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Kunstraub in Zürich: Wohin mit den Gemälden?

Drei Tage nach dem spektakulären Kunstraub in Zürich stellt sich die Frage, was die Täter mit den Gemälden vorhaben. Viele Möglichkeiten haben sie nicht, sagt Dr. Ingrid Blom-Böer vom "Art Loss Register" im Gespräch mit stern.de. Auf dem freien Markt sind die bekannten Werke nicht verkäuflich.

Von Katharina Miklis

Es geschah am helllichten Tag. Drei maskierte Männer spazierten am vergangenen Sonntag in die Sammlung Bührle im Züricher Seefeld, bedrohten die eingeschüchterten Anwesenden mit einer Waffe, und verschwanden so schnell wie sie gekommen waren mit den kostbaren Gemälden unterm Arm. Keine kleinen Gauner sondern rücksichtslose Gewalttäter, die scheinbar bereit waren, bis zum Äußersten zu gehen.

Bei den gestohlenden Werken handelt es sich um Claude Monets "Mohnfeld bei Vétheuil", Edgar Degas "Ludovic Lepic und seine Töchter", Vincent van Goghs "Blühender Kastanienzweig" und Paul Cézannes "Der Knabe mit der roten Weste". Nach drei Minuten war alles vorbei. Mittlerweile hat sich neben der Stadtpolizei Zürich auch Interpol eingeschaltet, um nach den Tätern zu fahnden. Der Gesamtwert der erbeuteten Gemälde beträgt rund 180 Millionen Franken (112 Millionen Euro).

Einen Zusammenhang zwischen dem Raubüberfall auf die Sammlung Bührle und dem Picasso-Raub von letzter Woche im südlich von Zürich liegenden Pfäffikon sieht Dr. Ingrid Blom-Böer vom "Art Loss Register", der weltweit größten Datenbank verlorener und gestohlener Kunstwerke, nicht. "Es ist in der Tat ein großer Zufall, dass zwei Museen im Züricher Raum nacheinander Opfer eines so spektakulären Kunstraubes geworden sind." Der Tathergang war jedoch in beiden Fällen völlig unterschiedlich. "Der Raub in Zürich geschah zu den normalen Öffnungszeiten. Beim Picasso-Raub haben sich die Täter einschließen lassen, so dass man sofort auf Insider getippt hat". Ein Zufall also, der die Kunstwelt in der Schweiz in Angst und Schrecken versetzt?

Mafiose Methoden des Artnappings

Dass ein reicher Kunstliebhaber als Drahtzieher hinter dem Züricher Raub steckt, schließt Dr. Ingrid Blom-Böer praktisch aus: "Dass die Täter einen Auftrag von jemandem erhalten haben, der die Bilder heute über seinem Kamin hängen hat, ist sehr unwahrscheinlich. Das haben wir noch nie erlebt". Als Motiv für den Bührle-Raub hält Blom-Böer das so genannte Artnapping für viel wahrscheinlicher - die Erpressung eines Eigentümers oder dessen Versicherung auf Zahlung eines Lösegeldes. Dabei werden zum Teil mafiose Methoden an den Tag gelegt. Dr. Ingrid Blom-Böer weiß, wovon sie spricht: "Es ist ein makabrer Vergleich. Aber so, wie man von gekidnappten Menschen eine Fingerspitze oder ein Ohr als Lebenszeichen bekommt, gibt es durchaus auch Kunsträuber, die auch mal ein Bild zerschneiden und es stückchenweise an den Besitzer schicken." Ein Egon Schiele ist auf diese Art und Weise mal zerschnitten worden. Eine grauenvolle Vorstellung für die professionelle Kunstliebhaberin.

Bei der zweiten Möglichkeit, die Dr. Ingrid Blom-Böer für denkbar hält, blieben die Kunstwerke wohl unversehrt, würden dafür aber jahrelang unentdeckt bleiben. "Wenn die Bilder erstmal in einen kriminellen Circuit geraten, kann es Jahre dauern, bis sie wieder auftauchen. Sie werden Teil von Drogen- oder Waffenhandel und würden immer weiter gereicht werden." Die Ermittler vermuten derzeit, dass es sich bei den Tätern um eine Bande aus dem ehemaligen Jugoslawien handelt. Ein Indiz für dafür sei der slawische Akzent eines der Kunsträuber. Zudem steigt die Kriminalität im Bereich der Kunst in Montenegro, Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina immer weiter an, so Julian Radcliffe, Präsident des "Art Loss Register". Kein Angebot, ohne Nachfrage, meint Dr. Blom-Böer. "Wir sehen das zum Beispiel auch bei Ausgrabungen: So lange im Westen eine Nachfrage an archäologischen Artefakten besteht, werden arme Menschen in den betreffenden Ländern auf ihrem Äckerchen den Spaten in den Sand stecken und nach Schätzen suchen und diese dann nicht anmelden, sondern schmuggeln."

"Der Raub verleiht den Bildern etwas Verruchtes"

Im besten Fall, so die Kunstexpertin, lassen die Täter die Bilder einfach irgendwo liegen, weil sie merken, "dass das ganze eine Nummer zu groß für sie ist. Sie erkennen, dass sie damit niemals durchkommen und wollen sich nicht die Finger verbrennen." Immerhin sind alleine in der Datenbank des "Art Loss Register" 180.000 gestohlene Kunstwerke und Antiquitäten registriert. Jeder, der sich auf legalem Wege ein Kunstwerk zulegen will, kann es durch das "Art Loss Register" prüfen lassen. Selbst wenn die Täter Jahrzehnte mit dem Verkauf warten - die Datenbank hat ein gutes Gedächtnis. Es ist also enorm schwierig, Kunstwerke mit solch einem hohen Wert wieder in der Öffentlichkeit zu verkaufen.

Ob Artnapping, Schwarzmarkt oder der reiche Kunstliebhaber - Dr. Ingrid Blom-Böer vermutet, dass sich die Bilder noch in der Schweiz befinden. Wann, wo und ob sie überhaupt jemals wieder auftauchen ist ungewiss. Sollten sie jedoch irgendwann entdeckt werden, dürfte ihr Wert um einiges gestiegen sein. So ein spektakulärer Raub könnte einem ohnehin schon wertvollen Gemälde einen gewissen Charme verleihen. Das bestätigt auch die Kunstexpertin: "Abgesehen davon, dass die Künstler ja alle schon lange nicht mehr leben, die Produktion also eingestellt ist, mag dieser Raub im großen Stil für den einen oder anderen sicherlich etwas Verruchtes haben." Bleibt zu hoffen, dass dieser spektakuläre Kunst-Krimi bald ein Happy End findet.