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"Idomeneo"-Aufführung: In Berlin wird wieder geköpft

Für die einen war es eine "politische Demonstration der Kunstfreiheit", für andere die größte Sicherheitsaktion um eine Oper: Die wegen ihrer Köpfungsszene umstrittene Idomeo-Inszenierung wurde wieder in der Berliner Deutschen Oper gezeigt, mit Sekt und Sicherheitsschleusen für die Gäste.

Kontrollen wie auf dem Flughafen, Leibwächter in Zivil und Uniformierte in Grün: Bei der Wiederaufführung von Mozarts "Idomeneo" herrschte an Berlins Deutscher Oper Ausnahmezustand. Doch die Befürchtung, Proteste oder gar Gewalt würden die umstrittene Inszenierung stören, lief ins Leere. Nur vereinzelt hallten Buhrufe durch das mit 1600 Zuschauern nicht ganz ausverkaufte Opernhaus. Bei der Schlussszene, in der die abgeschlagenen und Blut triefenden Köpfe der Religionsstifter Jesus, Buddha und Mohammed sowie des griechischen Gottes Poseidon präsentiert werden, riefen nur einige vereinzelte Zuschauer "Aufhören" in den Raum. Zum Abschluss gab es langen Applaus für die Künstler.

Zwischen Schleusen und Sekt

Zur Rückkehr der drei Jahre alten Produktion von Regisseur Hans Neuenfels auf den Spielplan der Deutschen Oper waren zahlreiche Politiker und Vertreter muslimischer Verbände gekommen. Zwischen Sicherheitsschleusen und Sektgläsern waren unter anderem Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), die Grünen-Politiker Volker Beck und Kathrin Göring Eckardt und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zu sehen. Rund 250 Journalisten aus aller Welt hatten sich für die Aufführung im größten Opernhaus Berlins angesagt. Die Fernsehsender 3Sat und RBB sendeten live aus dem Foyer.

"Das war eine politische Demonstration für die Kunstfreiheit", sagte Wowereit nach dem Schlussvorhang. Als Zuschauer könne man über die Aufführung allerdings geteilter Meinung sein. Schäuble sagte, als Verfassungsminister sei er für das Recht, "die Oper so oder so aufzuführen - das gehört zur Kunstfreiheit". Jedem stehe es frei, sich die Inszenierung anzuschauen. Als Minister wolle er sich zu künstlerischen Fragen nicht äußern. Der aus der Türkei stammende Berliner PDS-Abgeordnete Giyasettin Sayan nannte die Inszenierung "interessant".

Ungekannte Sicherheitsvorkehrungen

"Noch nie haben wir eine Opernveranstaltung derart abgesichert", sagte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski. Mit halbstündiger Verspätung, aber ohne größere Zwischenfälle hatten sich um 20.00 Uhr die Türen geschlossen. Die Fernsehkameras mussten draußen bleiben.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) erneuerte seine Kritik an der Absetzung im September und sprach von einer "unvernünftigen" Entscheidung. Intendantin Kirsten Harms meinte, die Debatte um die Absetzung zeige, dass "in Wahrheit" niemand wisse, "wie man sich auf die neue Situation von Terrorismus und gewaltbereiten Menschen einstellen soll." Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, äußerte sich zurückhaltend. Er habe die Inszenierung "gut" gefunden, die Absetzung im September aber für überzogen gehalten. "Abstrakt gefährdet sind wir alle zu jeder Zeit", sagte Staeck.

Vor dem Opernhaus patrouillieren Polizisten, über dem Eingang spannte sich ein Transparent mit der Aufschrift "Wir bitten um Verständnis für die Kontrollen." Im Foyer mussten die Gäste Metalldetektoren passieren und Taschenkontrollen über sich ergehen lassen, vor dem Haus demonstrierten nur einige wenige christliche Fundamentalisten.

Religionsfeindliches Spektakel

Mehrere prominente Muslime, unter ihnen der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, und der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, wollten sich das Werk nicht ansehen. Schäuble hatte auf Anregung muslimischer Teilnehmer alle Mitglieder der Deutschen Islam-Konferenz dazu eingeladen. Vertreter aus beiden großen christlichen Kirchen zeigten Verständnis für die Ablehnung einiger Muslime. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Joachim Meyer, sprach von einem "religionsfeindlichen Spektakel".

Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hatte im September Intendantin Harms zu der Absetzung des Stücks geraten. Eine konkrete Gefahr bestand damals nicht. Die Absetzung hatte weltweit für Schlagzeilen gesorgt und war bei Künstlern und Politikern bis hin zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf heftige Kritik gestoßen. Eine weitere Aufführung ist für den 29. Dezember vorgesehen.

DPA / DPA