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Wiedereröffnung der Kongresshalle: Der Big Apple in Berlin

Die Russen flogen einst mit Kampfbombern Störmanöver auf die "Schwangere Auster", wie die Berliner ihre Kongresshalle nennen. Frisch saniert feiert man den 50. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gebäudes mit einer New-York-Ausstellung.

Von Julian Weber

Tonnenschwere Betonteile schlugen durch die Freitreppe und Empore der Halle und töteten einen Besucher, fünf weitere wurden verletzt. Im Mai 1980 stürzte der vordere Teil der Berliner Kongresshalle ein. Der Wiederaufbau zog sich bis ins Jahr 1987 hin. Nachdem die Schäden am Dach und den Stützpfeilern seinerzeit beseitigt worden waren, ist jetzt auch das Innere komplett renoviert, in den ursprünglichen baulichen Zustand versetzt, mit neuen Sicherheitsrichtlinien ausgestattet und für heutige Veranstaltungsbedürfnisse auf den neuesten Stand der Technik gebracht worden.

Seit 1989 residiert in den Räumen der Kongresshalle das Haus der Kulturen der Welt, und seine Betreiber präsentieren zum runden Geburtstag eine besondere Überraschung. Sie haben ein "New York an der Spree"-Festival auf die Beine gestellt. Neben Filmen, einer Kunstausstellung, Vorträgen, Lesungen und Performances wird vor allem die vielseitige Musikkultur der amerikanischen Metropole im Haus der Kulturen der Welt vorgestellt. Zahlreiche New Yorker Künstler verschiedener Generationen werden erstmals auf deutschem Boden Konzerte geben. "Wir sehen den Anlass, nach 50 Jahren sich ganz offiziell mit einem Kulturprogramm bei den Amerikanern zu bedanken und dabei über die Zukunft der transatlantischen Beziehungen zwischen Berlin, Europa und den USA nachzudenken", erklärt Detlef Diederichsen, Bereichsleiter Musik, Tanz und Theater am Haus der Kulturen der Welt das ehrgeizige Vorhaben.

Authentische New Yorker Künstler zu Gast

Am Beispiel New Yorks lassen sich künstlerische und städtische Entwicklungen besonders gut beobachten. Die Kulturerzeugnisse der Stadt haben Weltgeltung. Im Haus der Kulturen der Welt werden freilich keine sattsam bekannten Superstars aufgeboten, sondern Künstler, die ihrem New Yorker Stadtviertel sehr verbunden sind. Aus der Folkszene im Greenwich etwa, oder aus der Latinmusic-Community von Spanish-Harlem kommen alte und junge Musiker wie Jeffrey Lewis oder Luisito Quintero nach Berlin. Im Fokus des Programms steht auch der Broadway als Geburtstätte der Musikindustrie. Denn in New York ist zu Beginn des 20. Jahrhundert die moderne populäre Kultur überhaupt entstanden. In den Büros am Broadway wurden Songs komponiert, die als "Great American Songbook" zum kollektiven Gedächtnis nicht nur der Amerikaner gehören und nach wie vor zum Katalog der Jazzstandards zählen. Ihre Komponisten wanderten einst auch aus Europa nach New York ein, wie die New Yorker Musikszene schon immer sehr stark von ihren Einwanderern geprägt wurde. So gilt New York, je nach Blickwinkel, als europäischste Stadt der USA, oder als Stadt mit der größten puertoricanischen Gemeinde außerhalb Puerto Ricos.

Auch das Haus der Kulturen der Welt ist Teil der langen transatlantischen Beziehungen zwischen den USA und Deutschland. Ursprünglich wurde das Gebäude mit dem schwingenden Dach am 19. September 1957 als Kongresshalle eingeweiht. Sie war ein Geschenk der Amerikaner an West-Berlin. Nicht ganz ohne Hintergedanken erklärte docg anlässlich der Eröffnung der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower die Kongresshalle sei auch das Werkzeug elementarer Werte, die es zu verteidigen gelte. Eine Kongresshalle wurde in Berlin zwar tatsächlich dringend benötigt. In den Hochzeiten des Kalten Krieges hatte das Gebäude aber vor allem symbolischen Wert. Seine Lage im Tiergarten mitten in den Trümmern des zerbombten Stadtzentrums betonte den Neuanfang Berlins nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazidiktatur 1945.

"Schwangere Auster" hat ihr Vorbild in New York

Die Kongresshalle galt bei ihrer Eröffnung nicht nur von der äußeren Form her als modern, ihr Inneres war auch dem "United Nations Building" in New York nachempfunden. Den Berlinern war das freilich schnuppe. In ihrer schnoddrigen Art tauften sie das Bauwerk bald "Schwangere Auster". Heute zählt die vom Architekten Hugh Stubbins (einem Assistenten von Walter Gropius) entworfene Kongresshalle mit ihrem elegant ausschwingenden Dach, neben dem Hansaviertel zum wichtigsten Baudenkmal der Berliner Nachkriegsmoderne. In direkter Nachbarschaft zum Bundeskanzleramt liegt die Schwangere Auster heute auch in der Stadtmitte, Reichstag und Siegessäule sind nicht weit.

Bei ihrer Eröffnung 1957 war die Kongresshalle Symbol der freien Welt. Die Frontstadt Berlin war von 1948 bis 1989 geteilt, der Westen Berlins war demokratisch regiert und von den drei Westmächten USA, England und Frankreich, nach Sektoren unterteilt, verwaltet. Die Kongresshalle war auch eine architektonische Antwort auf die wuchtigen Gebäude in der Stalinallee, die 1954 im sozialistischen Ostteil der Stadt entstanden sind. Durch ihre zentrale Lage sollte die Kongresshalle als "Leuchtfeuer der Freiheit" auch hinüber nach Ostberlin strahlen. Nach der Eröffnung 1957, aber erst recht nach dem Bau der Berliner Mauer, 1961, geriet sie jedoch durch ihre geographische Lage direkt an der Demarkationslinie zwischen Ost und West in den toten Winkel.

Russen flogen Störmanöver auf die Kongresshalle

Vernachlässigt vom Westen wurde sie jedoch nie. Erst fanden dort Kongresse und Messen statt, bereits 1958 zog das Filmfestival "Berlinale" in die Räume ein. Auch der Bundestag hielt zweimal Sitzungen ab. Das provozierte die Russen so sehr, dass sie 1965 mit Kampfbombern sogar Störmanöver auf die Schwangere Auster flogen. Das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Kongresshalle ist jedoch ihr Einsturz am 21. Mai 1980, bei dem es ein Todesopfer zu beklagen gab. Man munkelte von Konstruktionsfehlern und marodem Baumaterial. Damals wurde sogar ein Abriss in Erwägung gezogen. Nach dem Wiederaufbau 1987 dauerte es noch zwei Jahre, bis mit dem Haus der Kulturen der Welt 1989, endlich in geeigneter Betreiber gefunden werden konnte, der der eigentlichen Bestimmung der Kongresshalle perfekt entspricht.

Heute ist die Schwangere Auster zu einer Begegnungsstätte geworden, die vor allem außereuropäische Kultur präsentiert und auch dank ihrer hervorragenden Akustik immer wieder für ihre Konzerthighlights gelobt wird. Zur Wiedereröffnung ist den Veranstaltern ein echtes Schmankerl gelungen, denn sie bringt total unterschiedliche New Yorker Künstler zusammen, die sich in ihrer Heimat noch gar nicht begegnet sind.