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Pierre et Gilles in Berlin: Täubchen und Rambos

Bonbonbunt und kitschig schön: Die übermalten Glitzer-Fotos des Pariser Künstlerpaars Pierre und Gilles gefallen nicht nur Schwulen, denen aber besonders. In Berlin zeigen die beiden jetzt außer süßlichen Promi-Porträts auch Düster-Apokalyptisches.

Von Anja Lösel

Darf man das? Einen KZ-Häftling zum Sexobjekt machen? Die beiden Pariser Fotokünstler Pierre und Gilles tun es. In ihrem Bild "Rosa Winkel" steht ein hübscher Häftling in Anstaltskleidung hinter Stacheldraht und blickt schmachtend in die Kamera. Vor ihm sind brennende Kerzen, daneben, an der Wand, zwei goldene Vasen mit Edelweiß. Schwer zu ertragen. Meinen die das ernst? Oder sind sie nur ein wenig naiv und wissen nicht, wie schmerzlich es sein kann, gerade hier, in Berlin Mitte, direkt neben der Synagoge, so ein Bild zu sehen.

Wenn man die beiden Franzosen dann trifft, kann man ihnen nicht böse sein. Pierre und Gillles sind in Berlin. Und wie sie da stehen und ihre Bilder zu erklären versuchen, wird schnell klar: Sie sind tatsächlich naiv. Dass jemand verstimmt oder verärgert sein könnte, kommt ihnen nicht in den Sinn. Ist doch alles nur gut gemeint. Sie sind einfach zwei nette Schwule, die mit ihren Bildern den Nerv und Geschmack eines Massenpublikums getroffen haben. Und davon komplett überrascht wurden.

So bonbonbunt wie ihre Fotos sehen Pierre und Gilles nicht aus. Sie sind glatzköpfig, ganz in Schwarz, schwer tätowiert. Dazu sehr klein und schüchtern. Stünden sie nicht auf der Bühne von C/O Berlin, im ehemaligen Turnsaal des Berliner Postfuhramtes, dann würden sie untergehen in der Masse der Menschen, die sie umringen. Gilles, der mit den abstehenden Ohren, ist der Redegewandtere. Pierre, klein, mit markigem Gesicht, guckt meistens nur. Spiegelt sich in der riesigen Discokugel, die über ihm hängt. Guckt wieder. Nestelt verlegen an der Hose rum. Wenn man sie nach ihrer Kunst und ihrem Leben fragt, kommen schöne Seifenblasen aus Gilles' Mund. Dann spricht er von "magischen Augenblicken" und "mysteriöser Kraft", vom "Geheimnisvollen, Undefinierbaren" der Kunst und von ihrem "Projekt Liebe". Nein, das ist nicht ironisch, sie meinen das alles ernst. Humor ist nicht ihre Sache.

Zum ersten Mal seit zwölf Jahren sind die Bilder von Pierre und Gilles wieder in Deutschland zu sehen. Schmachtende Diven, hübsche Matrosen, traurige Harlekine und dekorativ gefesselte Heilige. Tja, und dann sind da noch die Schwänze. Viele, große, dicke Schwänze, die zu hübschen jungen Kerlen gehören. Mal sehen, was die Berliner dazu sagen. Ganz jugendfrei ist die Ausstellung jedenfalls nicht.

Mit harmlosen Bildern fing es an

So schlimm wie 1997 wird es schon nicht kommen. Damals gab es Protest von höchster Seite: Münchens Oberbürgermeister Christian Ude weigerte sich, die Einladung zu einer Ausstellung im Stadtmuseum zu verschicken. Weil da ein "Kleiner Gärtner" mit herabgelassener Hose drauf war, der genüsslich in die Blumenrabatten pinkelte - mit einem Teil, das ganz und gar nicht klein war. Nun, über so was wird sich Berlins Bürgermeister nicht ärgern. In der Berliner Ausstellung gibt es noch ganz andere Dinge zu sehen, groß und prall. Pierre und Gilles stehen jedenfalls dazu. 1976 lernten sie sich auf einer Party des Modemachers Kenzo kennen. Da war Pierre noch Fotograf und Gilles Illustrator. Seitdem sind sie ein Paar, privat und geschäftlich. 1977 fing alles an mit harmlosen Bildern grimassierender Freunde. Pierre hatte fotografiert, aber die Farben auf den Abzügen waren ein wenig blass geraten. Also nahm Gilles den Pinsel und half nach. Das Ergebnis sah ein bisschen aus wie Warhol: poppig und dekorativ.

