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M. Beisenherz: "Sorry, ich bin privat hier" Heul doch!

Weinende FC-Bayern-Spieler nach dem verlorenen Champions-League-Finale 2012
Weinende FC-Bayern-Spieler nach dem verlorenen Champions-League-Finale 2012
© Peter Kneffel/DPA
Unser Kolumnist Micky Beisenherz ist Vater geworden. Hat er bei der Geburt seiner Tochter geweint? Nein. Dafür gibt es andere Anlässe, wo Tränen fließen. Beim Fußball zum Beispiel - oder beim Filmegucken im Flugzeug.
Von Micky Beisenherz

"Und? Bei der Geburt deiner Tochter? Hast du geweint?"

"Nee, aber bei der Zeugung."

Da wird noch gelacht.

Dann folgt ein ehrliches "Nein", und anstelle, dass man selber feuchte Augen im Angebot hat, blickt man plötzlich in geweitete. Ungläubiges Erstaunen am Tisch, befremdetes Husten in der Runde und die leise Selbstanklage: Fehlt mir was? Bin ich unsensibel? Ein gefühlskaltes Schwein?

Machen wir uns nichts vor: Wenn man im Kreißsaal hockt, akustisch wahrnimmt, wie der eigene Nachwuchs erst aus der Verpackung gerissen wird, um final wie beim Kasperletheater plötzlich über das OP Tuch gehalten zu werden, ist das etwas Gewaltiges. Aber Tränen? Leider nein. Leider gar nicht. Vielleicht aber war es auch einfach ZU gewaltig.

Immer wieder habe ich an mir festgestellt, dass es mir offenbar nicht gegeben ist, große Ereignisse mit der etatmäßigen Betränung zu würdigen. Was bei jemandem, der so auf Wirkung bedacht ist wie ich, zumindest erstaunt. So vor Publikum. Aber das Leben ist keine Merci-Reklame. Zumindest nicht meines.

Hochzeit, Beerdigung, jetzt die Geburt. Das Taschentuch bleibt unangetastet wie die Eingangstürklinke der Bibliothek in Freital. The person you've called, ist TEMPOrarily not available. Was nicht bedeuten soll, dass mich das ganze kalt ließe.

Au Contraire, ich bin für gewöhnlich ein Freund der Emotion, und dennoch bin ich ratlos, warum mir das partout nicht gelingen mag. Vielleicht fehlt mir einfach die nötige Hysteriebegabung, mit der Menschen zum Beispiel im Rheinland serienmäßig ausgestattet sind. Der durchschnittliche Rheinländer fängt schon an zu heulen, wenn er anderen erzählt, dass er im Lidl Dosenwurst für die Hälfte gekriegt hat.

Weinen dient dem Stressabbau

Da Weinen in der Wissenschaft als Mittel der Kommunikation und sozialen Interaktion gilt, ist die Heuldichte in redseligen Gebieten also nicht weiter überraschend. Andere Theorien besagen, dass Weinen dem Stressabbau dient, und da kommen wir meinem Fall doch gleich bedeutend näher. Stress entsteht aber nur dort, wo der Patient überhaupt weiß, wie ihm geschieht. Manche Dinge sind so groß, so wichtig, von so gewaltiger Tragweite, dass einem der volle Umfang so schnell gar nicht bewusst sein kann. Zumindest mir nicht.

Dennoch erwarten die anderen scheinbar eine unmittelbare Reaktion. Als würde man ein 200 Liter Fass voll Ereignis oben in einen Kleinen Kaffeefilter kippen und erwartet unten eine frisch aufgebrühte Tasse heißer Tränen. So schnell läuft das aber nun mal nicht (durch). Die Information muss erst einmal einsickern.

Bei mir bricht sich so etwas scheibchenweise Bahn. Unvermittelt führt mein Gefühlszentrum emotionale Stellvertreterkriege, und ich fange in den unmöglichsten Situationen an zu flennen: Fragt mal die Stewardess, die mit ansehen musste, wie ich beim Schauen des grandiosen Sportfilms (und herzzerreißenden Familiendramas) "Warrior" im Flieger die Augen rot gebläddert habe, als würde ich die regelmäßig mit Domestos spülen.  Und zwar von Minute eins an. Okay, ein Film, der mit "About today" von The National endet, kann sich meiner Verehrung sicher sein.

Ich heule bei "Die Brücken am Fluss"

Plötzliches Pilchern. Immer wieder erwischt es mich: Bei einer Folge "Alf", bei der Merci-Reklame (ja, verdammt, jetzt ist es raus), ab Minute drei von "Close to you" der Carpenters, beim 4:1 der Deutschen gegen England bei der WM 2010, wenn ich Bon Iver höre ...

 ... und immer, immer wieder "Die Brücken am Fluss". Ein Film, der mich binnen Sekunden in eine menopausierende Oberstudienrätin mit Liebeskummer verwandelt.

Meryl Streep und Clint Eastwood im Film  "Die Brücken am Fluss" aus dem Jahr 1995
Meryl Streep und Clint Eastwood im Film  "Die Brücken am Fluss" aus dem Jahr 1995
© Picture Alliance

Die Klinke. Nun drück doch endlich diese verdammte Klinke runter. Mach die Tür auf. Hau ab! 

Tränen - frisch gepresst. 

Vielleicht ist es gerade diese unbedrohliche Zweidimensionalität von Filmen, Büchern oder Musik, die mir dabei hilft, dann und wann das zu entladen, was sich bei persönlichen Großereignissen aufgestaut hat.

Vielleicht bin ich aber auch einfach nur behämmert, gepaart mit der Östrogenschwemme des Frühvergreisten. Was weiß ich denn. 

Und was den Einstieg, meine Tochter anbelangt: Wegen der werde ich gewiss noch genug heulen können. Zum Beispiel, wenn in 18 Jahren Kay One vor der Tür steht, um sie abzuholen. Nein. Das ist natürlich Quatsch. In 15 Jahren. 

Jetzt brauche ich doch mal eben ein Kleenex. 


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