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Dauerquatsch-Wettbewerb: Sabbeln, bis der Arzt kommt

In vier deutschen Städten fiel am Freitag der Startschuss zu einem Wettbewerb im Dauerreden. Die Aufgabe: so lange wie möglich mit einem Partner quatschen - höchstens zehn Sekunden Funkstille waren erlaubt. Der Sieger hielt 54 Stunden durch.

Von Christina Gest

Absurditäten gibt es viele, wenn es darum geht, einen Weltrekord aufzustellen. Am Wochenende konnte man im Fernsehen einem Muskelprotz dabei zusehen, wie er mit dem Kopf hölzerne Klobrillen zertrümmerte. Der Dauerquatsch-Wettbewerb ist mehr als absurd, er ist eine Art großangelegte psychologische Studie. Wer hält länger durch? Männer oder Frauen? Freunde oder Fremde? Jung oder alt? Beteiligt: 70 Versuchspersonen aus Köln, München, Berlin und Hamburg, in allen Konstellationen. Es winken 10.000 Euro Siegesprämie und ein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.

Omas ultimativer Quasseltipp: Milch!

Die Favoriten im "Versuchslabor" Hamburg heißen Jan und Dennis. Der Student und der Werbetexter wohnen zusammen und sie lümmeln an ihrem Tisch herum, als wäre es die heimische WG-Küche. Vor sich Zigaretten, eine Rolle Klopapier, eine Jahresration Hustenbonbons und ein Glas Milch. Milch? "Ist ein Tipp von meiner Oma", sagt Jan. "Haben Lackierer und Bergarbeiter früher auch immer getrunken, gegen den Feinstaub." Die Jungs, Künstlername "Geräteraum", sind guter Dinge, dass die Konkurrenz nicht länger als 24 Stunden durchhält, als sie Freitag um 15 Uhr beginnen, sich über Urlaubserlebnisse auszulassen.

Und tatsächlich: Die ersten Verluste gibt es früh. Nach 130 Minuten ist ein Mädchenpaar ausgeschieden - unter vehementem Protest: "Wir haben die ganze Zeit geredet! Das Mikro funktioniert nicht." Aber technische Probleme beim Mobilfunkunternehmen mit dem magentafarbenen Logo - ausgeschlossen! Und so müssen Funda und ihre Freundin das Feld räumen. Die Tischnachbarn freut's, bedeutet das doch etwas mehr Platz und zwei Stimmen weniger, die permanent ins Headset brüllen. In der Tat ist die Geräuschkulisse im Café beachtlich. Spricht man zu leise, schlägt der Pegel auf dem Laptop nicht aus und auf dem Monitor springt erbarmungslos der Sekunden-Countdown an: 10, 9, 8 - reden, reden, reden!

Kreativität gegen den Wahnsinn

In der hintersten Ecke des Raumes fällt ein Team auf. Sie sind das einzige gemischte Paar und sie plaudern nicht nur - sie flirten! Aus gutem Grund: Baschir und Tatjana haben sich erst vor zwei Wochen kennen gelernt. Der Wettbewerb ist ihr drittes Date - unter verschärften Bedingungen: Damit er gleich weiß, was auf ihn zukommt, falls aus den beiden was werden sollte, hat Tatjana sich gar nicht erst aufgebrezelt, sondern in den legeren Gammellook geschmissen: Jogginghose und Schlabberpulli. Bequemlichkeit vor Aussehen. Frisch verknallt - ob das für den Sieg reicht?

Am Abend herrscht so was wie Feierlaune, es wird viel gelacht. Trotzdem drehen sich die Gespräche immer öfter um den möglichen Gewinn. "Ich möchte gern in den Urlaub fahren mit einer Frau, von der ich nicht weiß, ob sie auch mit mir in den Urlaub möchte", philosophiert Dennis über seine Pläne. Wäre dies eine normale Bar, würde Jan jetzt wahrscheinlich kurz seufzen und seinem Kumpel dann mit etwas Hochprozentigem zuprosten. Nicht hier. Jan antwortet. "Ich hätte gern eine Kneipe, eine Kneipe auf dem Kiez." Es muss nicht tiefsinnig werden, es muss nur weiter gehen. Wenig später kommentieren die zwei fiktive Fußballspiele: "Herzlich Willkommen meine Damen und Herren, hier zum DFB-Final Bayern gegen Bremen. Bei mir ist Günther Netzer. Hallo Herr Netzer." "Guten Tag, Herr Dellinger." "Ich heiße Delling!" "Tut mir leid, habe ich vergessen." "Kein Problem. Die Bayern im Finale. Wir alle sind gespannt auf den Nord-Süd-Gipfel. Sie auch?" Kreativität gegen den Wahnsinn.

