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Sensationelle Entdeckung: Michelangelo im Nazi-Tresor

Das Werk zählt zu den bedeutendsten Schriften der Kunstgeschichte, der Verfasser ist ein legendärer Kunsthistoriker, der vor den Nazis fliehen musste. Über 90 Jahre galt es als verschollen - bis eben.

Erwin Panofsky ist einer der bedeutensten Kunsthistoriker aller Zeiten. Für viele Kenner ist er eine Legende, ein Genie, das den Blickwinkel der Forschung revolutionierte, weshalb ihn seine Verehrer "Einstein der Kunstgeschichte" nennen. Wissenschaftlich betrachtet hat Panofsky unter anderen die genialen Maler Albrecht Dürer und Michelangelo Buonarroti. Über den italienischen Renaissancekünstler verfasste der Kunsthistoriker seine Habilitationsschrift. Und genau die galt über 90 Jahre als unwiderbringlich verloren.

Dann kam Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Er twitterte am frühen Donnerstagabend, am Freitag "berichten wir, dass in einem ehem. Panzerschrank der NSDAP soeben eine der wichtigsten Schriften der Kunstgeschichte entdeckt wurde". Genauso kam es. Die "Faz" vermeldete den Fund des 334 Seiten umfassenden Werks mit dem Titel "Die Gestaltungsprinzipien Michelangelos, besonders in ihrem Verhältnis zu denen Raffaels".

Fund im ehemaligen NSDAP-Verwaltungsbau

Zum besseren Verständnis: Beide Italiener waren führende Künstler ihrer Zeit. Die Feinde Michelangelos, der die Sixtinische Kapelle in Vatikanstaat mit wunderbaren Fresken schmückte, behaupteten, seine Kunst sei minderwertiger als die Raffaels, der wiederum bedeutende Fresken im Palast des Papstes schuf.

Gefunden wurde das Manuskript Panofskys im Keller des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, das sich in einem ehemaligen Verwaltungsbau der NSDAP und in unmittelbarer Nähe zum früheren "Führerbau" befindet. Das Werk lag in Eisenstein "in einem bisher nicht erschlossenen Teil der Altregistratur des Zentralinstituts mit Unterlagen aus der Amtszeit des ersten Direktors Ludwig H. Heydenreich", wie es auf der Internetseite der Einrichtung heißt.

Lücke in der europäischen Kunstgeschichte geschlossen?

Das Werk "mit umfangreichen handschriftlichen Ergänzungen" konnte eindeutig als die verloren geglaubte Habilitationsschrift des 1968 verstorbenen Panofskys identifiziert werden. Er musste nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Deutschland 1934 verlassen und ging in die USA. Offensichtlich handelt es sich um das Handexemplar Panofskys.

Die Panofsky-Schrift "zählt zu den Mythen unseres Faches", sagt der stellvertretende Direktor des Institutes, Wolfgang Augustyn, laut "Faz". "Der unerwartete Fund hat uns völlig überrascht und schließt eine große Lücke in der Geschichte der europäischen Kunstgeschichte." Panofskys Witwe Gerda kommentierte den spektakulären Fund der Münchner Wissenschaftler laut "Faz" so: "Ich war total überrascht. Das konnte doch nicht wahr sein. Ich wusste erst nicht, ob ich träumte oder wachte."

tso