"When I was Cruel" Elvis lebt!


Nach Ausflügen in Kammermusik und Kunstlied findet Elvis Costello auf seinem neuen Album "When I Was Cruel" zurück zum Krawall mit Niveau.

Der Meister bittet zum Interview. Das kann heikel werden. Im besten Fall erklärt er einem in 30 Minuten die komplette Rockmusik, inklusive Klassik plus Jazz minus HipHop. Im schlimmsten Fall tut der Meister dasselbe, aber dann auch noch mit schulmeisterlichem "Junge-du-hast-ja-keine-Ahnung"-Gesichtsausdruck, und man schämt sich, als hätte man seine Vokabeln nicht gelernt. So wie heute in diesem Hamburger Hotelzimmer.

Mister Costello, die Rocksongs Ihres neuen Albums erinnern an die aus "Brutal Youth" oder "All This Useless Beauty".

Elvis zieht die Stirn in Falten. »No, I don't think so!« Aha, Fehler.

Nächster Versuch: Mister Costello, im neuen Album hört man Einflüsse von Tom Waits und Brian Eno.

»No, I don't think so.« Man sollte jetzt wohl ins Aufgabenheft schreiben: »When I Was Cruel« ist ein ziemlich perfektes Album.

Ist es natürlich nicht. Es ist einfach typisch Costello: hier wunderbar simple Melodien, hart, rhythmisch, ungeschliffen mit messerscharfen Texten, dort billige Zitate, hingerotzte Songs, die für Costellos Verhältnisse recht schwach sind, aber anscheinend dennoch auf die Platte mussten.

Der Brite - je nach Biograf mal 46, mal 47 Jahre alt - ist ganz sicher einer der wichtigsten Songwriter der Musikgeschichte. Er kann nicht nur Lieder schreiben, er muss es. Muss komponieren, muss produzieren, muss sich ausspielen, sonst würde er platzen vor Kreativität. Noch immer soll jeder Song klingen, als habe er dafür das Letzte aus sich herausgeholt und jedes Wort, jede Note mit Herzblut geschrieben.

Bei »Painted From Memory«, jener melancholischen Reise über die dunklen Pfade der Liebe, erreichte er sein Ziel scheinbar mühelos - »When I Was Cruel« ist musikalisch längst nicht so geschlossen. Trotzdem schaffte es die Platte in Amerika prompt auf Platz 20 der Charts, als hätten seine Fans nur darauf gewartet, statt verzehrender Violine und Cello wieder verzerrte Gitarren, Schlagzeug und Bass hören zu dürfen.

»Gerade der Bass ist ein Problem«, doziert der Meister, »der Bass ist das Fundament eines guten Songs. Er bestimmt den Rhythmus. Aber es gibt kaum noch gute Bassisten.« Natürlich weiß er, dass sein neues Album gleich mehrere Musterbeispiele perfekten Bass-Spiels enthält. Er ist ziemlich stolz auf diese Krawallplatte mit Niveau, komponiert »nur mit einer Silvertone-Gitarre, einem 15-Watt-Verstärker und einer Kinder-Beatbox mit großen Knöpfen in Orange.«

Auf dem Couchtisch liegt demonstrativ schon das nächste Projekt: die handgeschriebene Orchester-Partitur zu einem klassischen Ballett. Mister Costello, Sie lieben Ballett? Er grinst: »Yes, I think so.«

Tobias Schmitz


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