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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Meine Omma

Mit zwei "m", so spricht man das im Ruhrgebiet. 91 Jahre, fest verankert im Hier und Jetzt, lebensklug und geradeaus. Ein Stück Heimat, noch immer.

Von Micky Beisenherz

"Guck mal, meine Hand. Sieht aus wie 'ne Schildkröte mit ein paar Cocktailwürstchen dran.“ Wenn es nicht so traurig wäre, man müsste sich über die Zustandsbeschreibung von Ommas geschwollener Hand totlachen. Sie ist wieder gefallen. Eine wahrlich beschissene Meldung, die mir quartalsmäßig überbracht wird. Altersgemäß musste sie nachts ins Bad und ist dort auf einer Urinlache ausgerutscht. Fips, der Jack-Russell-Terrier, 15 Jahre alt und teilinkontinent, konnte sich nicht zurückhalten. Was für eine perfide Art, zu Fall zu kommen.

Fips ist umgerechnet 90, Omma 91 - eigentlich eine lupenreine Alten-WG. Und sie sind nicht allein, da die Etagenwohnung eingebettet ist in ein Mehrgenerationenhaus, zusammen mit meinen Eltern, meinem Bruder, meiner Schwägerin und den drei Kindern. Ein großartiges Konzept. Das ich auch erst mit 27 verlassen habe (über Bochum nach Hamburg, das werden Sie verstehen). Ich komme gerne nach Hause. Im Schnitt alle zwei Wochen. Eine recht hohe Taktung für jemanden, der 350 Kilometer entfernt lebt, finde ich.

Heim, zur Familie, zur Omma. Mit zwei "m". In Castrop-Rauxel, im , da wo die Konsonanten kurz und die Vokale lang sind, spricht man das so.

Omma ist im Hier und Jetzt verhaftet. Sie kennt Gina-Lisa genauso gut wie Sigmar Gabriel oder "diesen Schauspieler, der dem Trump stundenlang wat inne Schnauze hauen will". Ich kann nur hoffen, dass sie bald ARD-Korrespondentin wird. Klartext mit Lore. Herbert Knebel ist hier keine Kunstfigur. Hier reden die alten Leute wirklich so. "Und, Junge? Hasse noch Arbeit?" Ich bin ja erst 39. Besser, man hakt regelmäßig nach.

Es ist eine Gnade, so lange Spaß an seiner Großmutter haben zu dürfen. Eine letzte Vertreterin der Romika-Schlappen-Generation. Putzt, kocht, wäscht (unter anderem für mich, aber das würde ich nie öffentlich zugeben), weckt das gesamte Haus, beginnend um sechs Uhr morgens. So bleibt man bis ins hohe Alter geschmeidig, selbst wenn der Körper schon lange und immer weniger heimlich mit dem Rückbau des Lebens voranschreitet. Der Mensch ist ein Muskel, der von Aufgaben trainiert wird. Ruhestand ist Muskelschwund.

Meine Omma hat das Glück, gebraucht zu werden. Die blaue Stunde des Lebens da zu verbringen, wo gelebt wird. Und nicht im Sackbahnhof Altenheim. Verwaltet. Abgewickelt. Irgendwann schließt sich der Kreis. Klar formulierte Gedanken werden weniger, das Sprechen weicht einem Gemurmel oder Gebrabbel, das Essen wird zum Gefüttertwerden, dann die Windel, die Rückkehr in die Waagerechte. Alte Menschen haben das Pech, auf dieselben Bedürfnisse wie Kleinkinder zuzusteuern, aber dabei deutlich weniger niedlich und rosig zu sein.

Meine Großmutter ist natürlich von prototypischer Ommahaftigkeit. Extrem knuffig. Und fit! Auch wenn sie damit hadert, nicht mehr so dynamisch zu sein wie mit, sagen wir, 80. Und es ist reiner Egoismus, der mich so häufig zu ihr führt. "Die Doofen gehen und gehen nicht alle." Wo sonst hört man schon solche Weisheiten.

Kleine Kinder begeistern mit einem frischen Blick auf die Welt, doch alte Leute haben oft etwas ähnlich Unverstelltes. Und das, kombiniert mit diesem reichen Schatz an Lebenserfahrung, macht sie zu tollen Gesprächspartnern. Wenn man sich denn die Zeit nimmt, zuzuhören.

"Omma, die Gemüsepfanne ist ja der Hammer. Was ist denn da drin?" - "Paprika. Die musste weg. Die war schon schlecht." Okay, manchmal lohnt es sich auch, wegzuhören.

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