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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Rumtopf, unterirdisch

Holztäfelung, Zapfanlage, und der Hausherr trägt Schnauzbart: Der Partykeller ist ein Ort ambivalenter Erinnerungen an schwere Exzesse.

Jetzt mal unter uns: Nutzen Sie so etwas wie Ebay-Kleinanzeigen – oder vergraben Sie alten Plunder immer noch klassisch im Wald? Wann haben Sie zum Beispiel das letzte Mal von einem Rumtopf gegessen? Mir wurde unlängst noch einer angeboten. Ein Rumtopf! Von einer Frau! Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich, nur um Haaresbreite einer billcosbyartigen Zwangsbeschlafung entgangen zu sein.

Doch auch ohne von diesem flüssigen Halluzinogen gekostet zu haben, war ich plötzlich wieder elf Jahre alt und bei Onkel Jupp im Partykeller. Das Aroma der Kindheit kam auf, der Geruch einer holzvertäfelten Kellerbar stieg in die Nase.

Irgendwo links an der Wand hing der Underberg-Patronengurt

Jeder hatte doch einen Onkel oder Grundschulkameradeneltern mit einem subterranen Vergnügungsstadl. Dort trafen sich schnauzbärtige Erwachsene, um zu irgendwas zu tanzen zwischen der Band und Roland Kaiser, in dessen Texten es vornehmlich darum ging, dass er die Alte seines besten Freundes flachlegen wollte (es dann aber doch nicht tat, weil man öffentlich so etwas nicht singen kann, ohne einen massiven Sympathieverlust zu erleiden).

Irgendwo links an der Wand hing der -Patronengurt, aus dem tatsächlich ein paar Unerschrockene regelmäßig heftige Salven auf die eigene Leber abfeuerten. Schräg gegenüber, in Thekennähe: ein kleiner Feuerlöscher, aus dem – Sie ahnen es – natürlich Schnaps kam.

Die Eltern meines Spielkameraden Sven hatten so einen. Ich war wie elektrisiert. Wenn auch nicht mit der Voltzahl meines Freundes Björn. Der brachte es mal fertig, sich im Fetenbunker seines Freundes Gregor lässig an der vertäfelten Wand abzustützen und dabei die Hand auf zwei unisolierte Kabel zu legen. An diesem Abend erfand er unabsichtlich den Macarena.

Überall vorhanden war das vielteilige Bowlenservice

In Sichtweite der Zapfanlage hing, liebevoll eingerahmt, der humoristische Schatz des Hausherren: ein lustiger Spruch, nach heutigen Maßstäben so dämlich, dass man ihn allenfalls auf Facebook präsentieren würde.

Überall vorhanden war das vielteilige Bowlenservice. Das mit den aufwendigen Verzierungen, die ins Kristallglas gefräst waren, und das fabrikneu heute nur noch in der Fußgängerzone von Wattenscheid zu erstehen sein dürfte. Die Schöpfkelle, die Tässchen mit der Goldkante, die schon bei Ado-Gardinen für Beständigkeit stand. Keine Tante, die nicht irgendwann zwischen Tasse drei und fünf jedwede Zurückhaltung hinuntergespült hatte.

Ich selbst hatte meinen ersten veritablen Schwips, weil ich beim Naschen von der elterlichen Bowle stets nur die Früchte rausgepickt hatte. Absurd gefärbte und verdächtig harte Kirschimitate und Dosenananas, für die man heute in jedem Biomarkt gekreuzigt würde. Die hatten es besonders in sich, und so torkelte ich durch die Gegend wie ein Kinderstar, bevor Mutter mich frühzeitig aus dem Verkehr zog.

Früchte sollten aber bald gar keine Rolle mehr spielen, eroberte doch die sogenannte Schlammbowle die Provinzpartyszene mit einer Wucht und Euphorie, die es erst später wieder bei iPhone-Präsentationen geben sollte. Der Franck Ribéry unter den Getränken: Sieht schlimm aus, macht aber vielen Freude.

Die Bar im Untergeschoss – warum gibt es das eigentlich nicht mehr? Weil junge Leute es heute uncool finden, zum Lachen in den Keller zu gehen und dort die Reststimmung runterzuleben? Vermutlich ist es viel profaner: Da unten gibt es einfach keinen Empfang, um die Partyfotos direkt bei Snapchat hochzuladen.