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Popkomm 2006: Ein Clipkanal für Jamba-Hasser

Eine spanische Sängerin hat Daniel Brühl geküsst. Dendemanns witzige HipHop-Texte und Joy Denalanes Soul grooven Kreuzberg. Und Tim Renner startet ein Konkurrenzangebot zu MTV und Viva - garantiert ohne Klingeltöne.

Von Kathrin Buchner

Über Musik kann man wenig schreiben, man muss sie hören, die Künstler sehen, manchmal auch den Schweiß des begeisterten Fans, der neben einem steht, riechen. Wer will schon wissen, wie viele Jahre die viel versprechenden Nachwuchskünstler in stickigen Bandkellern verbracht haben, welche Songs sie auf ihrem I-Pod in der Endlosschleife hören. Gelegentlich tauchen aber richtig spannende Geschichten auf, völlig aus dem Nichts.

Marlango zum Beispiel. Eine bis dato in Deutschland völlig unbekannte Band, die im Rahmen eines spanischen Popkomm-Abends in Berlin auftrat. In ihrer Heimat haben sie von ihrem ersten Album respektable 80.000 Exemplare verkauft, vom zweiten namens "Automatic imperfection" bisher 50.000. Sängerin Leonor Watling ist halb spanisch, halb englisch, sieht sehr gut aus und genießt in ihrer Heimat große Popularität, weil sie als Schauspielerin unter anderem in Pedro-Almodóvar-Filmen mitgewirkt hat. Und sie hat Daniel Brühl geküsst, unseren Daniel Brühl aus "Goodbye, Lenin!". Allerdings nur im Film. In "Salvador", der vom Franco-Regime handelt, spielt sie die Freundin von Salvador, einem jungen Mann, der als letztes Opfer der Diktatur hingerichtet wurde. Küssen könne Daniel Brühl sehr gut, versichert die Sängerin im stern.de-Interview. Ob und wann die spanische Produktion in deutschen Kinos läuft, ist allerdings noch unklar.

Ein Schuss Radiohead, ein Spritzer Tom Waits

Ganz nebenbei: Auch die Musik von Marlango ist äußerst hörenswert. Leonors großartig volle Stimme wird von Alejandro Pelayo am Piano und Oscar Ybarra, einem in New York aufgewachsenen Kubaner, an der Trompete begleitet, meist stehen auch noch ein paar Gastmusiker auf der Bühne. Die Musik könnte der Soundtrack zu einem Film von Jim Jarmusch oder David Lynch sein, so melancholisch, vielschichtig, tiefgründig aber doch warmherzig fügen sich die Klänge ineinander. Ein wenig Jazz-Improvisation, ein Schuss Radiohead, ein Spritzer Tom Waits. Leider wird das Album hierzulande erst im Januar erscheinen.

Neuentdeckung: Laura Lopéz Castro

Apropos volle Stimme: Über die verfügt auch Deutschlands derzeit angesagteste Souldiva Joy Denalane. Nach ihrem Warm-Up-Gig am Vortag in der Kulturbrauerei stellte sie in der vollen Columbiahalle ihre neue Platte "Born and raised" auch offiziell vor. Ein Abend, der zum umjubelten Heimspiel für die gebürtige Kreuzbergerin wurde. Zu diesem feierlichen Anlass hatten auch die Backgroundsängerinnen sexy schwarze Kleider an statt hochgeschlossene Rollkragenpullis und schlecht sitzende Jeans. Und Joy kostete die Stimmung reichlich aus und kommunizierte zwischen den Songs ausgiebig mit dem Publikum.

Der angekündigte John Legend fiel aus, dafür gab es im Vorprogramm noch etwas zu entdecken: Laura Lopéz Castro, große dunkle Kulleraugen, schwarze kurze Haare. Bossa Nova meets französischen Chanson - melancholische südamerikanische Folklore mit samtweicher Stimme vorgetragen, begleitet von Kontrabass und Gitarre. Eine Musik, die eigentlich besser in einen kleinen Club als auf die große Bühne passt. Erstaunlich, wie gut die Musik trotzdem beim Publikum ankam. Ein großer Augenblick in der Karriere der Laura Lopéz Castro, die als Kind spanischer Eltern in der Nähe von Stuttgart aufwuchs und erst kürzlich von Joy Denalanes Mann Max Herre für sein Plattenlabel Nesola entdeckt wurde.

Dendemanns flinke Reime lassen Hände fliegen

Kammermusik-Atmosphäre in der Columbiahalle, stürmisches Kontrastprogramm im benachbarten Columbia. Dort bebte der Clubboden beim Auftritt von Rapper Dendemann. Sein Markenzeichen ist die kratzige Stimme und die witzigen Alltagstexte: der Wahlhamburger, der gerade sein Soloalbum "Die Pfütze des Eisbergs" veröffentlicht hat, pustete die Gehörgänge mit flinken Reimen durch. Auch wenn er von Gangsterbräuten erzählt - der Ex-Eins-Zwo-Rapper ist kein Freund des Rap-Posings, sondern exerziert Banales scharfsinnig und bringt Komplexes auf den Punkt. Klatschende Hände ragten in die Höhe, Mädchen hüpften vor den Füßen ihrer männlichen Begleiter, Baseballkappen wippten im Takt, good vibrations zum Aufsaugen.

Konkurrenz für Viva und MTV

Zum Schluss noch eine gute Nachricht: Jamba - have it or hate it: Dieser doch genial selbstironische Werbespruch prangt über dem riesigen Stand des Klingeltonanbieters. Eine gute Nachricht gibt es für alle, die zur Hassfraktion gehören: Ex-Universal-Music-Chef Tim Renner hat auf der Popkomm Motor TV gestartet. Endlich gibt es wieder Musikclips ohne nervige Klingeltonwerbung und Teenie-Doku-Soaps zu sehen. Motor TV wird zunächst nur im Internet zu sehen sein. Mit Motor FM betreibt der Unternehmer ja schon einen in Berlin äußerst beliebten Independent-Musik-Radiosender, der außerhalb der Hauptstadt über Internet gehört werden kann.