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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier Nazi-Kehrwoche bei Facebook


Wenn Diddlmäuse Elaboraten von Nazipostillen weichen, wird es höchste Zeit durchzukärchern: Micky Beisenherz lernt löschen und räumt in seiner Facebook-Freundesliste auf. Noch nie fiel es ihm leichter.
Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Und plötzlich steht der Typ vor dir. In einem getigerten String. Was dir erst gar nicht auffällt, weil dein Blick immer noch an den zwanzig Kuscheltieren auf dem seidenbezogenen Futon, den Marionetten im Regal und dem Hitler-Poster an der Wand klebt. Was als zwanglose Begegnung begann, endet in seiner Wohnung. Aber definitiv nicht mehr im Bett.

Ja, es ist die fiktive Beschreibung eines Dates. Beziehungsweise dessen ernüchternder Ausgang. Ähnlich fühle ich mich derzeit, wenn ich in meine Facebook-Timeline blicke. Was im Alltag durchaus jahrelang eine nette - oder zumindest  schmerzfreie - Begegnung mit flüchtigen Bekannten gewesen sein mag, entwickelt sich mit dem Bestätigen-Button mitunter zu einem Blick in Abgründe, den man sich lieber erspart hätte: Vom zwanglosen analogen Miteinander stolperst du plötzlich ins Digital der Tränen.

Ähnlich der Wurst, an der du jahrelang problemlos vorbei existiert hast, und von der du dank eines Fernsehbeitrags nun weißt, was alles drin ist. Ob du willst oder nicht. Jahrelang hast du mit Menschen Fußball gespielt, dich auf Stadtfesten betrunken, dir von ihnen die Haare schneiden lassen. Alles war gut. Zumindest egal. Mit dem Befreunden öffnest du die Büchse der Pandora. Wobei das vielleicht etwas zu hochtrabend ist: Es ist eher eine Dose Instant-Elend.

Zu meinem Friseur kann ich nicht mehr gehen

Der Kerl, der mich jahrelang frisiert hat: guter Typ eigentlich. Eigentlich. Dieser Türsteher, der Wunsch und Wirklichkeit trennt. Kaum ist der Friseur mein Facebook-Freund, werde ich regelmäßig mit antisemitischen Videos und Parolen bombardiert, für die sich sogar Ahmadinedschad (das ist der Typ, der sich immer mit Kim Jong Il die Klamotten geteilt hat) geschämt hätte. Da hamas mal wieder. Ich konnte nicht mehr hingehen. Bei meiner 15 Euro-Frisur ist ein spontaner Coiffeur-Wechsel gottlob folgenlos. Fußballgruppen lassen sich nicht ganz so leicht wechseln.

Dank Mark Zuckerbergs Personality-Peepshow weiß ich jetzt, wer sich unglaublich auf das Onkelz-Konzert freut, wer die verdammte Lügenpresse vom zwangsgebührenfinanzierten Staatsfernsehen zur Strecke bringen will und wer ja kein Nazi ist, aber … .

Vielleicht übernehme ich die Kopfbälle demnächst lieber wieder selber, und die Jungs schlagen nur noch die Flanken. Ohnehin erstaunlich politisch aufgeladen ist dieses Netzwerk. Da ist diese Hostess von der Agentur, die Events betreut. Hat jahrelang zwölfstündlich ihr Profilbild geändert. Angenehm nuttige Selfies in beeindruckender Schlagzahl. Eine friedliche Koexistenz war das. Ich sah sie altern und ihr Filter arbeitete zusehends unter Volllast - ohnehin haben viele Profilbilder eine Realitätsnähe wie die laminierten Menüvorschläge bei "Wimpy Burger" - doch das war natürlich kein Grund, sie zu entfreunden. Plötzlich allerdings wich die tägliche Dosis Eitelkeit den Elaboraten von Nazipostillen wie "Junge Freiheit". Das war dann einer.

Dieser alter Kumpel aus meiner Heimat. Harmloser Typ. Hat sich eigentlich immer nur beim Bäcker verlinkt. Oder in der Systemgastro ein paar Meter weiter. Ein Aktionsradius wie dieser eine dicke Vampir bei "Blade". Nachdem er kundgetan hatte, dass ihm Pegida gefällt, löste er sich dann auch ganz ähnlich auf. Zumindest für mich.

5000 Freunde dank Bestätigungsrausch

Ich gebe offen zu, diese annähernd 5000 Freunde, die ich mir in einem fast nicht enden wollenden Bestätigungsrausch zusammen geklickt habe, sind ein wenig zu viel. Zwangsläufig kenne ich einige von denen gar nicht. Ich habe einfach nie genau hingesehen. Da aber immer mal wieder Menschen anklopfen, die ich gerne in meiner Cliq... Klicke hätte, muss ich natürlich Platz schaffen, ein wenig durchkärchern.

Was dieser Tage besonders leicht ist, da die braune Welle durchs Netz schwappt und all jene hochspült, die bislang unterm Radar durchgeflogen sind. "Wenn der Schnee geschmolzen ist, siehst du, wo die Kacke liegt." (Rudi Assauer) Diese große Gemeinschaft scheint sich in zwei Lager zu teilen.

Was ist da passiert? Facebook war doch immer dieses virtuelle Kissen auf dem Fenstersims, auf dem man die amüsante Dümmlichkeit der anderen hat vorbei ziehen sehen. Ich vermisse das ein wenig.

