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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Die EM und ihre Folgen – Wembley ist überall

Englands Nationalspieler Jadon Sancho
Englands Nationalspieler Jadon Sancho nach seinem verschossenen Elfmeter im EM-Finale
© Frank Augstein / DPA
Der Rassismus bei der EM ist kein englisches Problem. Auch in anderen Ländern sind Spieler im Falle des Scheiterns üblen Beleidigungen und Herabwürdigungen ausgesetzt. Der Fußball ist ein Katalysator für all das, was in der Gesellschaft tief verwurzelt ist.
Von Micky Beisenherz

Heute, da die ersten Italiener wieder langsam nüchtern sein dürften und unser Alltag nicht mehr von Spielplänen strukturiert wird, ist da immer noch dieser pelzige Geschmack im Mund. Was haben wir da am Sonntagabend eigentlich erlebt?

Das Ende eines Fußball-Turniers, das auch deshalb vielen so viel Freude gemacht hat, weil mit der Rückkehr der Fans endlich die Emotionen zurück im geliebten Spiel waren. Die vollen Ränge als Spiegel unserer Seele, eine Reflexion unserer eigenen Zügellosigkeit. Dieses umwerfende Gefühl, wenn uns eigentlich völlig Fremde einen Pfosten treffen, eine saubere Grätsche setzen, zum Dribbling ansetzen. Wir springen auf, schreien, jubeln.

Fußball, das ist Urlaub von der eigenen Zurechnungsfähigkeit. Wir baden im irrationalen Gefühl und feiern Dinge, die uns im Grunde genommen gar nichts angehen. Als eine andere Version unserer selbst. Wie das im Falle des Misserfolges aussieht, mussten wir am Sonntag miterleben.

Kurz nachdem England so unglücklich im Elfmeterschießen den doch schon so sicher geglaubten, lang ersehnten Pokal wieder verloren hatte, entlud sich der ganze Frust: Mit Saka, Sancho oder Rashford scheiterten drei sehr junge Männer, denen der Druck und die Last der Verantwortung schlicht zu viel gewesen ist und die sich daraufhin einer fast beispiellosen Welle des Hasses und rassistischer Anfeindungen ausgesetzt sahen.

Denn diese drei sind nicht nur Fehlschützen, sondern eben auch dunkelhäutig – und für erschreckend viele Menschen ist das Anlass genug, darauf ihren Hass zu begründen. Als wäre es nicht der tiefe Wunsch der drei gewesen, für ihr Land den Pokal zu gewinnen. Oder wie der glücklose Marcus Rashford in einer Botschaft unlängst schrieb: "Ich kann mir die Kritik an meiner Leistung den ganzen Tag anhören. Der Elfmeter war nicht gut genug, er hätte reingehen sollen, aber ich werde mich niemals dafür entschuldigen, wer ich bin und wo ich herkomme."

Es wurden Kinder im Trikot des Gegners verprügelt

Und da hieß es zu Beginn des Turniers noch verächtlich, dieses Knien gegen Rassismus sei eine Art modische Marotte wohlstandsverwahrloster Hipster. Es ist traurig, es ist bitter, mit anzusehen, was sich da am Sonntagabend Bahn gebrochen hatte. Hat man sich anfänglich noch gerne amüsiert über die Orks, die sich titelgeifernd auf den Rängen mit gelben Zähnen, Glatze und ausgeblichenen Tätowierungen auf dem Schmerbauch den Restverstand aus der Kehle grölten, ist man nun nur noch entsetzt: Da wurden Absperrungen durchbrochen, Kinder im Trikot des Gegners verprügelt, die Frauen daheim waren vor der Wutentladung des frustrierten Ehemannes nicht mehr sicher – und eben diese hasserfüllten Entgleisungen gegen die drei Fehlschützen.

So schlimm, dass Nationaltrainer Southgate, Prinz William oder Boris Johnson sich in der Pflicht sahen, dies zu verurteilen. Tja, so sind sie halt, die Engländer, was. Und hat der Premierminister selbst mit seinem Brexitismus diesem Nationalismus nicht erst noch richtig Zunder gegeben? Natürlich ist es angenehmer, so zu tun, als sei das, was wir erleben mussten, etwas, das wir wie eine Mutante sicher auf der Insel lassen könnten.

Aber hat nicht auch der Finalgegner Italien ein massives Rassismusproblem in seinen Stadien? Frag nach bei Inter Mailands Romelu Lukaku. Kann der deutsche Fan sich entspannt zurücklehnen und mit dem Finger auf die bekloppten Briten zeigen, weil das ja nichts mit uns zu tun hat? Natürlich nicht. Auch hier waren Nationalspieler im Falle des Scheiterns üblen Beleidigungen und Herabwürdigungen ausgesetzt. Da waren die "deutschen Helden" schnell wieder "der Pole", "der Schwarze" oder "der Türke, der die Hymne singen" soll. Ganz zu schweigen von dem, was in den Fanszenen zwischen Chemnitz und Dortmund los ist oder den WhatsApp-Chats diverser Jugendabteilungen.

Es ist erbärmlich – und betrifft uns alle

Der Fußball ist ein Katalysator für all das, was in der Gesellschaft tief verwurzelt ist. So ausgelassen und kindlich die Freude im Triumph, so erbärmlich die Ausfälle, sobald die Enttäuschung einen Schuldigen braucht. Sofort greift man auf das niedrigstmögliche Beleidigungsniveau zurück. Bei manchen bemisst sich das entlang der Gehaltsgrenze – "Scheißmillionäre" –, während anderen wiederum schon die Hautfarbe oder sexuelle Orientierung reicht, um das innere Kastensystem exzessiv auszuleben.

Es ist erbärmlich. Und betrifft uns alle.

Wir tun also gut daran, uns regelmäßig selbst zu überprüfen, wo unsere Ressentiments so schlummern – und uns gegenseitig zu ermahnen, um nicht zu so jämmerlichen Arschlöchern zu verkommen, wie wir sie am Sonntag in Wembley erleben mussten. Das ist in der U-Bahn, in (im Fernsehen ausgestrahlten) Gesprächsrunden oder in Fußballstadien manchmal ein wenig mühsamer, als nur sein Profilbild bei Twitter zu verändern, aber es lohnt sich. Ich zumindest möchte es nicht erleben, dass sich der Nationaltrainer öffentlich für die deutschen Fans schämen muss. Da waren wir 1998 schon.

"Ich bin Marcus Rashford, 23 Jahre alt, ein schwarzer Mann aus Withington und Wythenshawe, Süd Manchester. Wenn ich nichts anderes habe, dann habe ich das." Süd Manchester ist auch Gelsenkirchen, Berlin-Neukölln oder Frankfurt.


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