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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Das ist wirklich das Letzte!

Sterben Sie lieber nicht. Und wenn doch, stellen Sie sich frühzeitig darauf ein. Denn sonst ist es zu spät, leichtfertige Fehler zu korrigieren.

Von Micky Beisenherz

Hüten Sie sich davor, zu sterben! Es lohnt sich nicht. Sicher, am Anfang erhält man mächtig Aufmerksamkeit. Dafür kommt hinten raus so wenig. Zumindest nach meinem Verständnis.

Verscheiden ist auch deshalb so unschön, weil man der Deutungshoheit über die eigene Vita verlustig geht. Es geschieht doch recht selten, dass man bei der als „großer Europäer“ geehrt wird, nur weil man öfter zum Campen in Holland war.

Das war ihnen einen Festakt wert. Natürlich inklusive Klezmermusik.

Viel eher wird großer Mist erzählt. Das beginnt damit, dass den Trauernden das Geflenne ausgeredet werden soll, weil: „Das hätte er bestimmt nicht gewollt.“ Na, und ob ich das gewollt hätte! Los, heult! Seid fertig! Ich bin wie der Echo! Mich gibt es nie wieder!

 Oft ist man noch nicht einmal richtig ausgekühlt, da beginnt dieses Rudel von Emozentrikern, die Erinnerung an einen selbst schamlos umzudeuten. Und unversehens läuft auf der Beerdigung irgendwas von Céline Dion, und neben dem Sarg steht ein Foto, das man zu Lebzeiten nicht einmal auf dem Videothekenausweis zugelassen hätte. Aber dazu gleich mehr.

Dem Vater eines Freundes wurde die Ehre zuteil, post mortem eine Straße in Papenburg nach sich benannt zu wissen. Der Mann wurde als Jude von den Nazis von dort deportiert, kam nach Jahren im Konzentrationslager wieder zurück in ebendiese Stadt, um in seinem Geschäft genau jenen Kleidung zu verkaufen, die seinen Abtransport … zumindest nicht verhindert hatten. Das war ihnen einen Festakt wert. Natürlich inklusive Klezmermusik.

Die hat der Verblichene zwar nie gemocht, aber wenn es darum geht, den Ehrenbürger nach seinem Ableben zu ehren, dann hat der sich gefälligst zu fügen und so zu sein, wie die tief bewegten Trauerteutonen sich das vorstellen. „Der Mann war Jude! Ja, sollen wir da jetzt ‚Aber bitte mit Sahne‘ spielen?“

Oh, und bitte: Werden Sie sich Ihrer Schwachstellen bewusst.

Und seien Sie bloß vorsichtig, welche Fotos Sie von sich zulassen oder gar selbst hochladen. Wie schnell ist man vor einen Bus gelaufen und darf sich dann, oben an der Himmelspforte angekommen, verspotten lassen, weil im Lokalteil der Zeitung ein Bild des Todesopfers zu sehen ist mit Anglerhut einer Schnapsfirma und 20 Sangriastrohhalmen in der Nase. Merke: Je spektakulärer das Ableben, desto wahrscheinlicher ist es, mit so einem Bild sogar auf die Titelseite einer überregionalen Revolverpostille zu kommen: „Sombrero Kalle (Archivfoto) stirbt bei Rekordversuch mit Senfeiern.“

Oh, und bitte: Werden Sie sich Ihrer Schwachstellen bewusst. Lassen Sie sich nie in verfänglichen oder unglücklich zu deutenden Posen ablichten. Man wird nach Ihrem Tod nie mehr unbefangen auf bestimmte Fotos blicken können.

Prominentes Beispiel: Als der Schlagerbarde Bernd Clüver vor ein paar Jahren etwas unglücklich auf Mallorca einem Treppensturz zum Opfer fiel, ließ die „Bild am Sonntag“ es sich nicht nehmen, sein privates Fotoalbum zu plündern. Dort war er unter anderem in seiner Finca zu sehen – stolz an der eigenen Zapfanlage. Dem ganz ähnlich verunfallten Gunter Gabriel waren kaum vorteilhaftere Fotos beschieden. Nein, man bekommt keine zweite Chance auf einen letzten Eindruck. Auch wenn wir alle lieber James Dean wären als, sagen wir, Uwe Barschel.

Deshalb, falls ich wider Willen ein Zimmer im Hotel Wolke buchen sollte, bitte ich Folgendes zu bedenken: Nein, es war keine Absicht. Zitiert nichts aus dem „Kleinen Prinzen“. Und nehmt das Foto oben auf der Seite! Da sehe ich nicht so ungesund aus.