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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Facebook - das digitale Detroit

Was ist nur mit Facebook los? Vor einem Jahr erreichte Micky Beisenherz hier fünf Mal so viele Leser wie heute, dazu stagniert die Followerzahl. So müssen sich die Honeckers im Winter '89 gefühlt haben.

Micky Beisenherz

56.000 Klingelschilder, aber keiner wohnt hier mehr: Micky Beisenherz vergleicht Facebook mit einem digitalen Detroit.

Falls Sie diesen kleinen Text via gefunden haben, bin ich offen gestanden überrascht. Das "soziale Netzwerk" neigt nämlich seit einiger Zeit dazu, Leute besser zu verstecken als Edward Snowden.

Bevor wir uns missverstehen: Hier spricht ein beleidigter Selbstdarsteller. Und die folgenden Zeilen sind weder von zuviel Sachkenntnis geprägt, noch mit belastbaren Zahlen unterfüttert. Man könnte also sagen: zutiefst subjektiv. Also eigentlich wie immer.

Mensch, was waren das für tolle Zeiten, in denen Facebook schon vor dem ersten Kaffee für eine heftige Selbstbestätigungsinjektion sorgen konnte. Ein schaler Witz, eine putzige Grafik und, hui, ich bin wieder wer! So lang ist das noch gar nicht her. Irgendwann aber, es muss so um die Jahresmitte gewesen sein, wurde es spürbar ruhiger. Nicht gemütliche Waldhütte-ruhig, sondern eher so Geisterstadt-ruhig. Die Resonanz auf alles ließ deutlich nach. Weniger Likes, weniger Kommentare, ja, selbst der Hass wurde anteilig geringer (aber immer noch ausreichend, um sich abgestoßen zu fühlen, keine Frage.) Klar, ich habe vor ein paar Monaten in einer Kolumne geschrieben, dass ich das blaue F kaum noch ertragen könne, aber SO war das natürlich auch nicht gemeint.

Kurz und schlecht: In meiner Facebook-Blase ist kaum noch etwas los. Positiv: Die Menschen, mit denen ich dort privat gut und gerne kommuniziere, sind ja immer noch da. Dennoch ist das Ganze natürlich eine narzisstische Kränkung. Und geschäftlich ein mittelschweres Desaster.

Auf der öffentlichen Seite, die ich betreibe, kann selbst ein technischer Laie wie ich erkennen, wie viele Menschen er mit seinem Blödsinn so erreicht. Obacht: Jetzt wird es kurz ein bisschen fachidiotisch.

Die Followerzahl stagniert

Das Ernüchternde daran: Es sind mittlerweile nur noch circa 20 Prozent derer, die ich letztes Jahr noch ansprechen konnte. Auch die Followerzahl stagniert bleiern bei rund 56.000 (Abonnenten und andere jetzt mal nicht mitgezählt), während ich mich bei Twitter der 150.000er-Grenze nähere. Es rast förmlich. Das tut der waidwunden Egomanenseele natürlich gut. Lässt mich aber auch ratlos zurück.

Als eine Art mittelständisches Unternehmen in Digitalhausen ist es mir durchaus wichtig, meine "Produkte" an den Mann zu bringen. Soziale Netzwerke waren dafür stets perfekt. Es scheint aber so, dass - um im Bild zu bleiben - die Facebookbande panzerknackerartig nachts heimlich meine Plakate abhängt und meine Prospekte und Flyer vernichtet.

Es ist nur eine Vermutung, klar. Aber ein Verdacht, der dadurch Nahrung erfährt, dass zeitgleich mit dem Blick auf die ernüchternde Reichweite stets das Angebot folgt, mit der entsprechenden Bezahlung ebendiese zu erhöhen. Ein Problem, das beileibe nicht nur ich habe.

Ich bin doch wichtig! Oder nicht?

Offiziell ist der neue Algorithmus schuld, der Beiträge nach Relevanz ordnet und Wichtiges von Unwichtigem trennt. Ähnlich unserem Gehirn, das in jeder Sekunde circa 100.00.072 Informationen erhält, uns aber im Moment nur "rote Ampel", "Tüte Lakritz" oder "Titten" anzeigt. Der Begriff "Algorithmus" hat für semiprofessionelle Selbstdarsteller wie mich wiederum längst einen so vollmundigen Klang wie IS, Analfissur oder Camp David. Ich will nicht das Unwichtige sein, das vom Wichtigen getrennt wurde. Ich bin doch wichtig! Oder nicht?

All die wundervollen Witze! Die kleineprinzigen Erbauungspostings! Die kostbaren Selfies! Sind wir Unterhalter denn umsonst für euch am Kreuz gestorben! Sorry, I got carried away....

Überall nimmt der Buzz ab. Frustrierend, irgendwie. Aufmerksamkeit als Droge. Nicht neu, ich weiß. Man kennt ja die Statistiken, dass Likes und Traffic eine ähnliche Wirkung haben wie Kokain. Und ähnlich dem Anfixen bin ich jetzt in dem Stadium angekommen, dass mein Pusher für den nächsten Schuss gerne Geld sehen würde. Was natürlich nicht passieren wird.

Es findet ein Exodus Richtung Instagram statt

Die private Eitelkeit wird über die private Seite ausreichend befriedigt (was mich selbst am meisten überrascht), geschäftlich wiederum müsste ich Tausende investieren, um die alten Werte zu erzielen.

Das ist es nicht wert, so scheint es mir. Zumal ich mehr und mehr den Eindruck gewinne, dass eine Art Exodus Richtung (ja, ich weiß, dass die auch Zuckerberg gehören. Danke.) und Co. stattfindet, der Facebook als Vertrieb ohnehin zusehends wertlos macht. Es ist ja kaum noch wer da. Also, aktiv.

Auch die Rechnung, allein aus Gründen der Likevermehrung zu investieren, wird nicht aufgehen - vielmehr überwiegt die Enttäuschung über die geringe Resonanz und man wendet sich anderen Egofutterkrippen zu.

Es gibt sie noch, die 56.000 Klingelschilder

Selbst mein geliebter Grafiker Markus überlegt sich dreimal, ob er für ein paar mickrige Likes noch die lustige GIF-Maschine anschmeißt oder lieber mit Jambo im Wald spazieren geht.

Ich kann ihn verstehen. So verkommt die einst florierende Gemeinde zum digitalen . Klar, es gibt sie noch, die 56.000 Klingelschilder. Allein, da wohnt keiner mehr. Ob sich Honecker so im Winter '89 vorgekommen ist? Oder Mielke? Ich mein, ich liebe euch doch alle!

Um zum Schluss noch in ein anderes Bild zu stolpern: Mit der Währung von 56.000 Followern (plus x) kann ich mir nix mehr kaufen und muss bei Instagram mit einem Turnbeutel voll mickriger 7000 eine neue Existenz aufbauen. Ich bin mir sicher, das ist die traurigste Weihnachtsgeschichte, die Sie in dieser Woche lesen werden. Und dann hat am Sonntag auch noch der Aldi zu.

Allein, würde ich mich öffentlich darüber aufregen, ach, es würde ja doch kaum noch einer lesen.

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