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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Das Leben als Singspiel

Warum laden wir zum 50. Geburtstag? Um zu feiern, dass wir so alt geworden sind, wie wir nie werden wollten?

Das Blöde am Leben ist: Gerade wenn du es zu verstehen beginnst, ist es auch schon wieder vorbei. Ich hätte auch weniger philosophisch beginnen können, aber das war nun mal ein Gedanke, der mir am Wochenende durch den Kopf ging. Wenn man sich auf einem 50. Geburtstag mit Menschen unterhält, ist die Chance, einen klugen Gedanken aufzuschnappen oder gar selbst zu entwickeln, etwas höher als mit 20 auf einer Kellerparty. Wobei man fairerweise sagen muss: Konversation war da auch nie das höhere Ziel.

Ich bin mit fast 42 der 50 bedeutend näher als der 30.

Der Fakt, dass ich mich häufiger auf 50. Geburtstagen herumtreibe, liefert unweigerlich Aufschluss über das eigene Alter. Diese Partys ziehen konzentrische Kreise um einen, bis man plötzlich selbst unter silbernen, gasgefüllten Ziffern steht, die höher sind als die PS-Zahl des ersten eigenen Autos. Selbst als mathematisch Unbegabtem ist mir klar: Ich bin mit fast 42 der 50 bedeutend näher als der 30. Und die war eigentlich schon alt.

Vor einiger Zeit nahm mich ein Freund mit auf eine WG-Party. Die Gastgeberin wurde 25. Auf die Bemerkung „Und? Da fühlt man sich doch selber wieder wie 25!“ fiel mir nichts Besseres ein als festzustellen, dass ich mich eher fühle wie ein schlecht getarnter Zivilfahnder. Ich komme auch nicht umhin zu bemerken, dass ich immer mehr wie die Bilder aussehe, die ich nach dem Fotografieren wieder aus dem Handyspeicher lösche.

 Den 40. habe ich gar nicht gefeiert. Zu viel um die Ohren und wenig Interesse daran, mir noch mehr Organisatorisches aufzuhalsen. Davon ab besteht die Gefahr, dass ich mich heimlich von der eigenen Fete schleiche. Ich bin so ein sagenhaft unwilliger Smalltalker – allein schon, weil ich immer glaube, meinem Gegenüber gehe es genauso – und schmiede drei Minuten nach Ankunft schon Pläne, wie ich frühestmöglich wieder verschwinden kann. Als Gastgeber hätte ich aber zumindest die Macht, Songs wie „Sing Hallelujah“ , „Saturday Night“ oder „It’s Raining Men“ für den DJ auf den Index zu setzen. Lieder, die frühe Schäden in meinem Gehörgang angerichtet haben. Vor allem in den Neunzigern, als mein Bruder und ich jedes Wochenende als rollende Disko zahllose Silberhochzeiten und 50. Geburtstage mit „Moviestar“, „All That She Wants“ oder „Heut Abend hab ich Kopfweh“ bespielt haben. Damals waren Schlager nicht hip, sondern schlicht: kacke. Akustisches Zweitaktergemisch für den stotternden Tanzmotor namens Discofox.

Auch den 50. unseres Vaters haben wir beschallt. Seinerzeit kam er mir unwahrscheinlich alt vor. Die Freundin der gerade erst gefeierten Jubilarin drückte den Sachverhalt in einem Geburtstagsfilmchen sinngemäß so aus: „Damals, mit 20, hatten wir eine herrliche Zeit. Wir rauchten, wir tranken Wein und schauten Männern nach – nichts, was uns interessant oder begehrenswert erschien, war 50.“ Wenn die Wahrheit mehr schmerzt als die Gelenke.

Denn je länger die Lebensleistung, desto opulenter muss sie gefeiert werden.

Dieser 50. war übrigens ganz wunderbar. Der Mann der zu Ehrenden hatte ein tolles Fest organisiert und mit dem großartigen Mark Scheibe und dessen Bigband das Leben seiner Frau zu einem Singspiel vertont. Eine rührende Ehrung. In den Applaus hinein mengte sich neben echter Begeisterung allerdings auch spürbare Angst seitens der Anwesenden (Männer), selbst demnächst in die Verlegenheit zu geraten, diese Ehrentagskirmes toppen zu müssen. Denn je länger die Lebensleistung, desto opulenter muss sie gefeiert werden.

Wie herrlich anspruchslos war es doch mit 20, auf den Matratzen im Keller.

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