Berliner Geheimwaffe: Eine Flasche Rum und 22 Jahre Männerfreundschaft

Neben den "Geräteraum"-Jungs wird berlinert. "Die Schlümpfe" haben ihre Teilnahme am Wettbewerb bei einem Radiosender gewonnen und sind extra aus der Hauptstadt angereist. Drei Stunden lang schweigend natürlich. Ihr Ziel: Wenigstens bis zum nächsten Morgen durchhalten. Sie haben kein Hotel gebucht und wollen die Nacht ungern im Auto verbringen. Ihre Geheimwaffe: eine Flasche Rum, 22 Jahre Männerfreundschaft und eine gehörige Portion Allgemeinwissen: "Der Saturn, also, der kommt alle 63 Jahre auf die Erde zu, und zwar so, ja, dass man die Ringe nicht mehr sieht. Da wurde jetze zum ersten Mal überhaupt ein Foto von gemacht." "Und das passiert nur alle 63 Jahre?""Alle 63 Jahre!" Klingt spannend, nützt aber nichts. Irgendwann gegen vier Uhr morgens, nach 13 Stunden in der Laberhölle, haben die Bacardi-Schlümpfe genug.

Die erste Nacht überstehen nur die strikten Abstinentler. Die drei Teams, die auch nach 24 Stunden noch da sind, trinken grünen Tee und essen Salat. Nichts mit Pommes oder Bier, der Körper verlangt nach Gesundem. Zumindest zum Teil. Aus geplanten vier Schachteln Kippen sind bei Jan mittlerweile acht geworden. Sie schmecken nicht, aber so hat er immer was zu tun. Das ist nötig, denn echte Unterhaltung sieht anders aus. "Es gibt keine zweite Meinung oder Verständnis mehr", sagt Jan, froh darüber, dass mal jemand anderes mit ihm spricht. Dennis hat die Baseballmütze tief ins Gesicht gezogen und starrt Löcher in die Wand. Längst sitzen sich die beiden nicht mehr gegenüber sondern nebeneinander. Oder sie stehen auf und treten auf der Stelle. WG-Küchen-Stimmung ade. Und dann sagen sie Dinge wie: "Draußen ist es bewölkt." "Meine Lieblingsfarbe ist blau." Langsam ist es traurig.

Als es wieder dunkel wird, kommt eine Ärztin vorbei. Sie misst den Blutdruck, verordnet Vitamindrinks und gibt ihr Okay für die nächste Nacht. Nicht dass noch jemand vom Stuhl fällt! Aber ans Aufhören denkt keiner - doch nicht jetzt nach über 30 Stunden! Jan und Dennis taktieren: "Andere müssen Montag zur Arbeit. Wir nicht."

"Im schlimmsten Fall schlafen sie einfach ein"

Sonntagnachmittag: Je ein Paar in München und Köln und die drei Duos aus Hamburg - das ist der Rest vom Quatsch-Contest. Immerhin, der Fundus auf dem Tisch ist um Zahnbürsten reicher geworden. Ein kleines Zugeständnis der Veranstalter an die Mundhygiene. Als auch die 48-Stunden-Marke geknackt ist, mag keiner so recht jubeln. Dafür müssten schon die anderen aufgeben. Sie wollen schlafen oder wenigstens duschen. Aber dazu reichen die zehn Minuten Pause alle zwei Stunden beileibe nicht. Da vertreten sie sich die Beine und, ja wirklich, sie telefonieren. Der Angerufene hört wenigstens noch zu. Zeit totschlagen und sprechen, nur eben nicht miteinander, darum geht es inzwischen. Jan, die Haare hängen ihm fettig ins Gesicht, bemerkt körperliche Beschwerden. "Ich sehe Farbflecken vor meinen Augen. Meine Gelenke tun weh." Es zwingt sie niemand zu bleiben und sie bleiben trotzdem.

Bei Tatjana und Baschir, den Dauer-Datern aus Bremen, hat es sich ausgeknistert. Sie hockt Beine baumelnd auf der Fensterbank und beschreibt stupide die Leute im Raum. Er hat kaum noch Stimme. Worüber sie die zweite Nacht gesprochen haben? Baschir zuckt mit den Schultern. "Ich fühle mich wie besoffen. Mein Gehirn kann nichts mehr speichern. Gar nichts." Delirium? Gefährlich? Gegenüber sitzt eine Sanitäterin, gänzlich unaufgeregt: "Ach nein, im schlimmsten Fall schlafen sie einfach ein." Um 18 Uhr geben Tatjana und Baschir auf.

Die Erlösung für Jan und Dennis kommt nach 54 Stunden und 15 Minuten, kurz bevor die dritte Nacht anbricht. Beängstigt vom Sitzfleisch der Dauerquatsch-Teilnehmer zieht der Veranstalter die Reißleine und kürt kurzerhand alle vier verbliebenen Quasselteams zum Sieger, darunter ein reines Frauenduo aus München und ein gemischtes Paar aus Köln. Ergebnis der Psycho-Studie: Konstellation egal. Jeder kann es schaffen, aber ein erholsames Wochenende sieht anders aus. "Das ist retrospektiver Spaß und Teil unserer finanziellen Autobiografie", findet Jan, zusammen mit Dennis um 10.000 Euro reicher. Er kann kaum mehr aus den Augen gucken, aber noch ganze Sätze sprechen. Das ist irgendwie auch absurd.