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Zehn Jahre Berghain: Sexy Tattoos für Männer im Abendkleid

Der Berliner Kult-Club Berghain wird zehn Jahre alt und feiert sich selbst. Mit Kunst und sehr speziellen Abziehbildern.

Von Anja Lösel

Der wohl berühmteste Türsteher der Welt und Berghain-Künstler Sven Marquardt

Der wohl berühmteste Türsteher der Welt und Berghain-Künstler Sven Marquardt

Was schenkt der bekannteste Technoclub der Welt sich selbst zum zehnten Geburtstag? Die abgefahrenste Party aller Zeiten? Nööö, die gibt es im Berghain ja ohnehin jeden Tag. Lieber etwas ganz Besonderes: eine Kunst-Ausstellung.

Also nichts wie hin! Vor der Tür mal wieder die Riesenschlange, wie immer. Fünfzig Meter? Oder sogar hundert? Egal. Drinnen, in der Halle am Berghain, ist es dunkel und warm. Der 16 Meter hohe Wahnsinnsraum mit den massigen Betonpfeilern und den einschüchternden Kohleschütten unter der Decke, ist ein Kunstwerk an sich und auf jeden Fall der Star des Abends. Der andere Star: Sven Marquardt, Fotograf und bekanntester Türsteher der Welt. Da steht er auch schon mit seinem Stacheldraht-Tattoo im Gesicht und den dicken Silberringen in der Unterlippe. Heute bewacht er allerdings nicht den Eingang zum Partytempel, sondern seine eigenen Bilder.

"Suche Boy bis 26 für geile Stunden"

"Lost Highway" heißt die Serie von Schwarz-Weiß-Bildern, für die Marquardt ein paar seiner Berghain-Türsteher-Kollegen zum Fototermin bat. Sehr, sehr breitschultrige Männer mit beeindruckenden Muskelpaketen blicken streng in die Kamera. Einer von ihnen bewundert gerade das eigene Konterfei und verzieht keine Miene. Gefällt er sich? Ja, schon. Marquardt trägt Sonnenbrille im Dunkeln und auch sonst sehr viel Schwarz. Gerade hat er seine Autobiografie "Die Nacht ist Leben" veröffentlicht. Keine Berghain-Story, sondern eine Liebeserklärung an das Berlin seiner Jugend. "Manchmal bin ich ein wenig melancholisch", sagt der 52-Jährige. Und plötzlich wird klar, dass Marquardt gar nicht so hart ist, wie er aussieht. "Die Stadt verändert sich, leider", meint er traurig. "Aber so ist das eben." Ein paar Leute haben sich auf den Bänken vor der Bar niedergelassen. Worauf sie da sitzen, ist den meisten nicht klar. Es sind Klotüren, beschmiert mit allerhand Pornografischem und Sprüchen wie "Suche Boy bis 26 für geile Stunden" oder schlicht "Fuck" samt Telefonnummer. Der Künstler Piotr Nathan hat sie aus Originaltüren gebaut und aufgestellt. Berghain eben.

Zylinder mit Frack zu langen, nackten Beinen

Und wie ist der Dresscode an so einem Abend? Ganz klar: Es gibt keinen. Alles ist erlaubt, alles ist möglich - von Springerstiefeln (weiblich) über Stöckelschuhe (männlich) bis zur Römersandale (bi). Da laufen Tropen- und Motorradhelme durch die Gegend, aufgetürmten Wollmützen und Palmenfrisuren. Und viele sehr, sehr kurze Hosen. Mehrere Männer stolzieren im Conchita-Wurst-Stil herum, mit Abendkleid und Vollbart. Auch ein Chanelkostüm ist da und ein Zylinder mit Frack zu langen, nackten Beinen und hochhackigen Stiefeln. Mitten im Raum prangt die riesige, begehbare Rauminstallation "Metropolis" von Viron Erol Vert - eine Art Mini-Berghain. Auch er war mal Türsteher im Club. Jetzt wirft sich nur noch selten ins Berliner Nachtleben: "Kunst machen ist besser."

Daneben drehen sich zwei Teppiche im Kreis. Sie hängen von der Decke, beleuchtet von roten und blauen Lichtblitzen. Im vergangenen Jahr waren sie noch Teil eines Bühnenbildes, das der Maler Norbert Bisky für eine Ballettaufführung im Berghain entworfen hatte. Nun ist das bemalte und zerschnitte Teil zur Skulptur geworden.

"Möchten Sie ein Tattoo?"

In einem kleinen Häuschen neben der Treppe steht Marc Brandenburg, einer der gefragtesten Künstler Berlins. "Möchten Sie ein Tattoo?", fragt er freundlich. Ähem, nun ja, warum eigentlich nicht. Die Motive, alle von ihm gezeichnet, sehen ungewöhnlich aus. Handschuhe. Flaschen. Haken. Auch das Gesicht von Sven Marquardt ist dabei. "Suchen Sie sich was aus", sagt Marc Brandenburg. Ich wähle das kleinste Tattoo. Ein Bonbon? Ja, sieht aus wie ein Bonbon. Eine Assistentin appliziert das Ding auf meinen Oberarm. "Hält zehn Tage." Okay. Zehn Tage Berghain-Erinnerung, das ist doch was.

Brandenburg erzählt von seiner Idee: Er sammelte und fotografierte, was so alles übrig und liegen blieb nach den wilden Berghain-Nächten: Gleitcreme-Dosen, Handschuhe, Sexpielzeug. So Sachen eben. Mit feinem Stift zeichnete er die Gegenstände ab und verkauft sie nun als Abzieh-Tätowierung in der Ausstellung. Einmalige Motive, die bestimmt kein anderer hat. Ich gucke mir mein Tattoo genauer an. Bonbon? Oh nein, das ist gar kein Bonbon, sondern ein gebrauchtes und zugeknotetes Kondom. Sehr klein, aber deutlich. Zehn Tage also. Oh je! Am anderen Morgen mache ich den Kollegentest: Was seht ihr da auf meinem Arm? "Ein Bonbon." Puh. Noch mal Glück gehabt.

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