Im Lauf der Jahre wurden ihre Bilder immer bunter und schriller. Wenn am Anfang noch Iggy Pop oder Yves Saint Laurent seriös in weißem Hemd und mit Schlips zu sehen waren, so bauten Pierre und Gilles nach und nach immer knalligere und pompösere Szenarien mit Plastikblumen, Täubchen, Häschen, künstlichen Tränen, schmachtenden Blicken, Glitter und Glimmer. Alles im Studio in Szene gesetzt, damit es nur ja schön künstlich aussah.

Irgendwie nicht von dieser Welt

Den Porträtierten gefiel das. Catherine Deneuve ließ sich als "Weiße Königin" im Märchenkleid vor hellblauen Wölkchenhimmel fotografieren. Modemacher Gaultier strahlt im Ringelpulli, umgeben von einem Kranz aus Margeriten, Boy George als indische Göttin Shiva. Und Nina Hagen ließ sich ganz in Lackleder dekorativ an einen Stuhl fesseln. Plötzlich wollten alle von Pierre und Gilles fotografiert werden, weil man da so hübsch, so makellos und schön aussah, irgendwie märchenhaft und nicht von dieser Welt. Also machten Piere und Gilles Porträts von Madonna und Mireille Mathieu, Paloma Picasso und July Delphy, Serge Gainsbourg, Marc Almond und vielen anderen. Sogar Michael Jackson rief an und fragte, ob sie ihn fotografieren könnten. Jetzt. Sofort. 70 Bilder. Leider hatten sie grade einen anderen Auftrag, und so kam es nie zum Treffen. "Sehr schade", finden sie heute. "Er war toll. Weder Mann noch Frau, weder Kind noch Erwachsener, weder schwarz noch weiß. Und: Er hatte eine magische Stimme, es war schön, mit ihm zu telefonieren", sagt Gilles. In ihrem Wohnzimmer liegen seitdem Kissen mit seinem aufgedruckten Foto.

Eine Orgie aus Kitsch und Pomp

Überhaupt: ihre Wohnung! Eine Orgie aus Kitsch und Pomp. Plastikblumen und Lichterketten, Gartenzwergen und Plüschtieren, Buddhastatuen und Weihnachtskugeln. Das Klischee vom schwulen Wohnen.

Auch den französischen Pornostar Fred Faurtin haben sie fotografiert. Nein, diesmal nicht nackt, auch kein bisschen. Der knackig-muskulöse Typ, der in Filmen wie "Kolbenfresser" oder "Fuck Fiction" auftritt, steht ganz züchtig in Soldatenuniform rum. Erschöpft, aber natürlich trotzdem noch gut aussehend, lehnt er vor einer künstlichen Kriegskulisse aus Maschinengewehren und Mündungsfeuer. "Boum" heißt das Bild von 2008, und eigentlich ist es unanständiger, als wenn er nackt wäre. Überhaupt scheinen Pierre und Gilles so langsam wegzukommen vom Tuntigen. Stattdessen gibt es immer mehr Kämpfer, Krieger, Rambos mit schwellenden Muskelpaketen, einsame Abenteurer in apokalyptischen Stadtlandschaften.

Die Selbstporträts fehlen

In ihrer ziemlich unsäglichen Serie "Wonderful Town" von 2008 zeigt ein Riesentyp seine aufgeblasenen Muskeln vor Bohrtürmen. Wenn es nicht so banal wäre, dann wär's zum Lachen. Schwule Männerphantasien, billig und armselig. Ein bildhübscher Kerl liegt tot im Müllhaufen, aber selbst der Abfall ist hyperästhetisch und pittoresk. An die große New Yorker Fotokünstlerin Cindy Sherman und ihre Müllbilder soll das erinnern, erklärt ein Text an der Wand. Die Arme! Dann schon lieber völlig Bizarres wie "Schwanengesang": Da sitzt ein netter Junge in einer Art Vogelnest, bekleidet nur mit weißen Socken und einem weißen Slip in Schwanenform - mit seeeehr langem Hals. Pierre und Gilles in Berlin - es ist eine seltsame Ausstellung geworden. Lieber hätte man mehr Bonbonbuntes und schwülstig Schwules gesehen. Gern auch die Selbstporträts, die leider fehlen: als Hochzeitspaar in weißem Brautkleid (Gilles) und Anzug (Pierre). Oder als Heiliger Pierre, über Kopf am Kreuz hängend wie Petrus, Heiliger Gilles in Mönchskutte mit Reh im Arm. Auf die misslungene Apokalypse hätte man gern verzichtet. Dabei ist doch grade die so "passend für Berlin", glaubt Gilles. Dazu zählt er wohl auch den KZ-Häftling. Ein ganz großes Missverständnis. Pierre et Gilles. Retrospektive. C/O Berlin, Postfuhramt, bis 4. Oktober www.co-berlin.com

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