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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Schwarzwald-Virus

Micky Beisenherz
© Illustration: Dieter Braun/stern
Seitdem unser Kolumnist seiner Frau eine recht bekannte TV-Serie der 1980er Jahre gezeigt hat, ist sie so anders zu ihm. Woran das wohl liegt?
Von Micky Beisenherz

Was habe ich meiner Frau bloß angetan? Dieser wunderbaren Person verdanke ich tolle Inspiration über all die Jahre hinweg. So viele fantastische Shows, Bücher und Serien, die sie mir gezeigt hat. "Succession", "Years and Years", "Fleabag". Brillante Preziosen von HBO oder BBC, die es erst später auf den deutschen Markt schafften, ich aber ihretwegen bereits kannte, bevor das Feuilleton sich in der eigenen Trüffelschweinerei suhlen konnte.

Und wie danke ich es ihr? Ich infiziere sie mit dem Glottertal-Virus. Zwischen Heiligabend und Neujahr muss es passiert sein, dass sie ein paar Minuten zu lang neben mir saß, als ich in meinem Bademantel im Sessel fläzte und mir die Abenteuer von Professor Brinkmann und seinem Schwarzwälder A-Team ansah. Da war meine Frau "hooked", wie man so schön sagt. 

Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host ("Apokalypse und Filterkaffee"), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen.

Vermutlich war es einer der vertrauenerweckenden Momente, in denen ein haselnussgetönter Klausjürgen Wussow mit einem balsamierenden "Nech" einen Monolog abschloss. Diesem Charme kann sich wohl nicht mal eine Frau entziehen, die als Kind persischer Geflüchteter im Ruhrgebiet der 1990er von Leuten wie Harry Wijnvoord, Jörg Draeger oder dem Prinzen von Bel-Air miterzogen wurde. So was wie diese Schwarzwälder Kitschtorte hatte sie noch nicht gesehen.

Acht Jahre bin ich ihr voraus, weiß um diese Beseeltheit damals, während meine Frau all das zum ersten Mal sieht. Die Serie ist ein wunderbares Sittengemälde, wie Deutschland um 1986 herum war. Zumindest in der Nähe von Freiburg. Schimanskis Duisburg war weniger wurzelhölzern.

Keiner sprang so schön ins Cabrio wie Sascha Hehn

Wussow gab den Ur-Drosten und nechte sich in das Vertrauen der Bevölkerung. Sonntags ging man spazieren, das bürgerliche Milieu traf sich zum Wein in Ausflugslokalen, und die Bessergestellten fuhren Audi 200. Das nimmt natürlich Sascha Hehn aus, der es geschafft hatte, durch waghalsige Einstiegssprünge in rund 70 Folgen den Autotürgriff seines Golf Cabriolets so jungfräulich zu halten wie Oberschwester Hildegard.

Sascha Hehn in seiner Rolle als stelzbockiger Filius, der sich durch das östrogene Klinikviertel baggert und in den ersten Folgen sogar mit seinem omnipotenten Alten um die Gunst der grenzheiligen Schwester Christa wetteiferte. Der unzulängliche Sohn mit dem Dolch in der Tasche (es war doch ein Dolch, oder?), der Übervater, na, das ist doch Shakespeare-Material.

Wir, die TV-Zuschauer, durften ihn begleiten auf dem Weg vom Glotterstrizzi zur gestandenen Brinkmannschaft. Er hat auch Pech gehabt. Unter anderem mit dieser ambitionierten Ärztin, die, kaum dass er sie geheiratet hat, sich als beruflich engagiert herausstellt und ihn verkümmern lässt. Und dann stellt die karrieregeile Gattin mit der sirenenhaften Anja Kruse auch noch ein attraktives Kindermädchen ein. Wie doof kann man sein!

Wiederkehrendes Muster: Affären, Betrug, Seitensprünge waren immer die Schuld der nörgelnden oder desinteressierten Frau. Sätze wie "Mach nur so weiter, so treibst du mich nur in ihre Arme!" waren keine Seltenheit. Fair, dass das Drehbuch regelmäßig die Damen, wenn sie langweilig wurden, stressig waren oder neuen Liebschaften der Brinkmanns im Weg standen, aus dem Weg räumte. Krebs, Infektionen oder die kurvigen Landstraßen des Glottertals waren da durchaus hilfreich.

Wie sag ich das jetzt? Ich hab das Gefühl, ich werde seit ein paar Tagen zu Hause deutlich aufmerksamer behandelt. Die Achtziger wirken!

Danke, Professor Brinkmann.

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