VG-Wort Pixel

Biennale in Venedig Zur Eröffnung bitte Sliwowitz


Die 54. Biennale von Venedig ist größer, bunter und vielfältiger als ein orientalischer Basar - und in diesem Jahr mindestens genauso kommerziell. Das einstige Festival der Möglichkeiten ist zur größten Kunstmesse der Welt mutiert. Aber immerhin auch zur schönsten.
Von Silke Müller

Jeden morgen um 10 Uhr dieselbe Szene: Kies spritzt auf, eine weiße Staubwolke bildet sich dicht über dem Boden, Schritte trommeln über die Querachse der Giardini. Strohhüte fliegen zur Seite, Sommerkleider flattern, Absätze bleiben im Boden stecken. Eine Stampede von Kunstbegeisterten setzt sich in Bewegung, denn es gilt, die vordersten Plätze in den Warteschlangen vor den beliebtesten Länderpavillons zu besetzen. Nach Abstimmung mit Füßen sind die USA und Großbritannien die Gewinner des Nationenwettbewerbs, dicht gefolgt von Deutschland.

Dass ausgerechnet die auch architektonisch dominantesten Kunstpaläste im Biennale-Park so belagert werden, zeugt von der Macht, die Tradition und Kapital auf dem Kunstmarkt erzeugen. Der US-Beitrag wird dieses Jahr von der Modemarke Hugo Boss mitfinanziert, das Unternehmen aus Metzingen war 2009, bei der vorigen Biennale, noch Sponsor des deutschen Beitrags. Vor zwei Jahren räumten die Amerikaner mit Bruce Nauman den Goldenen Löwen ab, Deutschland blamierte sich mit einer Sperrholzinstallation samt sprechender Katze des britischen Gastkünstlers Liam Gillick.

Provokativen Aplomb abliefern

Als der für Deutschland nominierte Aktionskünstler Christoph Schlingensief im August 2010 an den Folgen seiner Krebserkrankung starb und noch kein handfestes Konzept für seinen Biennale-Beitrag vorlag, sattelte Boss auf den vermeintlich prestigeträchtigeren US-Pavillon um. Mit den hierfür eingeladenen Szene-Stars Jennifer Alora und Guillermo Calzadilla war zumindest eines gewiss: Die beiden aus den USA und Kuba stammenden Künstler würden etwas Signifikantes mit provokativem Aplomb abliefern, denn dafür stehen sie schließlich.

So kam es dann auch. Vor dem neoklassizistischen Bungalow der USA liegt ein umgekippter Panzer. Auf einer seiner Ketten haben die Künstler ein Laufband angebracht, auf dem US-Leistungssportler Kilometer schrubben - und dabei eine, ja nun, Kettenreaktion in Gang setzen. Die von Muskelkraft angeschobenen Panzerketten kreischen so ohrenbetäubend, dass die Gäste im davor liegenden Biennale-Café sich gegenseitig anschreien. Starke Präsenz also, auch für Boss.

Im Innern des Pavillons absolvieren Elite-Turner aus den USA eine gequälte Kür an Geräten, die den Liegesitzen in der Business-Class großer Flugzeuge nachgeformt sind. Und zum Abschluss dürfen Besucher ihre Kreditkarte in einen Geldautomaten stecken, der mit Orgelpfeifen bestückt ist, die, nun ja, losorgeln. Man schämt sich dann ein bisschen, schiebt die Karte zurück in die Brieftasche und geht hinüber zu den Deutschen, um Buße zu tun für diesen Augenblick der Schwäche.

Schlingensief regelt die Dinge "von oben"

Denn bei den Deutschen wird der Kunst eine donnernde Messe gelesen. Man trifft sich zu Exerzitien auf den harten Bänken der "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir", Vorbeter ist noch immer der Aktionskünstler, Regisseur und idealistische Weltverbesserer Christoph Schlingensief, der nun, Jesus gleich, in den Himmel entschwunden und dennoch irgendwie bei uns ist. Die von seiner Witwe Aino Laberenz und der Chefin des Frankfurter Museums Moderner Kunst, Susanne Gaensheimer, verantwortete Inszenierung des Pavillons suggeriert Authentizität: Aus Holzlatten zusammen gezimmerte Kanzeln, ein Altar mit Handschrift-Dekor, Röntgenaufnahmen der krebskranken Lunge und das Pflegebett des Künstlers, an den Wänden Film-Projektionen seiner Aktionen, aus dem Lautsprecher dröhnt seine Stimme. So als habe Schlingensief seine Ankündigung wahr gemacht, die nicht zu Ende geführten Projekte "von oben zu regeln".

Wer nicht an Wunder glaubt, mag eine sachlichere Dokumentation seines Wirkens dem genialischen Budenzauber vorziehen. In den beiden Seitenschiffen des Christoph-Tempels ist das gelungen: Ein Modell des Operhauses, Fotos aus dem Dorf und Videos berichten über die ersten Schritte seines Burkina-Faso-Projektes und eine Mini-Retrospektive seiner Filme erlaubt einen tieferen Einblick in den Kosmos Schlingensief. Sponsor des Mysterien-Theaters, das den Betrachter in die Position des anbetenden Jüngers zwingt, ist übrigens (neben anderen) Bionade. Unternehmensstrategisch ein Coup: Am Tag der Eröffnung zeichnete die internationale Jury der Biennale den deutschen Pavillon mit dem Goldenen Löwen für den besten Länderbeitrag aus.

