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"American Idol"-Finale: Popkultur aus der Konserve

Mit David Cook feiert Amerika seit gestern sein siebtes "American Idol". Doch die Show ist schon längst viel mehr als seichte TV-Unterhaltung. Sie bestimmt, wer heute in und wer morgen out ist. Auch deshalb stand Hollywoods Elite Schlange, um eine Eintrittskarte erhaschen zu können.

Von Frank Siering, Los Angeles

Es war der Abend der medialen Superlative in Amerika. 27 Millionen Zuschauer hatten es sich um 20 Uhr vor dem Fernseher bequem gemacht, um am Mittwochabend dem Finale von "American Idol" auf Fox beizuwohnen. Gar 100 Millionen Menschen, so versicherte Gastgeber Ryan Seacrest, hatten am Abend zuvor die Gesangsauftritte der beiden Finalisten David Archuleta und David Cook via SMS-Wahl beurteilt. Mit zwölf Millionen Stimmen Vorsprung gewann überraschend Rock-Imitator David Cook - und avancierte über Nacht zum absoluten Superstar in Amerika. Hat doch diese Show bereits Stars wie Kelly Clarkson oder Carrie Underwood aus der Wiege gehoben.

"American Idol", das US-Pendant zu "DSDS", feierte somit einen gelungenen Ausstand einer holperigen siebten Saison. Zum ersten Mal in der Geschichte der Show mussten leichte Zuschauerrückgänge verzeichnet werden, was dazu geführte hatte, dass das Format der noch immer erfolgreichsten Reality-Show der Welt leicht verändert wurde. "Zum ersten Mal durften die Teilnehmer Instrumente auf der Bühne spielen", so Seacrest, der glaubt, dass dieses Detail dazu geführt hat, "dass wir die wohl besten Talente, die wir jemals rekrutieren konnten, auf der Bühne hatten".

Perfekte PR-Maschinerie

Nun ist Mr. Seacrest natürlich ein perfekter PR-Trommler. Der Clear Channel Angestellte mit eigener Radioshow, eigener TV-Show und eigener Talentschmiede weiß, wie man ein Produkt gut verpackt, um es anschließend gut verkaufen zu können. "American Idol" ist ein solches Produkt. Es findet Rohdiamanten auf der monatelangen Talentsuche, bringt sie nach Hollywood, startet ein Makeover und lässt die Top 12 einen Vertrag unterschreiben, der sie unter anderem dazu verpflichtet, kostenlos Werbung für den Sponsor Ford zu machen. Die Spots für den Autohersteller werden dann während der Show ausgestrahlt. Alles ganz amüsant, alles im Zeichen der Suche nach dem neuesten amerikanischen Musiktalent. Nach dem großen Finale gibt's dann noch eine große Konzerttour für die Top 12. Und die Hoffnung, mit solch Musikgrößen wie Clive Davis oder Andrew Lloyd Webber ins Geschäft zu kommen. Und das Prinzip "Musiker aus der Konserve" (LA Times) scheint prima zu funktionieren. American Idol dient nicht nur als ideales Werbeumfeld für die Sponsoren, die auf der Suche nach dem Zeitgeist sind, es lockt auch immer häufiger Hollywoods Prominenz ins Kodak Theater. Hier wird die Sendung aufgezeichnet.

In diesem Jahr schauten dann auch gleich solche A-Listler wie Brad Pitt, Ben Stiller, Robin Williams, Celine Dion, Forest Whitaker, Billy Crystal und Bono vorbei, um in der Episode "Idol gives back" Geld für Afrika einzusammeln. "'American Idol' ist die perfekte Plattform für einen Hollywood-Star, der eine breite Fanbasis erreichen will", sagt Howard Bragman, der als Publizist in Hollywood arbeitet. Und Moderator Seacrest fügt hinzu: "Wir erreichen mit dieser Show eine Millionenpublikum. Natürlich wollen Star diese Plattform nutzen, um entweder sich selbst und noch besser, gleichzeitig eine gute Sache zu unterstützen". So war dann auch im großen Finale wieder eine bunte Palette von Stars und Sternchen anwesend, um den beiden Davids zuzujubeln. Ashley Tisdale fieberte im Publikum mit, Ben Stiller, Jack Black und Robert Downey Jr. gaben sich sogar für einen gespielten Musiksketch her. Und Teri Hatcher, ihr wurde ja vor einige Zeit eine Affäre mit dem Moderator Seacrest nachgesagt, ließ es sich nehmen, um in der ersten Reihe zur Musik von Mr. Cook mitzuschwingen.

Bryan Adams und Seal hielt es nicht mehr auf ihren Sitzen

Als dann, so kurz gegen 22 Uhr - George Michael hatte nach einem Gesangsmedley gerade die Bühne verlassen - David Cook, ein Bartender aus dem Städtchen Blue Springs im US-Bundesstaat Missouri, als Gewinner bekanntgegeben wurde, hielt es auch Bryan Adams und Seal nicht mehr auf ihren Sitzen. Als hätte Cook gerade eigenhändig die Europameisterschaft gegen Italien gewonnen, flippte die hoch motivierte Fangemeinde aus. Teenager brachen weinend zusammen, Sicherheitskräfte scharten sich sogleich um den 25-jährigen Cook. Der konnte seinen Sieg im ersten Moment überhaupt nicht fassen. "Ich dachte, Ryan würde den anderen David als Sieger nennen", so Cook nach der Show. Die Fox-PR-Maschine läuft auf am Tag nach dem Finale auf vollen Touren. David Cook im Frühstücksfernsehen, David Cook in den Late Night Talkshows. Dazwischen ein Dinner mit Clive Davis, Verhandlungen für einen lukrativen Plattenvertrag, und der Ausblick auf eine blumige musikalische Zukunft. Aber, Vorsicht: Nicht jedes "American Idol" bleibt auf Rosen gebettet. Ein kleiner Fehltritt, und die "fünf Minuten im Spotlight" sind gleich wieder vorbei. Taylor Hicks zum Beispiel, Gewinner von Saison Fünf. Sein Stern erlosch, bevor er so richtig zu strahlen began. Sein Plattenlabel feuerte ihn kürzlich. Der Grund: schwache Verkaufszahlen. Die Popmusik aus der Konserve funktioniert halt auch in Amerika nur dann, wenn sich jemand findet, der die Dose öffnen möchte.