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Interview Peter Bogdanovich: "Von gutem Rock'n'Roll geht Gefahr aus"

Filmregisseur Peter Bogdanovich hat ein feinfühliges Porträt über Rockstar Tom Petty vorgelegt. Im stern.de-Interview spricht er über das Verhältnis zu seinen Eltern, die Jugend im Amerika der Fünfziger Jahre und seine psychologischen Fähigkeiten.

Peter Bogdanovich verkörpert den Typ "knorriger New Yorker Intellektueller". Mit Einstecktüchlein und Hornbrille, bekleidet mit dunkler Cordhose und bequemer Strickjacke empfängt er zum Interview, hört genau zu und liefert passende Anekdoten aus seinem geradezu enzyklopädischen Filmwissen.

Herr Bogdanovich, Sie haben mit "Running Down A Dream" ein umfangreiches Porträt über den Rockstar Tom Petty gedreht. Was verbindet Sie mit ihm und seiner Musik?

Die Songs von Tom Petty stehen in der Tradition eines Elvis Presley und der Beatles. Genauso beziehe ich mich als Regisseur auf die großen Hollywood-Regisseure. Ich habe das von meinem Vater geerbt, er war Maler und kannte sich bestens in der Kunstgeschichte aus. Mir wurde durch ihn klar, dass ich die Filmgeschichte in allen Einzelheiten studieren muss. Ins Kino gehe ich schon seit ich ein kleiner Junge bin. Die Helden meiner Jugend waren in den Western von John Ford zu sehen. Diese Figuren haben mich geprägt, sie wurden zu Vorbildern für meine eigenen Filme.

Neben ihrer Regiearbeit haben Sie auch Bücher über die Geschichte Hollywoods verfasst.

Ja, ich bin von der amerikanischen Filmgeschichte stark beeinflusst, das ist richtig. Aber ich bin meinen eigenen Weg gegangen. Dazu haben mich gerade die Regisseure aus Hollywoods Goldenem Zeitalter gebracht. Für mein Buch "Who the devil made it?" (dt. Wer hat denn den gedreht?") habe ich 20 von ihnen interviewt. Über meine Helden John Ford und Orson Welles habe ich Bücher geschrieben. Ich kannte viele Legenden in Hollywood persönlich und habe durch meine Autorenarbeit auch Freundschaften geschlossen. Auch den französischen Regisseur Jean Renoir zähle ich zu meinen Freunden, er hat mich immer wieder zum Filmemachen ermuntert.

"Running Down A Dream" verfolgt die Lebensgeschichte von Tom Petty und den Musikern seiner Band the Heartbreakers chronologisch. So entwirft ihr Film auch ein historisches Bild der USA.

Ja, ich fand seine Geschichte exemplarisch für die 70er Jahre in unserem Land, obwohl sie nicht die typische amerikanische Erfolgsgeschichte ist. Trotzdem drückt Tom Pettys Rockmusik etwas Universelles aus. Er ist in einem Kaff in Florida aufgewachsen und musste hart arbeiten, um von dort rauszukommen. Mich hat interessiert, wieso aus Tom Petty ein Rockstar wurde. Er ist ein sehr bodenständiger Typ, zu seinen Fans ist er sehr freundlich, er spricht ihre Sprache, kann aber auch ein Dickschädel sein. Ich mag diese Widersprüche in seinem Leben.

Sie verzichten in ihrem Film konsequent auf eine Erzählstimme. Stattdessen lassen Sie Tom Petty und seine berühmten Kollegen sowie Fans von George Harrison, Stevie Nicks, Johnny Depp und anderen ausführlich zu Wort kommen.

Als ich Tom Petty das erste Mal begegnet bin, war mir sofort klar, dass er seine Geschichte selbst erzählen muss, denn er hat sie schließlich durchlebt. Ein Erzähler wäre da nur unglaubwürdig gewesen. Tom ist ein Typ aus echtem Schrot und Korn, er spricht mit Südstaaten-Akzent, die Sätze purzeln nur langsam aus seinem Mund und sie klingen lakonisch. Er hat etwas von einem Western-Helden.

