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Katastrophenkunst: Die perfekte Welle

Eine Lawine, ein Badeunfall, ein Flugzeug, das in ein Hochhaus stürzt - die Holzskulpturen des Bildhauers Andreas Welzenbach zeigen tödliche Katastrophen. Auf stern.de erklärt er, weshalb seine Werke dennoch wohnzimmertauglich sind.

Sie haben in den vergangenen zehn Jahren insgesamt über 50 Katastrophenskulpturen geschaffen. Was fasziniert sie an diesem morbiden Thema?

Mich interessiert die Vergänglichkeit des Lebens, das Bewusstsein, das unsere Zeit hier begrenzt ist. Die größte Faszination am Leben besteht für mich darin, dass es irgendwann zu Ende geht. Aus dieser Beschäftigung mit dem Tod sind meine Serien "Kleine Katastrophen" und "Letzter Blick" entstanden, und auch die Serie "Hinrichten".

Weshalb der Titel "Letzter Blick"?

Diese Serie beruht auf sogenannten Nah-Tod-Erfahrungen. Es gibt Studien, die besagen, dass man sich im Moment des Sterbens aus seinem Körper löst und sich und die Todessituation von oben sieht. Genau diese Draufsicht wird in eine Holzskulptur umgesetzt. So kann man diese letzte Szene im Modell schon vorab erleben.

Eine ihrer Skulpturen zeigt eine Schneelawine, aus der nur noch zwei Skispitzen ragen. Wie reagieren Menschen auf ihre Arbeiten, die von Lawinenunglücken betroffen sind?

Zu einer unmittelbaren Begegnung ist es noch nicht gekommen. Aber auch so kann ich sagen, dass ich nur die Realität abbilde. Wenn ein Skifahrer in einer Lawine stirbt, dann ist es wirklich so, dass man ihn nicht sieht oder nur die Spitzen seiner Skier herausgucken. Wenn ein Schwimmer ertrinkt, weil er auf der Luftmatratze zu weit hinaus gepaddelt ist, dann bleibt nicht mehr übrig als diese leere Luftmatratze. Das ist ein Bild, das jeder vor Augen hat, wenn er sich den realen Vorfall vorzustellen versucht.

Bei dem Untergang der estnischen Fähre "Estonia" in der Ostsee ertranken 1994 über 800 Menschen. Sie stellen diese Katastrophe durch einen einzelnen rot-weißen Rettungsring dar, der in der blauen See schwimmt. Das sieht nett aus. Verniedlichen sie das Unglück?

Nein, aber zunächst soll der ästhetische Reiz den Betrachter anlocken. Erst auf den zweiten Blick, quasi durch die Hintertür, wird ihm bewusst, wie schrecklich dieses Unglück wirklich ist. Vielleicht wird ihm dabei auch klar, wie schwierig der Umgang mit dem eigenen Tod ist.

Fühlen sich Betrachter durch ihre Arbeiten provoziert?

Manchmal ja, aber das hängt damit zusammen, dass sie sich gegen die Wahrheit sträuben. Die Leute wollen nicht an sich heranlassen, dass es sie selbst treffen kann. Zum Beispiel meine Skulptur "Auto auf Baum". Jeden Montag lesen die Leute in der Zeitung, dass es Samstagnacht nach der Disko wieder irgendwo passiert ist. Aber sie lassen das nicht an sich heran. Ich schaffe ein "Memento Mori", denn die Betrachter übertragen das Unglück auf sich selbst.

Dafür nehmen sie in Kauf, Betroffene zu verletzen? Gibt es da keine Tabus?

Doch. Aber die werden von anderen überschritten, nicht von mir, wenn etwa die "Bild"-Zeitung das Foto der Leiche eines Selbstmörders zeigt, wie er vorne am Puffer einer Eisenbahn-Lokomotive hängt. Ich halte meine Arbeiten anonym. Figuren tauchen nicht auf.

Gibt es Katastrophen, die Sie nicht abbilden würden?

Für mich war der 11. September ein Knackpunkt. Zum Zeitpunkt der Anschläge hatte ich mit meinen Skulpturen im Wesentlichen alle Katastrophen-Varianten schon einmal durch - von technischen Katastrophen bis hin zu Naturkatastrophen. Die Ereignisse des 11. September waren in dieser Konsequenz dann aber unvorstellbar. Sie überschritten eine Schmerzgrenze.

Aber die Anschläge stehen doch für die Vergänglichkeit schlechthin. Sie kamen völlig überraschend, wie aus dem Nichts. Für sie doch eigentlich ein ideales Thema. Wo liegt die Grenze dessen, was sie abbilden wollen und können?

Vielleicht bin ich auch zu sehr über mich selbst erschrocken, weil ich schon 1996 eine Skulptur gemacht hatte, in der ein Flugzeug in ein Hochhaus stürzt. Aber diese Bilder waren so stark, dass man sie nicht wiederholen musste. Auch wenn es komisch klingt: Der Tsunami ist etwas anderes. Das Schicksal als Element ist bei dem Tsunami stärker enthalten. Das hat eine andere Qualität als Terrorismus.

Arbeiten Sie schon an einem Tsunami aus Holz?

Ich habe in acht Jahre alten Skizzenbüchern Entwürfe zu einem Tsunami gefunden, aus jener Zeit, als ich mich mit Erdbeben und Vulkanausbrüchen beschäftigte. Allerdings habe ich die Entwürfe nicht ausgeführt. Auch jetzt habe ich eine konkrete Idee für eine Arbeit. Die wird allerdings anders aussehen.

Können Sie Interessenten ihre Katastrophenszenarien guten Gewissens als Dekoration für das heimische Wohnzimmer empfehlen?

Jeder muss selber herausfinden, wie weit er sich tagtäglich mit seiner eigenen Vergänglichkeit konfrontieren will, wie weit er das aushalten kann. Es gibt Sammler und Liebhaber, bei denen hängt eben ein ICE, der am Bahnübergang ein Auto erwischt hat, über dem Wohnzimmer-Sofa - das hat eine sehr ästhetische Qualität. Gleichzeitig hält derjenige aber auch die Geschichte aus, die sich dahinter verbirgt.

Was muss man für ihre Arbeiten bezahlen?

Die Preisspanne reicht von 400 Euro für kleinere Arbeiten und geht dann hoch bis auf 5000 Euro für größere Skulpturen.

Warum können Ihre Skulpturen zum Teil mechanisch bewegt werden, sodass man etwa den Wagen von Grace Kelly über die Klippe springen lassen kann?

Die Mechanik ermöglicht es, den zeitlichen Ablauf eines Ereignisses zu verstehen. Sie erzählt eine Geschichte durch die Veränderung eines "Vorher" in ein "Nachher". Der Betrachter ist so gefordert, selbst Hand anzulegen und die Objekte in Bewegung zu bringen. Er baut die Hemmschwelle gegenüber dem Kunstobjekt ab und wird mit einbezogen. Er verursacht Ereignisse.

Haben die Katastrophen der jüngsten Zeit die Nachfrage nach ihren Arbeiten gesteigert? Sind sie ein Katastrophen-Gewinnler?

Es gab einzelne Einladungen nach dem 11. September 2001. Aber eigentlich eher zurückhaltend.

Das Interview führte Florian Güßgen