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Kommentar: Millionäre klauen nicht

Zwei Jahre nach ihrem Verschwinden sind sie plötzlich wieder aufgetaucht, zwei berühmte Gemälde von Edvard Munch. Aber wie so oft steckt hinter dem Diebstahl kein manischer Sammler, sondern eine schnöde Räubergeschichte.

Von Anja Lösel

Nun ist "Der Schrei" wieder da. Und wieder einmal müssen alle feststellen, dass die wilden Theorien vom durch geknallten Millionär nicht greifen, der die schönsten Kunstwerke für seine geheime Wohnzimmergalerie stehlen lässt. Und auch nicht die vom Gentleman-Dieb, der mit weißen Handschuhen arbeitet, keine Spuren hinterlässt und ein ausgewiesener Kunst-Kenner ist.

Bankräuber waren es, die die beiden Munch-Gemälde "Der Schrei" und "Madonna" stahlen. Schnöde Gauner, die davon ablenken wollten, dass sie bei einem Raubüberfall einen Menschen ermordet und sieben Millionen Euro erbeutet hatten. Einer der Bankräuber, wahrscheinlich der Boss einer Bande von 13 Leuten, handelte sich offenbar Straffreiheit heraus, weil er die Bilder aus ihrem Versteck hervorzaubern konnte. Sein Interesse an Kunst: null.

Vermeer-Bild sollte Kredit absichern

So ist es fast immer. "Mit einem Kunstraub wollen die Diebe etwas erreichen", sagt Stefan Koldehoff, Kunstraub-Experte und Autor des Buches "Aktenzeichen Kunst". Darin beschreibt er die spektakulärsten Kunstdiebstähle der Welt. Und die Motive der Räuber. Die IRA versuchte, mit Kunst Gefangene freizupressen. Ein Dieb in England wollte gegen zu hohe Rundfunkgebühren protestieren. Ein Vermeer-Bild sollte gar einen Kredit absichern, der für ein Konto zu hinterlegen war, auf dem Drogengelder reingewaschen wurden.

Viele Gauner spekulieren auch aufs schnelle Geld – und wundern sich dann, dass berühmte Bilder ziemlich schwer zu verkaufen sind. Aber: "In keinem der spektakulären Kunstdiebstähle der vergangenen fünf Jahrzehnte wurde ein Auftraggeber gefunden, der einen Kunstraub um der Kunst willen bestellte", schreibt Koldehoff. "Kunst wird nicht aus Leidenschaft gestohlen, sondern wegen Geldgier, Erpressung, Betrugs oder Dummheit." Ganz normale Motive also. Von Leidenschaft für die Kunst keine Spur. Schade eigentlich.

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