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"Running down a dream": Porträt einer Rocklegende

Nach "No Direction Home", Martin Scorseses gefeierter Dokumentation über Bob Dylan, kommt es zu einem weiteren Gipfeltreffen zwischen Hollywood und der Welt des Pop. Star-Regisseur Peter Bogdanovich hat mit "Running down a dream" ein feinsinniges Porträt über Tom Petty gedreht.

Von Julian Weber

Zu alt für Rock'n'Roll? Niemals, sagte sich der 67-jährige amerikanische Regisseur Peter Bogdanovich und porträtierte einen der letzten wahren Helden des amerikanischen Rock: Tom Petty. Die beiden Charaktere könnten unterschiedlicher nicht sein. Der intellektuelle New Yorker Regisseur trifft auf den bodenständigen Südstaatenrocker. Zahlreich sind Tom Pettys Hits, "Anything, that's Rock'n'Roll", "I won't back down", "American Girl" oder "Running down a dream". Er hat rund 60 Millionen Alben verkauft, die Fans lieben seine simplen und kraftvollen Songs.

Für sie ist Petty der Inbegriff des ungebändigten Rockstars, der für die eigenen Rechte einsteht und lieber aneckt, als sich anzubiedern. "Nein, ich werde diesen Song nicht spielen", mosert Petty, als er zusammen mit dem Byrds-Sänger Roger McGuinn den Song eines Unbekannten aufnehmen soll, den McGuinns Manager für die beiden Superstars ausgesucht hat. Vor laufenden Kameras lässt Petty den Studiotermin platzen und blafft McGuinn für seine Unterwürfigkeit gegenüber der Plattenfirma an.

"Running Down a Dream" ist voller seltsamer Momente, es ist eine pulsierende Nahaufnahme geworden. Mehr als drei Stunden lang wird man durch die wechselhafte Karriere eines Rockstars geführt, in die Höhen ebenso wie in die Abgründe. Seltene Aufnahmen aus den Archiven sind dabei zu sehen und nie gesehene Privatfilme, die die Bandmitglieder von Pettys Band The Heartbreakers mit einer Super-8-Kamera gedreht haben. Erzählt wird die Geschichte des Tom Petty aber vor allem von ihm selbst. Bogdanovich, der Meister des Interviews, fragte den Gitarrenrocker über mehrere Jahre hindurch über sein Leben aus. Pettys Aussagen ergeben zusammengesetzt das Mosaik der Classic-Rock-Ära. Ergänzt um Aussagen prominenter Fans von George Harrison bis Johnny Depp ergibt sich so auch ein Bild der USA.

Manager stirbt an Überdosis Heroin, Pettys Haus brennt nieder

Der Erfolg von Tom Petty hat seine bitteren Seiten. Sein langjähriger Bassist Howie Epstein stirbt während der Dreharbeiten an einer Überdosis Heroin, Pettys Haus wird von einem unbekannten Brandstifter angezündet, er verliert alles Hab und Gut. "Running Down a Dream" ist eine filmische Gratwanderung, es wird kaum schmutzige Wäsche gewaschen, Bogdanovich beutet seinen Protagonisten nicht voyeuristisch aus. Andererseits ist es aber auch kein braves Rock'n'Roll-Märchen geworden, das den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär zum hundertsten Mal aufwärmt. "Running Down A Dream" ist vor allem das akkurate Porträt eines widersprüchlichen, aber aufrechten Musikers.

Tom Petty wurde 1952 in Florida geboren. Dort wuchs er in einer Vorstadt des Provinzstädtchens Gainesville unter schwierigen Familienverhältnissen auf. Sein Vater, ein Versicherungsvertreter, verprügelte ihn regelmäßig, die Mutter reagierte auf die Popambitionen des Sohnes überängstlich. Mit 18 schmiss Petty die Schule, um Musik zu machen. Ohne Plattenvertrag fährt er 1974 im Auto von Florida nach Los Angeles und ruft von einem Münztelefon in den Büros der Musikindustrie an. Zusammen mit seiner Band haust er in einem Motelzimmer. Hundert Dollar sind übrig, als schließlich ein englischer Produzent anbeißt und Demoaufnahmen vorfinanziert.

Dauer-Tourstress bricht den Rebellen nicht

Dann tourt Tom Petty durch die USA, jahrelang, ohne Pause. Und ohne größeren Erfolg. Der stellt sich erst 1978 ein, zuerst in England, dann in Europa und schließlich 1980 doch noch in den USA. Bis dahin haben sich Tom Petty and The Heartbreakers fast aufgerieben. Drogen und Alkohol zermürben die Band. Sein rebellisches Wesen hat Petty aber bis heute beibehalten, so weigert er sich standhaft, die eigene Musik für Werbespots herzugeben. Die Fans aber lieben seine näselnde Stimme und das markante Aussehen, sein glattes blondes Haar und das hervorstehende Gebiss, das ihm gewisse Ähnlichkeiten mit einem Gartenzaun verleiht. Vor kurzem feierte der 55 Jahre alte Hautdegen sein dreißigjähriges Bühnenjubiläum - standesgemäß bei einem Konzert vor 80.000 Zuschauern.

Von George Harrison, über Bob Dylan, von Roy Orbison bis Jeff Lynne - Petty kennt sie nicht nur alle persönlich, er hat mit den Größen seiner Zunft schon bei den Traveling Wilburys zusammengespielt. Bob Dylan gefiel die Musik von Tom Petty so sehr, dass er ihn und seine Band 1987 als Begleitung für eine Welttournee verpflichtete.

Ungehobelt, aber mit Herz, ein echter Cowboy

Die Kollegen bekunden auch in "Running Down A Dream" ehrlichen Respekt. Etwa Dave Stewart von den Eurythmics, der für Petty Songs schrieb, und ihn in den Achtzigern aus einer Schaffenskrise holte. Petty überließ seine eigenen Lieder Stevie Nicks von Fleetwood Mac oder dem Countrysänger Johnny Cash. "Er hat etwas von einem Western-Helden", sagt sein Regisseur Peter Bogdanovich. In der Tat erscheint Tom Petty in "Running Down a Dream" einmal wie ein Cowboy aus einem John-Ford-Film, im Stetson-Hut mit Lederweste und dunkler Sonnenbrille, ungehobelt, aber mit dem Herz am rechten Fleck.

Bis heute hält Petty mit seiner in fast unveränderter Besetzung spielenden Band am gleichen Konzept fest: Rocksongs, ohne Mätzchen, dafür mit klar verständlichen Botschaften und viel Gefühl. Immer wieder tauchen die Songs im Film auf, als Live-Versionen oder im Hintergrund. Die Band wurde für Tom Petty zur Ersatzfamilie und die Musik zur Beschäftigungstherapie, auch in den schwierigsten Zeiten hat Petty nie aufgehört neue Songs zu schreiben. Nun ist sein Traum zu einem Film geworden.