Die Jury betont mit dieser Entscheidung - neben dem Respekt für ein fulminantes Lebenswerk - einen anti-kommerziellen Moment im Betrieb der Biennale, der nicht gerade im Trend liegt. Nach der Krise von 2008/2009 schraubt sich der Markt in riskante Höhen - und reißt die bislang vor allem als Ereignis gefeierte Biennale in Venedig mit in den Sog des Kommerzes. In den Tagen vor der offiziellen Eröffnung tummelten sich Tausende Besucher in den Ausstellungshallen, Sammler führten ihren Freizeitlook und die asiatischen Nannys aus, während die Gatinnen die Boutiquen von Prada, Ferragamo, Cavalli und Zegna stürmten. Galeristen und Kunsthändler bezogen vor den Werken ihrer Bestseller Stellung und so manches Bild, das gerade frisch an die Wand genagelt worden war, hatte schon einen neuen Besitzer und der Künstler eine beachtliche Auftragslage.

Während vor wenigen Jahren noch abgewartet wurde, welche Künstler es von der Biennale hinüber zur anschließenden Art Basel (15. bis 19. Juni) schafften, sind heute schon vor der Eröffnung in Venedig die Claims abgesteckt. Heißester Markt derzeit: die Kunst aus dem nahen und mittleren Osten. Auf der Biennale spiegelt sich dies in der Schau "The Future of a Promise" ("Die Zukunft eines Versprechens") - einer vermutlich folgenreichen Auswahl von 22 Künstlern der arabischen Welt. Zusammengestellt wurde sie von Lina Lazaar, der Tochter des einflussreichen tunesischen Sammlers und Investors Kamel Lazaar, die im Auktionshaus Sotheby's in London die Versteigerungen von Kunst aus dem mittleren Osten und Nordafrika organisiert.

Der Markt giert nach frischer Ware

Wer jetzt noch nach Beirut, Kairo, Amman oder Damaskus reist, um nach vielversprechenden Künstlern zu suchen, trifft dort auf Galeristen aus Paris, New York, Zürich und London, die längst ihre Fänge ausgestreckt haben. Einmal auserwählt, müssen die Künstler in Produktion gehen, um all die Messen und Ausstellungen zu bedienen, die ihre neuen Aufraggeber für sie arrangieren. Der Markt giert nach frischer Ware - und die Umbruchsituation in Nahost verspricht frische, authentische Arbeiten. Zu trauen ist in solchen Momenten eigentlich nur jenen Galeristen, die sich aus Überzeugung schon länger mit dem Gebiet beschäftigen und Künstler aufbauen, statt sie abzugreifen.

Niemand wäre freier von solch marktspezifischen Interessen als der künstlerische Leiter oder die Leiterin der zentralen Ausstellung der Biennale. Dieses Jahr hatte Bice Curiger, 63, Kuratorin vom Kunsthaus Zürich und Herausgeberin der Zeitschrift "Parkett" die ehrenvolle Aufgabe, einen Suchscheinwerfer auf die unübersichtliche Kunstszene zu werfen. Doch ihr dem Licht gewidmeter Parcours unter dem Titel "Illuminations" lässt außer wenigen Highlights nichts erstrahlen. Beziehungslos hängen und stehen die ausgewählten Werke nebeneinander, vieles davon reine Galerie- und Kunsthandelsware. Hier wird wenig gewagt und dabei viel verspielt. Wo bleibt der Mut, die Anmaßung, die Zumutung? Schon Heiterkeit wäre ein berauschender Faktor.

"Parapavillons" mit Akzenten

Die Auslotung der eigenen Biografie ist ein wiederkehrendes Motiv, aber auch dort wird mit dem heiligen Ernst der Einfalt operiert. Einzig die etwas gespreizt "Parapavillons" bezeichnete Idee, ein paar Künstler Räume gestalten zu lassen, in denen wiederum andere ihre Arbeiten präsentieren, verpasst der harmlosen Schau ein paar Akzente. Etwa wenn der zu Recht von der Biennale für sein Lebenswerk geehrte Wiener Bildhauer Franz West die Wände seiner Küche nach Venedig transferiert und daran Werke aus seiner persönlichen Sammlung zeigt, oder wenn die polnische Bildhauerin Monika Sosnowska einen sternförmigen Aufbau installiert, in dem ein Sound-Objekt des Briten Haroon Mirza und die erschütternden Fotos des Südafrikaners David Goldblatt sich gegenseitig befeuern.

Provokationen sind eher an den Rändern zu finden. Etwa auf der Insel Giudecca im Süden Venedigs, wo der italienische Künstler Giuseppe Stampone mit einer riesigen Neonschrift in die Lagune "Bye Bye Ai Weiwei" schreibt- ein sarkastischer Hinweis darauf, wie schnell das Schicksal des verschleppten chinesischen Künstlers in Vergessenheit geraten kann. Oder im winzigen Durchgangsraum, den die Biennale den Kroaten als "Pavillon" zugewiesen hat: Dort ist hinter einer Wand mit Warnung vor explizitem Material ein verwackelter Amateurfilm aus den Sechzigern zu sehen, der ein ärmlich anmutendes Paar in einer Art Einzimmerwohnung beim Sex zeigt. Unprätentiöser kann man so etwas nicht zeigen. Der Performance-Künstler und Avantgarde-Filmer Antonio G. Lauer a.k.a. Tomislav Gotovac ist 2010 gestorben - so wie Christoph Schlingensief. Wenn es ein Wiedersehen im Jenseits gibt, mag man beiden wünschen, dass sie sich treffen. Ein Himmelreich für zwei hemmungslose Trash-Filmer. Zur Eröffnung dann aber bitte Sliwowitz.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker