HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: "Sorry, ich bin privat hier": Gut, Mensch! Von Großwildjägern und Kleingeistern

Unser Autor traf kürzlich Hannes Jaenicke bei der Aufzeichnung einer Talkshow - und wurde von ihm fälschlicherweise für die Speerspitze der deutschen Anti-Hannes-Jaenicke-Bewegung gehalten. Schuld war ein humoriger Facebook-Post. Zeit für ein paar Gedanken zum Thema Engagement.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Was Micky Beisenherz mit Hannes Jaenicke zu tun hat - und warum Fritz Weppner sich aufs Bild schlich - lesen Sie in der neuen Kolumne.

Was Micky Beisenherz mit Hannes Jaenicke zu tun hat - und warum Fritz Weppner sich aufs Bild schlich - lesen Sie in der neuen Kolumne.

Bereits beim gemeinsamen Begrüßungssekt im Nebenraum guckt er mich an, als hätte ich Vögel am Strand mit Öl eingeschmiert.

Wären sie nicht ausrasiert, würden sich jetzt die Nackenhaare aufstellen.

Dann, Sekunden bevor das Rotlicht angeht, die Show beginnt, beugt er sich in seinem Sessel zu mir rüber. Mit dieser basslastigen Stimme, mit der man Fledermäuse vom Himmel holen kann: "Sag mal, dieser Post da bei Facebook ... Das mit dem Affen, ob er den auch mitbringt in die Show ... Ist das Dein Humor, oder was?"

Nein, man kann wirklich nicht behaupten, dass Hannes Jaenicke ein Fan von mir ist.

Ich bin ein wenig überrumpelt. Eine Fresse ist manchmal zu groß, um wendig zu sein.

Nach einer Sekunde der Besinnung fällt mir mein kleiner Facebook-Post vom Vortag wieder ein: "Ich bin morgen in der NDR Talk Show zu Gast. U.a. mit Paula Lambert, Bruno Jonas - und Hannes Jaenicke! Ich hoffe, er bringt seinen Affen mit!"

Letzten Satz vor meinem geistigen Ohr mit der Stimme von Homer Simpson gesprochen. Aber das hat Jaenicke natürlich nicht gehört.

Ich antworte dem angriffslustigen Silberrücken. Eigentlich ist es mehr ein Stammeln.

"Hm? Ja ... also ... schon, ja."

Das bringt die Cargohose endgültig auf die Palme.

"Aha, soso. Na, dann. Ja, das ist so typisch deutsch! Immer alles mies machen, alles schlecht. Das ist so billig. Und dann hast Du doch auch diese Show moderiert..."

Bei all dem televisionären Beifang, den ich schon moderiert habe, kann ich ihm wirklich nicht direkt helfen.

"Die 100 nervigsten Deutschen!"

Daran kann ich mich selber kaum erinnern. Muss so 2011 gewesen sein.

Der aufgebrachte Affenflüsterer knallt aber gerade mit 180 Sachen durch die 30 Zone, die ich Vita nenne.

"Hier werden die nervigsten Deutschen gewählt. Das ist so typisch, so arm. So klein. Aber bitte, komm...ist egal."

Dann geht das Rotlicht an. Die NDR Talk Show beginnt. Mit einem professionell lächelnden Hannes Jaenicke. Und einem recht derangierten Autor aus Hamburg, der die Früchte seiner Internet-Kalauerei  so schnell eigentlich nicht ernten wollte.

Die menschgewordene "Camel"-Reklame

Eine Begegnung, die mich wieder daran erinnern sollte, im Netz nur das zu schreiben, was man jemandem auch wirklich ins Gesicht sagen würde, denn: Plötzlich steht er vor Dir. Oder sitzt neben Dir.

Und hält dich für die Speerspitze der deutschen Anti-Hannes-Jaenicke-Bewegung. Was ich de facto nicht bin. Im Grunde finde ich ihn sogar ganz okay.

Trotzdem stelle ich mir schon die Frage, warum ich den Mann immer wieder so bespöttel. In der Talkshow präsentiert er Ausschnitte seiner aktuellen ZDF-Dokumentation, natürlich geht es um gequälte Tiere, und es fällt mir wieder ein: Es ist dieses Überakzentuierte. Dieses Troy-McClureske. Diese leise Anmutung von "ein Schauspieler spielt den betroffenen Umweltaktivisten".

Mit dem bedeutungsschwangeren Weltenrettertimbre.

Das alles so angestaubt maskulin inszeniert wie VHS-Filme aus den '80ern.

Der Kerl ist die Mensch gewordene "Camel"-Reklame.

Scheiße, ey, der hat ja sogar in der Talkshow 'ne Packung Kippen in der Hemdtasche!

Wahrscheinlich benutzt er Sir Irish Moos und hört Def Leppard.

Aber ist das ein Grund, ihn mies zu machen?

Eigentlich nicht, oder. Natürlich ist es eine mitunter etwas selbstgefällige Inszenierung.

So what?

Es kommt tatsächlich Zählbares dabei rum.

Spendengelder. Aufmerksamkeit. Anteilnahme.