War es schwierig, Tom Petty dazu zu bekommen, über das Verhältnis zu seinen Eltern zu sprechen?

Ich habe ihn für den Film ungefähr zehn Mal interviewt, und auf das Verhältnis zu seinem Vater, der Tom in seiner Kindheit verprügelt hat, kam er erst ganz spät zu sprechen. Seine Mutter machte sich große Sorgen um ihren Sohn, ob Rock'n'Roll das Richtige für ihn sei. Musik ist alles, was für Tom Petty zählt. Er musste schon im Elternhaus gegen große Widerstände ankämpfen, das hat ihn geprägt.

Ist Ihre Kindheit anders verlaufen?

Ich hatte ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Mein Vater war mir gegenüber ein bisschen distanziert. Er hat nicht viel geredet, aber er übte großen Einfluss auf mich aus und konnte mich motivieren. Mein Vater förderte auch meine künstlerische Ader. Wissen Sie, meine Eltern emigrierten 1939 aus Serbien nach New York. Meine Muttersprache war also serbokroatisch, und ich wuchs in einem europäisch geprägten Haushalt auf. Musik und Kunst waren sehr präsent. Tom Petty ist dagegen in einem sehr amerikanischen Umfeld in einem Vorort von Gainesville in Florida aufgewachsen. Kultur gab es gar nicht.

Wie haben Sie sich auf das Interview mit Tom Petty vorbereitet?

Ich hörte mir seine Platten an und las einige Zeitungsartikel über ihn. Ich bin ein neugieriger Mensch. Mein Vorteil ist, dass ich eben kein Popexperte bin, die Musiker mussten mir alles haarklein erklären, weil sie es nicht als bekannt voraussetzen konnten. Ich habe also sozusagen während der Interviews dazu gelernt, das hat meinem Film sicher nicht geschadet.

In "Running Down a Dream" kommen die Musiker immer wieder auf die 60er Jahre zu sprechen, das war die große Zeit der Beatles und der Beginn von Bob Dylans Karriere. Wie haben Sie die Sechziger Jahre persönlich erlebt?

Meine Jugend fand bereits in den 50ern statt, ich habe die 60er Jahre daher nicht als das Jahrzehnt des Aufbruchs und der Befreiung empfunden. Popmusik bedeutete mir nicht so viel. Der Held meiner Jugend war Frank Sinatra und seine Balladen begleiteten zum Beispiel meine erste Liebe. Später kam ich dann auf den Geschmack von Jazz. Und die Gags von Dean Martin und Jerry Lewis haben mich ins Kino getrieben. Die Aussagekraft von Popmusik habe ich erst viel später habe kennen und schätzen gelernt, als ich für meine Komödie "The Thing called Love" (1993) im Songwritermilieu von Nashville recherchiert habe.

Neben den Interview-Ausschnitten sind in "Running Down a Dream" viele alte Filmaufnahmen zu sehen, Szenen aus Fernsehshows und Live-Auftritte der Band, aber auch private Super-Achtfilme, wie haben Sie die Auswahl getroffen?

Als wir anfingen, wussten wir gar nicht, was wir da für Schätze gehoben hatten. Es belief sich auf circa 400 Stunden Filmmaterial, das wir sichten mussten. Das war Glück, denn so kann der Zuschauer die Reise von Tom Petty von Anfang bis Ende mitmachen. Wenn er über eine Tournee spricht, dann sehen wir ihn und die Band in einem alten Auto von Florida nach Kalifornien fahren, dann erleben wir die Welt mit ihren Augen. Und die Live-Auftritte aus dem englischen Fernsehen, bei der Show "Top of the Pops" 1976 etwa, sind atemberaubend, Tom Petty und die Heartbreakers kamen damals zum ersten Mal nach Europa und brannten vor Spielfreude.

