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Kolumne

"Mein geliebtes ich": Lars Eidinger: "Ich habe Angst vor dem Tod, Angst vorm Älterwerden, Angst vor der Vergänglichkeit

Niemandem kommen wir näher als uns selbst. Und sind uns doch auch immer wieder fremd: Um dieses Spannungsverhältnis geht es in der Kolumne "Mein geliebtes Ich". Hier sprechen Prominente über den Umgang mit sich selbst. Dieses Mal: Lars Eidinger. 

Von Frank Lübke (Fotografie) und Alexandros Stefanidis (Interview)

Lars Eidinger posiert für das Projekt als verdreckter Hamlet 

Lars Eidinger posiert für das Projekt als verdreckter Hamlet 

Ein Jahr lang haben der Fotograf Frank Lübke und der Journalist Alexandros Stefanidis für die Kolumne "Mein geliebtes Ich" Prominente in ungeahnter Pose porträtiert. Für sie wurde schnell klar: Jeder Mensch hat eine zweite Seite, die manchmal hell erstrahlt, manchmal im Dunkeln bleiben soll. Oft haben sie diese freilegen können – zum Erstaunen der Leser wie auch der Dargestellten.

Der stern veröffentlicht nun zwölf dieser ungewöhnlichen Porträts online: dieses Mal Lars Eidinger. Einen Namen machte er sich zunächst am Theater als langjähriges Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne, wo er die großen Shakespeare-Figuren Hamlet und Richard III. spielte. Mit seiner ersten großen Filmrolle in Maren Ades Beziehungsdrama "Alle anderen" (2009) konnte er sich auch als Filmschauspieler etablieren.

stern: Herr Eidinger, ein verdreckter Hamlet schaut Ihnen in die Augen. Welchen Einfluss nimmt die Rolle, die Sie am Theater verkörpern, auf Ihr Ich?

Eidinger: Das Erste, was einem einfällt, ist Hamlet mit dem Totenkopf. Die große Unbekannte im Drama von Hamlet ist der Tod. Was ist der Tod? Der Tod ist "das unentdeckte Land, über dessen Grenze kein Reisender zurückkehrt". Das beschäftigt mich.Inwiefern?

Wenn ich auf der Bühne stehe, geht es mir immer um eine Form der Selbsterkennung. Ich werde nicht zu jemand anderem, ich nutze die Rolle, um mich selbst darin zu finden. Die Frage ist: Sein oder Nichtsein?

Sie suchen auf der Bühne eine Antwort auf die Frage, die Sie nicht beantworten können?

Genau. Für mich gibt es keinen besseren Ort. Ich habe mein Ventil gefunden. Ich bin mir viel näher, wenn ich auf der Bühne Hamlet spiele, als wenn ich jetzt hier mit Ihnen sitze und über die Rolle spreche.

Sie gelten als ein Schauspieler, der am liebsten rund um die Uhr arbeitet. Liegt der Grund für Ihre unermüdliche Hingabe in dieser Suche?

Wie alle anderen habe ich Angst vor dem Tod, Angst vorm Älterwerden, Angst vor der Vergänglichkeit. Aber ich habe erst über Hamlet verstanden, dass genau diese Angst die Schönheit des Lebens ausmacht. So paradox das klingen mag. Das Oxymoron ist Shakespeares Stilmittel. Der Widerspruch ist nicht das Ende eines Gedankens, sondern dessen Anfang.

Hamlet sagt : "Einen Menschen wirklich zu kennen hieße sich selbst zu kennen." Sie haben den Ruf, einen Tick verrückter als andere zu sein. Woher kommt das?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Alles, was ich mache – auch wenn ich auf einer Party auf den Tisch springe und mir die Hose herunterziehe – ist für mich in dem Moment stimmig. Ich spekuliere nicht darauf, als besonders verrucht oder extravagant zu gelten. Ich lasse mich nicht einschränken, ich denke nicht karrieristisch. In erster Linie versuche ich aufrichtig zu sein, weil ich mich sonst am Ende selbst belügen würde.


Dieser Text erschien ursprünglich im Heft Nr. 4 am 19. Januar 2017.