Hätte doch niemand vorher gedacht, dass es Touristen gibt, die im Borneo Urlaub losziehen und nach einem netten Abendessen sagen: "So, und jetzt hab ich noch total Lust, 'nen rasierten Orang-Utan zu bumsen!" Klingt komisch. Is' aber so.

Hätte ohne Jaenicke doch niemand gewusst. Manch einer hätte auf diese Info auch gut verzichten können.

Was ist das eigentlich für ein Impuls, so jemanden als "Gutmensch" im besten Falle nur zu belächeln, zumeist aber sogar zu beschimpfen?

Schon weit gekommen, wenn ein Akt, der auf Gutes abzielt, pauschal als schlecht abgetan wird.

Was ist denn so schlimm an ein bisschen Engagement?

Alle Prominenten, die sich für irgendwas engagieren, kriegen ihr Tun über kurz oder lang um die Ohren gehauen. Bono von U2 braucht nur "Afrika" zu sagen, und alle drehen sich schon lachend weg, als würd' er wieder "Hossa" singen.

Wie eine Zwangsneurose.

Als wäre es etwas schlimmes, seine Popularität für die gute Sache einzusetzen.

Ja, möglicherweise wird Angelina Jolie auch deshalb Sonderbotschafterin des UN- Flüchtlingshilfswerks sein, weil sie als Schauspielerin einen tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex bekämpfen muss.

Das mag alles ein eitler und egoistischer Akt sein, das so öffentlich zu tun, nur: Egoistisch ist so etwas immer. Weil man es ja nun mal aus sich selbst heraus macht.

Selbst Mutter Teresa hat das Ganze gemacht, um sich selber besser zu fühlen.

Es ist aber auch okay. Solange am Ende etwas Gutes dabei rum kommt.

Sollen sie ihre Zeit lieber verkimkardashianisieren? 

Was haben wir uns im letzten Jahr über die Charity-Single von Campino und Co. das Maul zerrissen. Eine lächerliche Eigen-PR-Aktion! 

Til Schweiger will ein Flüchtlingsheim errichten! Wie kann er nur! Das ist doch der Typ von "Keinohrhasen"! (Man kann nur mutmaßen, wie viele Promis froh waren, dass sie das Handy aus hatten, als Sigmar Gabriel die "Gala" runterbimmelte)

Oder die "Ice Bucket Challenge".

Diese teilweise völlig außer Kontrolle geratene One-People-Show.

Idiots on the rocks. Scheiß drauf, bralle ist nur Eimer im Jahr.

Eine Massenbewegung von Flitzpiepen, die auch unbedingt noch dabei sein wollten, und doch: Am Ende wurden Millionen gespendet und eine schlimme Krankheit wurde einem breiten Publikum bekannt, das ALS bis dahin vermutlich für 'ne Partei gehalten hatte.

Das Ergebnis war dennoch ein sehr positives.

Schlussendlich kann sich die Nation kollektiv als Hype den Finger ins Rektum stecken - wenn dabei wieder etwas Gutes bei herumkommt, ist das WIE doch schon egal.

Was wäre denn der Gegenentwurf? All die Clooneys, Jolies, Schweigers dieser Welt würden sich einen Scheiß interessieren und ihre knappe Zeit und ihre finanziellen Mittel lieber verkimkardashianisieren und uns auch noch mit ihren Instagram-Accounts auf die Nüsse gehen? Lieber diese durchgestylte Ignoranz?

Besser die fangen an Flüchtlinge, als eine Single aufzunehmen.

Lieber Spendengelder generieren statt Likes.

Der Löwe ist nur froh, wenn kein Zahnarzt kommt 

Übrigens saß Hannes Jaenicke in eben dieser NDR Talk Show, um über die pervertierte Großwildjagd aufzuklären.

Dass das ein wertvoller Beitrag ist, muss man seit Cecil niemandem mehr erklären.

Höchstens dem mitprominenten Fritz Wepper, der sich vor einem erlegten Impala ablichten ließ. Der erste Knall, der durch die Savanne schallte, kam von der geplatzten Narbe hinter Lethal Weppers Ohr.

Fand ich übrigens rührend, diese kollektive Wut über das Schicksal Cecils. Aber gut, er ist ja auch ein Tier - und nicht etwa ein Flüchtling. Sei's drum.

Meinetwegen können die nächsten Dokus allesamt so hannesjaenickehaft ausfallen.

Und wenn er für seine Filme tagelang mit 'nem Jeep durch die Pampa fährt, hat er schon deutlich mehr auf sich genommen, als ich, der hier auf seinem faulen Arsch am Laptop sitzt, fair gehandelten Kaffee trinkt und selbstgefällig sein Tun rezensiert.

Ob dem Hannes beim Drehen einer flitzen geht - ist dem Löwen egal.

Der ist einfach nur froh, wenn kein Zahnarzt kommt.

Am Ende des Abends habe ich mich übrigens noch ganz nett mit Jaenicke unterhalten.

Ich schätze, er hat mich dennoch für 'nen ziemlichen Affen gehalten.

Wobei. Nein. Dann hätte er mich vermutlich gleich adoptiert.