Sie haben zur Einstimmung Konzerte von Tom Petty live verfolgt. Wie haben Sie sie erlebt?

Das war eine tolle Erfahrung für mich. Ich sollte eigentlich vor der Kamera stehen, aber ich war so gebannt vom Geschehen, dass ich dem Kameramann sagte, ich bin vollauf mit Zuschauen beschäftigt. Wie die Band zusammenspielt, ist umwerfend und mich beeindruckte auch die Resonanz des Publikums, wie schnell es auf die Musik reagiert und emotional und körperlich mitmacht. Ich saß im Dunkeln seitlich an der Bühne und keine zehn Meter von mir spielte Tom Petty Gitarre und sang ins Mikrofon, dann klatschte er in die Hände über seinem Kopf, ich blickte nach rechts und 80.000 Fans taten genau das Gleiche. In diesem Moment habe ich gedacht, dass ich meinen Beruf verfehlt habe.

Wie würden Sie Rock'n'Roll definieren, nachdem Sie ihn mit eigenen Augen gesehen haben?

Wenn wir Tom Petty bei "Top of the Pops" sehen, wie er "Anything, that's Rock'n'Roll" spielt, dann verkörpert er für mich die typische Rock'n'Roll-Haltung. Er singt zwar etwas anderes, aber er ist widerspenstig, er bringt so ein Gefühl zum Ausdruck, als ob sein Boss eine Arschgeige ist und die Mutter seiner Freundin ihn nicht leiden mag, aber er teilt uns mit, es ist ihm egal. Von gutem Rock'n'Roll geht eine gewisse Gefahr aus.

Apropos Gefahr, Sie spielen in der Mafia-Serie "The Sopranos" mit.

Sopranos-Regisseur David Chase hat mich vor langer Zeit einmal angesprochen, weil er einen Dokumentarfilm über Orson Welles gedreht hat und wusste, dass ich über ihn Bescheid weiß. Und er hat mich damals für meine Kamerapräsenz gelobt. Jahre später hat er mich angerufen, und gefragt, ob ich Lust hätte, in seiner Serie mitzuspielen. Er wusste nicht, dass ich bereits als Teenager Schauspielengagements hatte. Also stieg ich in der zweiten Staffel der "Sopranos" ein und spielte "Dr. Eliott Kupferberg", den Psychiater-Supervisor der Psychiaterin "Dr. Melfi". Das hat mir außerordentlichen Spaß bereitet.

Ein Filmregisseur hat Ähnlichkeiten mit einem Psychiater.

In der Tat, ein Regisseur braucht psychologische Fähigkeiten, er muss aus seinen Schauspielern das Beste herausholen, und er muss sie dafür genau verstehen. Es geht schon beim Casting los, man muss die richtigen Fragen stellen und zuhören können. Ich habe in meiner Laufbahn als Regisseur und Filmkritiker zahllose Interviews geführt, ich mache das, seit ich 20 bin. Die Technik beherrsche ich im Schlaf, ich stelle eine Frage und habe eine weitere vorbereitet, aber ich bin immer offen, dem Gespräch zu folgen, auch wenn es in eine andere Richtung geht. Darum war ich auch die ideale Besetzung für "Dr. Eliott Kupferberg". Wissen Sie, was das Beste ist? Diese Rolle hat meine Karriere nochmal angeschoben! Jetzt haben die Leute wieder auf dem Zettel, dass ich Schauspieler bin.

Wann gibt es wieder einen neuen Spielfilm von Ihnen zu sehen?

Ich hoffe schon sehr bald, denn ich bereite ihn gerade vor. Er wird "Killer Joe" heißen, es ist ein Suspense-Thriller über ein Familiendrama in Texas. Es geht darin um eine Familie, die in einem Wohnwagen lebt und einen Mord plant, aber alles geht schief. So ist das nun mal bei Mord.

Interview: Julian Weber