Sicher, ab und an gab ich mich der selbstgefälligen Cäsarenhaftigkeit hin, bei dem ein oder der anderen den Daumen zu senken, wenn es mir eine Spieleeinladung oder ein Sinnspruch zu viel wurde, es popkulturell zu wenig Kongruenz mit meinem elitären Premium-Geschmack gab - aber Leute zu löschen, das tat mir dann meistens doch irgendwie zu leid.

Wo sind die Katzenbilder hin?

Wo sind sie plötzlich hin? Die ganzen Katzenbilder. Das Grillfleisch. Die Bockwurstbeine mit dem Meer im Anschnitt. Okay, meistens war es nur der Rhein. Diese wunderbaren Sinnsprüche von "Made my Day". Diese unter Fußmatten von 3er BMWs gefundenen Weisheiten von Kirmestenor Kay One.

Ich habe vieles klaglos hingenommen. Mich gewundert, ja. Aber ich ließ es passieren. Mir bekannte Menschen, denen Jan Leyk gefällt. Eine Art Unterhalter, der aus purem RTL2 besteht. Ein Blick auf seine Facebook- Seite: Wie ein Marsch durch ein intellektuelles Lepra-Dorf. Wenn Leute, denen ich einen geistigen Mindeststandard unterstellt habe, seine interpunktionsverachtenden Posts geteilt haben.

Ich war entsetzt. Manchmal habe ich mich laut darüber amüsiert. Doch nie hat es dazu gereicht, die Freundschaft aufzukündigen. Verhöhnen statt spalten. Bekannte, denen Heftig.co-Videos die Augen geöffnet haben. Sie blieben mir verbunden. Trotz allem.

Freundinnen, die ein Freitagabendausgeh-Selfie der Miley-Cyrus-Stufe-Drei posten, nur um den Montagmorgen zu beginnen mit: "Warum müssen einen alle immer nur ausnutzen?" Gerne hätte ich da kurz auf den Freitagspost verwiesen, aber ich wollte das nette aneinander vorbei leben nicht belasten.

Es ist Kehrwoche - oder Carewoche

Wieder und wieder musste ich mit ansehen, wie meine Mitnetzwerkerin Sandra* die volle Amplitude ihres Liebeslebens vor mir und anderen ausbreitete. Bitter klagende Endzeitposts, gefolgt von herzchengetränkten "Ach, Du süßer Schuft. Ich kann Dir doch nicht lang böse sein!"-Diddlmausereien. Anschreien wollte ich sie. Sie anflehen, aufzuhören. In ihrem eigenen Interesse.

Doch erst, als sie begann, Tastenkot von Seiten wie "Deutschland, wach auf!" oder Informations-Placebos von Anonymous zu verlinken, war mir klar: Es ist Zeit für sie, gegangen zu werden. (Die Frau arbeitet übrigens als Journalistin.)

Anonymous. Die waren irgendwann wohl mal (zu irgendwas) gut. Jetzt aber zu so einer Art "Apotheken-Umschau" der Aluhutträger und Reichsbürger verkommen. Ich will mein altes, einfältiges Facebook zurück!

Ja, ich habe viele Freunde verloren dieser Tage. Es ist Kehrwoche. Carewoche. Und noch nie ist es mir so leicht gefallen. Es stört mich nicht einmal mehr, ihnen irgendwo gegenüber zu treten und ihnen erklären zu müssen, warum mein Platz im virtuellen Stuhlkreis künftig leer bleibt.

Ich gebe zu, ich bin ein linksgrün-versiffter Gutmensch. Ein selbstgefällig-emotionsbesoffener Teil der deutschlandweiten Hilfeleistungsschau. Und auch wenn ich weiß, dass das Applaudieren von Syrern bei der Ankunft am Bahnhof leider nicht das disneyhafte Ende der Flüchtlingsfrage ist, so will ich diese Verbalverklappung der Schlechtmenschen einfach nicht jeden Tag lesen müssen.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. "Ich bin ja gar nicht bei Facebook" ist das "Ich hab ja gar keinen Fernseher" der Neuzeit. "Meine Freunde habe ich im wahren Leben." Jaja. Is' ja gut. Habe ich auch. Was für eine lahme Pose.

Doch ungeachtet der Tatsache, dass mir selten so viel Blödsinn und abgrundtief beschissenes Gedankengut begegnet ist wie auf Zuckerbergs Postamt, so muss ich doch sagen: Hier sind Menschen, die mir jetzt schon mehr gegeben haben, als solche, die ich seit dreißig Jahren kenne. Oder zu kennen glaube.

Wunderbare Leute, die witzig sind, gescheit, warmherzig, mit einem tollen Musikgeschmack und einem Blick auf die Welt, von dem ich schon eine Menge habe lernen dürfen.

Kai, Nilz, Markus, Nikki, Katja, Sonja, Christian, Konstantin, Lucas, Heike, David, Tom, Chris, Marco, Anja, Sari, Paddy, Carsten, Wenke, Roman, Tommi, Gitti. Um nur ein paar zu nennen.

Auf jeden von denen, die sich bei Facebook als Trottel heraus gestellt haben, kommt jemand von Euch, dem ich im "wahren Leben" begegnen möchte.

Danke, dass ihr hier gestrandet seid. Und Danke, Facebook, dass ich hier sein darf. Im Wartezimmer einer Arztpraxis würde diesen Text doch niemand ernsthaft lesen. 

*ich wollte einfach mal so ein Sternchen dahin machen

 


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