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Jonathan Meese: Das Kind unter den Künstlern

Er steht auf Vampire und Dracula, baut bombastische Installationen mit Totenköpfen und Eisernen Kreuzen. Jonathan Meese, 35, wohnt bei seiner Mutter und gilt als "jüngster Großkünstler Deutschland". 150 seiner Werke sind in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen.

Von Kathrin Buchner

Die Aufführung passt zu der Kunst von Jonathan Meese: Auf harten Holzbänken sitzt man ohne Lehne, man ist froh, nicht ganz vorne geblieben zu sein, um die von den Hauptdarstellern mit Schwung ausgespuckten Essensresten nicht ins Gesicht gepustet zu bekommen, aber vor dem Gekreisch der vornehmlich weiblichen Darstellern ist man auch in hinteren Reihen nicht gefeit.

"Kokain", der Roman von Pitigrilli, ein skandalumwittertes Werk von 1922 über Journalismus und Drogen, wird zur Eröffnung der Meese-Ausstellung von Frank Castorf aufgeführt. Wie passend, in seinen Inszenierungen ist Castorf so radikal wie Jonathan Meese als Künstler, der das Bühnenbild geschaffen. Bunt, drehbar, mit Videoinstallation, so dass man parallel zu den im Vordergrund agierenden Darstellern auch noch die im Hintergrund ablaufenden Handlungen eingespielt bekommt. Leider verschwinden die feinen Zwischentöne, die feinen Zwischentöne, die den Pitigrilli-Roman ausmachen, in einer Orgie aus Geschrei und Geplärre. Die Vorstellung, dies noch weitere zwei Stunden auf unbequemen Holzbänken aushalten zu müssen, treibt doch manch einen Zuschauer hinaus. Zumal sich die großformatige Theaterleinwand und die Sitzreihen mitten in der Ausstellungshalle befindet und nur mit schwarzen Planen abgrenzt ist von den Kunstwerken Jonathan Meese.

Skelett-Teile und Spritzen

Und so kann man ganz in Ruhe die gigantischen Kunstwerke des "jüngsten Großkünstlers Deutschlands", wie Jonathan Meese in die FAZ bezeichnet wird, betrachten. Skulpturen mit Riesen-Penissen, Installationen aus Eisernen Kreuzen, Totenköpfen, Pappmaché-Leiber, aus denen die Innereien quellen, in Schaukästen drapiert er Babypuppen neben Skelett-Teile und Spritzen, in Collagen verbindet er Schwarz-weiß-Poster von Hollywood-Stars mit seine eigenen Fotos und kritzelt farbige Kommentare dazu. Selbst Hitler-Bilder verarbeitet er in seinen Werken, Meese verwendet alles, was ihm unterkommt. Er ist ein manischer Sammler und ein besessener Arbeiter.

Mittelalter-Mystik und Pop-Art

In seinen großflächigen Gemälde, die grellbunt und verspielt sind, muss er Unmengen an Ölfarbe verbraucht haben. Mittelalter-Mystik, Wagnerianische Opulenz und Pop-Art-Einflüsse verwandelt er zu postmodernen Kunstwerken, die bunt und düster zugleich sind - seine ganz eigene Handschrift zieht sich durch die Masse seines Schaffens.

Wohnt noch daheim bei Mama

In der Kunstwelt wird der 35-jährige Meese als neuer Beuys gefeiert, von Tokio bis New York hat er rund 40 Ausstellungen auf- und abgebaut, hat Bühnenbilder geschaffen, Schallplatten aufgenommen, stundenlange Performances dargeboten und mit namhaften Künstlern wie Immendorff zusammengearbeitet.

So radikal Meese in seiner Kunst ist, so freundlich ist er als Mensch: höflich, zurückhaltend und bescheiden. Er lebt im Hamburger Vorort Ahrensburg, im Haus seiner Mutter, die als Büroleiterin des Ein-Mann-Unternehmens Jonathan Meese fungiert. Seine größte Sorge: dass seine Mutter vor ihm stirbt und keiner mehr Ordnung in sein Chaos bringt - dieses Chaos, in dem diese unglaubliche kindliche Kreativität entsteht, die einen zwangsläufig in Erstauen versetzt, wenn man davor steht.

Die Deichtorhallen in Hamburg werden unter dem Titel "Mama Johnny" vom 30. April bis zum 3. September 150 Werke von Jonathan Meese zeigen. Ein Schwerpunkt liegt auf Gemeinschaftsarbeiten mit Künstlerkollegen wie Jörg Immendorff, Albert Oehlen und Daniel Richter. Am 24. Mai wird Meese mit einer Performance zu sehen sein.

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