Keith Jarrett in Frankfurt Ruhe im Saal!


Zum ersten Mal seit 15 Jahren gab Jazz-Pianist Keith Jarrett ein Konzert in Deutschland. Das Frankfurter Publikum mühte sich um maximale Ruhe, denn jedes Flüstern, jedes Husten hätte dem Konzert ein jähes Ende setzen können. Denn der Meister ist etwas schwierig.
Von Anne Rhode und Sebastian Gampert

Sonntagabend, eine ausverkaufte Alte Oper in Frankfurt, ein Konzert-Flügel und ein 62-jähriger Musiker aus Pennsylvania, der eigen ist. Keith Jarrett überraschte schon oft in seiner Karriere. Er verließ sogar die Band von Miles Davis schon nach einem halben Jahr, weil er kein E-Piano mehr spielen wollte. Aber vor allem begeistert er seine Zuhörer

Der Abend hätte auch so laufen können: Keith Jarrett kommt auf die Bühne, ein paar Leute im Publikum husten, fotografieren oder filmen, der Jazz-Pianist bricht nach 15 Minuten ab und verabschiedet sich ohne Worte.

Heute hatten seine Gäste mehr Glück. Trotz der taktlosen Räusperer in empfindsamen Pianissimo-Passagen, bleibt Keith Jarrett geduldig. Er stoppt, erhebt sich vom Hocker, faltet seine Hände meditativ vor seinem Körper und ermahnt die Zuhörer: "Ihr seid hier, um das Klavier hören. Ich brauche Ruhe, um es spielen zu können." Anspannung macht sich im Saal breit, es ist fast nicht mehr zum Aushalten. Jedes Flüstern, jedes Beine übereinander schlagen, jedes Kitzeln im Hals fühlt sich an wie der Todesstich für den Abend.

Das Publikum atmet durch

Rausgerissen aus seinem Set, setzt er immer wieder an, mit einer ehrlichen Offenbarung seiner selbst: ironische Nachahmungen von Hotellobby-Pianisten ("Ich kann auch so weiter spielen, dann könnt ihr reden und husten, so viel ihr wollt.") oder zerstörerischen Interluden, den Zwischenstücken, die er so schnell spielt und dazu stöhnt, als wolle er seinen Auftritt in wenigen Minuten runter rattern, drücken trotz Perfektion seine Unzufriedenheit aus. Etwa 30 Minuten geht das so, bis er sich verabschiedet. Vorerst in die Pause.

Ein Solo-Abend à la "Köln Concert"

Das Publikum atmet durch, die 2400 Konzert-Besucher sind wütend: Auf die Verkühlten, die ihren Husten nicht unterdrücken können, aber auch auf das Genie. Denn alle stolzen Kartenbesitzer hatten sich gefreut: nach 15 Jahren das erste Solo-Konzert in Deutschland. Und auf einen Solo-Abend à la "Köln Concert", aus dem 1975 eine der erfolgreichsten Platten der Jazz Geschichte entstanden war. Heute sollte doch auch so ein Abend werden.

"Danke! Das war's"

Im zweiten Set bekommen sie das, wofür - so ruft ein Zuschauer in den Saal - "wir bezahlt haben." Keine wie gewohnt 40-minütige durchgehende Improvisation. Vielmehr circa zehn Stücke, in welchen verschiedene Musikstilepochen gegenwärtig sind: barocke Choräle, klassische Balladen, romantische Melodien, impressionistische Harmonien und moderne Rhythmen. Er beherrscht sie alle, die Bach'schen und Chopinesken Stücke. Aber sie klingen wie Keith Jarrett. Egal welchen Standard er improvisiert, daraus wird genialer Jazz.

Einige mitreisende Fans erlebten zwei Tage zuvor sein Solo-Konzert im Béla Bartók- Konzertsaal in Budapest und zogen den Schluss: "Hier ließ er sich nicht aus der Fassung bringen. Vielleicht weil er mit den bürgerlichen Ungarn sympathisiert." In der zweiten Hälfte versöhnt er sich aber auch mit dem Frankfurter Publikum. Bis, na ja, nach einer Stunde und der vierten Zugabe, ein Gast während des Applauses mit Blitz fotografiert. Keith Jarrett nimmt den Beifall gebeugt entgegen, öffnet dann seine gefalteten Hände und nickt, als wolle er sagen, "Danke! Das war's".


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