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Caravaggio-Schau: Ein schmutziges Genie des Barocks

Er schwelgte im barocken Exzess, war ein Lebemann ohnegleichen und gleichzeitig ein genialischer Künstler. Der italienische Maler Caravaggio ist berühmt für seine dramatische Hell-Dunkel-Malerei. Wenige Werke sind erhalten und in Düsseldorf zu sehen.

In greller Nacktheit reckt sich der gefiederte Liebesgott dem Betrachter entgegen, lächelt ebenso wissend wie verschlagen und dreht der Welt mit all ihren Emblemen von Macht und Gelehrsamkeit den blanken Hintern zu. Das Gemälde "Amor als Sieger" malte der italienische Barockkünstler Michelangelo Merisi, besser bekannt als Caravaggio (1571-1610), auf dem Höhepunkt seines Könnens. In Düsseldorf ist das Meisterwerk Mittelpunkt einer Präsentation, in der erstmals mit einer Einzelausstellung in einem deutschen Museum das Oeuvre des skandalumwitterten Italieners zur Diskussion gestellt wird. Fast 40 Gemälde sind zu sehen, bei knapp einem Dutzend handelt es sich um Originale Caravaggios, der Rest ist ihm noch oft mit Zweifeln zugeschrieben oder es sind alte Kopien seiner bereits früh von Sammlern begehrten Werke.

Mit dieser einmaligen Zusammenschau sollten der Caravaggio-Forschung neue Impulse geliefert werden, argumentieren die Ausstellungsorganisatoren und machen aus der Not eine Tugend, kaum Originale aus den rund 90 erhaltenen Werken des Malers ausleihen zu können. So soll nicht die erst heute drängende Frage der Authentizität, sondern die der Originalität und Wirk-Mächtigkeit von Caravaggios Bilderfindungen im Mittelpunkt stehen. Hatte noch Amsterdam im vergangenen Februar opulent mit 15 herausragenden Caravaggios im Dialog zu Rembrandt stark auf die Emotion der Kunstwelt gesetzt, richtet sich die quantitativ und qualitativ bescheidenere Düsseldorfer Schau nun vor allem an den Verstand eines kritisch vergleichenden Publikums.

Caravaggios war Günstling von Säufern, Hurern und Totschlägern

Atemberaubend allemal die hochdramatische "Regie" Caravaggios, dessen kurzes Leben als Günstling von Bischöfen, als Säufer, Hurer und Totschläger überwiegend aus Prozessakten überliefert ist. Die Frage nach dem "echt" beantwortet vielleicht am besten der Blick in die mit tiefer Menschenkenntnis gemalten Gesichter seiner Modelle, die er auf den Straßen Roms und Neapels auflas. Seine Kunst verwandelte sie in exstatisch büßende Magdalenen oder zu "Johannes dem Täufer", wie er nackt und formatfüllend in Variationen voller homoerotischer Anspielung an den Museumswänden zu betrachten ist. Gleichzeitig ist der Knabe mit dem Widder eine freche Spitze gegen den lästigen Konkurrenten Michelangelo, der einen ganz ähnlichen Jünglingsakt in der Sixtina verewigt hat.

Wie soll der Finger gedeutet werden, mit dem "Der ungläubige Thomas" tief in der klaffenden Seitenwunde Christi stochert? Ein weiterer knabenhafter "Johannes der Täufer" (1605) mit entblößtem Oberkörper und beinahe brutalem Schmollmund scheint geradewegs dem Leben und den Filmen Pier Paolo Pasolinis entstiegen zu sein.

Dramatische Hell-Dunkel-Malerei

Doch nicht nur der skandalöse Realismus und die ganze Maler-Generationen beeindruckende, dramatische Hell-Dunkel-Malerei macht Caravaggio interessant. Seine Motive scheinen oft wie in moderner Fotografie oder im Film arrangiert. Da reckt "David mit dem Haupt Goliaths" (1609/10) den perspektivisch übergroß verzerrten blutigen Kopf des Riesen - ein rätselhaftes, seltenes Selbstporträt des Malers - in die imaginäre "Kamera". Beim "Gastmahl in Emmaus" (um 1601) rückt der Maler das vor düsterem Hintergrund lebendig ausgeleuchtete Geschehen "fotografisch" so dicht an den Bild-Vordergrund, dass sich trostreich auch noch der ärgste Sünder vom Schlage eines Caravaggio an den Tisch des jungenhaften Christus eingeladen fühlen darf.

Die Ausstellung "Caravaggio - Auf den Spuren eines Genies" ist noch bis zum 7. Januar im Düsseldorf Museum Kunstpalast zu sehen.

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