Marnier, im Sektkelch gereicht. Angeblich auch ein Aperitif der 20er Jahre.

Nur einmal im Monat findet die Party statt, und die Stimmung vibriert so fühlbar, dass man sich tatsächlich in die Goldenen Zwanziger zurückversetzt fühlt. Zum Charleston und Swing füllt sich die Tanzfläche wie von selbst, Männer tanzen mit Männern, Frauen mit Frauen und Frauen mit Männern. Oder auch ganz allein. Laisser-faire! Verruchte Wildheit! Nächte ohne Morgen! Die orientalische Schönheit ist mit ihrem Begleiter allerdings nicht zufrieden: "Tritt mir nicht dauernd auf die Füße!" herrscht sie ihn etwas undamenhaft an.

"Leichte Mädchen" tanzen im Goldstaub

Kleine Dinge sind es, die den Reiz der Nacht ausmachen. Die 30 Millionen Reichsmark, die jeder Besucher zum Roulette-Spiel im Hinterzimmer bekommt, sind exakte Kopien des Geldes jener Zeit. Für jeweils 60 Millionen Reichsmark gibt es ein Gläschen hochprozentigen Absinth, stilecht serviert mit brennendem Zuckerwürfel. Nicht nur der Roulettetisch ist die ganze Nacht heiß umlagert. Auch beim Poker und der Black Jack wird gedrängelt - wobei die Damen das Roulette präferieren, die Herren eher das Pokern.

Im verruchten - aber keineswegs verrauchten - Ambiente legt der "Unterhaltungskünstler" Schallplatten mit Tanzmusik der 20er bis 40er Jahre auf, vermischt mit Charleston, Tango, Klezmer, französischen Chansons und russischer Volksmusik. Es ist tatsächlich so, wie es vollmundig in der Einladung geschrieben steht: Die "Roaring Twenties" röhren bis in die frühen Morgenstunden, der Goldstaub glitzert in der Luft und die "leichten Mädchen" halten den Rocksaum beim Tanzen kokett in der Hand.

Für alle Vorlieben der passende Salon

Nicht ganz so ausschweifend, aber nicht minder interessant sind andere Salons, in denen Musikvorträgen gelauscht oder auch diskutiert wird. Rund 50 Interessierte kommen immerhin zusammen, wenn Veranstalterin Silke Maschinger zum "erotischen Salon" einlädt, und dabei mit Gästen über Themen wie "Das spielerische Raufen für Erwachsene als Form der lustvollen körperlichen Auseinandersetzung", die weibliche Ejakulation, Erotik-Workshops für Behinderte oder Luxus-Swingerclubs diskutiert. Als Ort wählte sie einen mit Stühlen und bequemen Sofas ausgestatteten Raum in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg, die Nähe zu potentiellen Gästen dürfte dabei gegeben sein.

Improvisiert, und ein echter Geheimtipp in der Berliner Szene sind die sogenannten Wohnzimmerkonzerte, die private Salonatmosphäre und gemeinsames Musikerlebnis kombinieren. Initiatorin ist Elena Brückner. "Weltklassemusiker und lokale Talente" sollen sich ein Stelldichein im intimen Rahmen eines Wohnzimmers geben und hautnahen Kontakt mit interessiertem Publikum suchen. Das Konzept ist schnell umrissen: Drei Musiker, meist Singer und Songwriter, verwandeln das Wohnzimmer einer Privatwohnung in einen Konzertsaal und spielen je 40 Minuten. Kommen kann jeder, der sich anmeldet. Da meist nicht mehr als 40 Stühle in ein Zimmer passen, sind die Konzerte sehr schnell ausverkauft.

Luxus pur im "China Club"

Salons gibt es für jede Schicht: allen voran der im Hotel Adlon beheimatete "China Club", in dem allein die Aufnahmegebühr ab 10.000 Euro kostet. Aufgenommen wird hier allerdings längst nicht jeder, der das Geld hat. Wer es geschafft hat, hat Anrecht auf exklusive Warenhausbesuche etwa in den Galeries Lafayette - außerhalb der Öffnungszeiten, versteht sich. Ein klassischer Salon ist der "Hamburger Salon", hinter dem Doktor Heidrum Brauer und ihr Salon-Team steht. Brauer sieht sich in der Tradition der Berliner Salondame Rahel von Varnhagen. Zu den halbjährlich stattfindenden Abenden kommen prominente Besucher, es werden Texte rezitiert und am Ende des Abends wird Geld für einen guten Zweck gespendet. Die Abende sind vielleicht nicht so wild wie die der "Berliner Sauvage", dafür gehen die Gäste mit dem Gefühl nach Hause, etwas Gutes für sich und andere getan zu haben.

Berliner Salons:
www.berlinerzukunftssalon.de
www.bohemesauvage.de
www.liveintheliving.de
www.erotischer-salon.de
www.derschoenesalon.de
www.berlinerzimmer.de

Hamburger Salon:
www.salon-hamburg.com

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