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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Boris Becker und ich

Shoppen ist schön. Diese Lust! Dieser Rausch! Der allerdings ist nur sehr kurz. Und macht mich das 20. weiße T-Shirt wirklich glücklicher?

Das Thema ist eigentlich viel zu ernst, um es mit Ihnen zu besprechen. Andererseits kennen wir uns ja jetzt schon eine Weile.

Ich gebe zu viel Geld aus. Okay, nicht unbedingt so viel wie . Aber im Kleinen kann ich nachvollziehen, wieso es ihn so erwischt hat und er sich jetzt am Nasenring als Pleitier durch die medialen Arenen ziehen lassen muss.

Ich bin weniger ein Suchttyp, als ich dachte.

Damit bin ich aber nicht allein. Erst gestern traf ich einen Freund in einem Café, der mir völlig begeistert von einem Paar toller Schuhe erzählte, die er gesehen hatte. Die Begeisterung galt aber weniger der Qualität der Schuhe als dem Umstand, dass er sie nicht gekauft hatte. Er war schlicht erleichtert, sich so im Griff gehabt zu haben.

Oh, ich kenne das Problem. Und es ist sehr unmännlich, so gern einzukaufen. Tu ich aber.

Ich bin weniger ein Suchttyp, als ich dachte. Als Kreativer sollte ich drogen-, sex-, ja, wenigstens alkohol- oder nikotinsüchtig sein. Nichts dergleichen! Stattdessen liebe ich es zu shoppen. Eines gequälten Autors unwürdig. Bei Charles Bukowski jedenfalls hat man selten einen Zalando-Boten klingeln sehen. Ist es eine Sucht? Wenn man davon ausgeht, dass man sich täglich selbst kontrollieren muss und den selten erfolgreichen Verzicht feiert: ja.

Versuchen Sie auch manchmal, sich daran zu erinnern, wie Sie klargekommen sind, als Sie noch in der Ausbildung waren und kaum etwas verdient haben? Waren Sie weniger glücklich? Nicht wirklich, oder?

Fälschlicherweise glaubte ich damals, mit steigendem Gehalt würde ich mehr beiseitelegen können. Ich würde ja immer noch dasselbe ausgeben. Die Realität sieht anders aus.

Als ich 20 war, zog ich Anfang des Monats zum Shoppingbummel durch die City und war am Ende um einen Pullover oder eine CD reicher.

Heute ist mit einem Doppelklick bei Amazon, Ebay oder sonst wo ein erschreckender Betrag weg. Das Ergebnis ist ein ganz kurzer , ein Brizzeln im Belohnungssystem – das aber längst verflogen ist, wenn der erworbene Artikel eintrifft. Ich kenne Männer, die in der Poststelle ihrer Firma ein tetrisartiges Gebilde aus DHL-Päckchen haben eintreffen lassen, an deren Inhalt sie sich bei Zustellung weder erinnern konnten, noch empfanden sie das geringste Quäntchen Freude dran.

Das ist eigentlich das Schlimmste. Diese Gewöhnung an das Besondere. Vom Milliardär Roman Abramowitsch heißt es, dass er 5000-Euro-Rotwein gern aus der Pulle trinke oder gleich in die Bolognese kippe. Für den Hund. Der Mann tut mir leid.

Wozu brauche ich das 20. weiße T-Shirt?

Konsum ist wie Ritzen für Leute, die kein Blut sehen können. Nur dass es erst wehtut, wenn der Kontoauszug kommt. Zumindest mir. Und Boris Becker.

Wozu brauche ich das 20. weiße T-Shirt? Warum noch eine Uhr? Wo ist da der Sinn?

"Diese Jacke wird mein Leben verändern!" Auch wenn man sich in der Umkleide manchmal selbst so betrachtet – hat jemals irgendwer sein Image geändert, weil er eine neue Klamotte trug? "Hm. Wir haben ihn immer kritisch gesehen, aber dank dieser Jeans müssen wir sagen: super Typ!"

Leider kann ich das hier aufschreiben, Bedürfnislosigkeit predigen und zeitgleich bei meinem Online-Dealer nach coolen T-Shirts gucken. Ich kann so nicht weitermachen.

Kennen Sie eine Selbsthilfegruppe? Oder wenigstens eine schöne Shoppingwebsite?

PS: Nach unserem therapeutischen Gespräch hat sich mein Freund die Schuhe dann doch noch gekauft.

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