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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Fünfmal pro Woche Spiegelei: Essen für die Zukunft

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Fünfmal pro Woche Spiegelei: Essen für die Zukunft
© Illustration Dieter Braun/stern
Nicht kochen zu können hat Vorteile. Denn wer heute To-go-Nudeln kauft, hat vielleicht auch morgen noch einen Italiener um die Ecke.
Von Micky Beisenherz

Sind wir vor wenigen Wochen noch kreuz und quer durchs Land gereist, so hat sich unser Bewegungsradius zuletzt doch deutlich eingeschränkt. Nicht mehr Sylt-Hamburg-Mallorca, sondern Couch-Bad-Küche. Wobei man fairerweise sagen muss: Selbst dort gibt es blinde Flecken.

Der Kühlschrank kriegt recht häufig Besuch. Immer wieder öffne ich die Tür und gucke recht dumm rein, wie um zu schauen, ob sich während meiner Abwesenheit etwas getan hat. Was da gekühlt lagert, taugt für tolle Gerichte, wird aber natürlich nicht genutzt. Die Herdplatten werden angeworfen, wenn ich mir zum fünften Mal in der Woche Spiegelei mache – damit ist meine kulinarische Kompetenz schon ausgereizt.

Dabei wäre jetzt gewiss ein guter Zeitpunkt, sich endlich mal hochzuhensslern. Kochbücher gibt es ja genug, und Gerüchten zufolge soll sogar schon mal ein Koch im Fern­sehen aufgetreten sein.

Ich muss aber ehrlich gestehen, dass dieselbe bleierne Müdigkeit, die immer dann von mir Besitz ergreift, wenn es zum Beispiel ans Sortieren von Quittungen geht, mich auch vom Kochen abhält. Ja, doch, Kochen kann Spaß machen, ­allein mir fehlt der initiale Funken. Himmelherrgott, ich habe in den letzten Monaten so viel asiatisches Essen bestellt, dass ich mit dem Inhalt der beigelegten Glückskekse drei Lebenshilfe-Bücher schreiben kann. Von der Besteckschublade voller Holzstäbchen ganz zu schweigen.

Teller habe ich länger nicht angefasst als die meisten ihre Großeltern

Mir geht auch zunehmend die Fähigkeit ab, mit Messer und Gabel zu essen. Oder Porzellan zu benutzen. Teller habe ich länger nicht angefasst als die meisten ihre Großeltern. Abstand halten – das gelingt mir bei klassischem Geschirr mit beeindruckender Sicherheit. Mehr Plastikschalen als bei uns im Haushalt gibt es nur an der Flughafen-Sicherheitskontrolle, und damit nicht genug der #Bestellscham: Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich recht häufig bei Essenslieferdiensten geordert habe, und dort finden Angestellte dem Vernehmen nach häufig Arbeitsbedingungen vor, die manch einen von ihnen schon neidisch auf DHL-Boten schielen lassen. Weil es kein Geheimnis ist, dass für die Auslieferer nicht viel übrig bleibt, tippe ich immer so anständig, dass angeblich schon Hölzchen gezogen werden, um auszulosen, wer die Fahrt zu mir übernimmt. Der Friedensnobelpreis ist nun nicht mehr weit.

Man muss ja grundsätzlich fragen: Ist häusliches Kochen in Zeiten schließender Gastronomien nicht womöglich ein Akt von tief sitzendem Egoismus? Pandemie, das kommt nicht vom englischen "Pan" für "Pfanne", sondern von "alle" – und genau deshalb sollte man auch alle im Blick haben.

Karitatives Schlemmen ist das Gebot der Stunde! Viele findige Restaurantbesitzer haben es längst geschafft, ihr Business buchstäblich ins Rollen zu bringen. Es gibt Vorgekochtes, das man in Boxen unkompliziert nach Hause trägt. Oder einzelne Zutaten, die man daheim nur noch zu einem warmen Gourmet-Lego zusammenbasteln muss.

So entfällt zwar der romantische Akt des Verweilens an einem gedeckten Tisch bei gedimmtem Licht, man erhält sich aber durch den Kauf von Drei-Gänge-Menüs to go oder von Dinner-Gutscheinen die Chance, dass es den Lieblingsladen noch gibt, wenn man wieder hingehen darf.

Das Licht, das wir am Ende des Tunnels sehen, kommt vielleicht schon vom Kerzenschein beim Lieblingsitaliener.

Und nein, das stand in keinem der tausend Glückskekse.


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