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Interview

Daniel Brühl: "Ich stand wie ein Zwölfjähriger vor dem Plakat und habe Fotos für meine Mutter gemacht"

Ein Filmstar war er schon, jetzt hat Daniel Brühl mit "Die Einkreisung" seine erste große Serien-Hauptrolle ergattert. Mit dem stern sprach der 39-Jährige über seinen Ruhm in Hollywood - und verriet, was ihm Angst macht.

Daniel Brühl

Daniel Brühl im Februar dieses Jahres bei der Premiere seines neuen Films "7 Tage in Entebbe" auf der Berlinale.

AFP

Berlin-Mitte, ein sonniger Nachmittag im März. Im Restaurant "Bocca di Bacco" lunchen die Business-Project-High-Performer. Daniel Brühl sitzt abseits von ihnen im hinterem Teil des Lokals. Als ein Kellner kommt, bestellt Brühl im fließenden italienisch einen Caffè Americano, woraufhin sich ein herrlicher Small-Talk über den italienischen Superstar-Schauspieler Pierfrancesco Favino entspinnt, mit dem Daniel Brühl einmal vor der Kamera stand. "Pierfancesco Favino! Mein Gott! Er ist mein Held! Und du kennst ihn?", ruft der Kellner entzückt vor lauter Fananbetungshysterie.

Manchen muss man es vielleicht noch mal erklären: Daniel Brühl, der als guter Sohn aus "Good Bye, Lenin!" hierzulande bekannt wurde, ist inzwischen einer der wenigen deutschen Schauspieler mit Weltruhm, obwohl sie in Hollywood seinen Nachnamen immer noch nicht richtig aussprechen können. Dort nennen sie ihn hartnäckig Daniel Bruuhl. Aber, was soll’s, kümmert ihn nicht. Brühl weiß, was er kann.

1994 stand er in den Ikea-Kulissen der TV-Soap "Verbotene Liebe" in Köln, heute adelt ihn das Branchenblatt "Hollywood-Reporter" als "Hollywood’s answer to the global everymen", was in einfachen Worten heißt: diesem Bruhl trauen die Produzenten in Hollywood inzwischen eigentlich jede Rolle zu. Auch die Hauptrolle in einer 50-Millionen-Dollar-Produktion vor einem globalem 125-Millionen-Zuschauer-Publikum: in der Netflix-Mystery-Crime-Serie "Die Einkreisung" hat der 39-Jährige nun seine erste große Serien-Hauptrolle ergattert.

Herr Brühl, alle Welt spricht vom goldenen Zeitalter des Streaming-TVs. Wie kam es dazu, dass der Kinostar Daniel Brühl nun auch Teil des Universums wird?

Ich war ja schon seit längerer Zeit auf der Suche nach einer Serien-Rolle. Ich habe eigentlich nur auf das richtige Format gewartet. Bei "Der Einkreisung" hat mich gleich diese Welt fasziniert. Dieses düstere New York 1896. Der Clash der Kulturen. Die Korruption der Polizei und der Politik und gleichzeitig der Beginn der Kriminalpsychologie. Es war eine Welt, die ich als Kind mit Taschenlampe im Bett in mich aufgesogen hatte. Bücher von Edgar Allan Poe oder Geschichten über Sherlock Holmes. Die Romanvorlage der Serie, "The Alienist" des amerikanischen Schriftstellers Caleb Carr ist auch so ein Page-Turner.

Wie waren die Dreharbeiten?

Ich lasse mich eigentlich nicht schnell einschüchtern, aber als ich das erste Mal ans Set kam, war ich schon überwältigt. Die Macher haben komplette historische Straßenzüge des alten New Yorks nachgebaut. Sogar den Komparsen wurden eigene Kostüme geschneidert. Als Schauspieler habe ich auch schon erlebt, wie in einem Drehbuch stand: 500 Komparsen, 200 Pferde, 50 Kutschen. Aber dann kommst du ans Set und dann stehen nur: ein alter Gaul, zwei Komparsen und eine Kutsche. Es geht ja immer darum, die Magie und die Glaubwürdigkeit der dargestellten Zeit für den Zuschauer einzufangen, aber das ist natürlich nur mit enormen finanziellen Mitteln möglich. Diese Serie ist sehr opulent gemacht. Der Druck auch für mich dementsprechend groß, als Hauptdarsteller etwas Gutes abzuliefern.

Die Serie hat 50 Millionen Dollar gekostet. Hatten Sie große Angst, die Sache in den Sand zu setzen?

So etwas wie ein paar Selbstzweifel gehören immer dazu, aber das legte sich schnell. Noch glücklicher war ich natürlich darüber, dass die Serie in den USA ein Millionenpublikum erreicht hat. Als ich neulich in Los Angeles war, hing auf dem Sunset Boulevard ein gewaltiges Werbeplakat mit meinem Gesicht drauf. Das sind so Momente, wo ich innehalte. Ich stand da wie ein Zwölfjähriger vor dem Plakat und habe Fotos mit dem Handy für meine Mutter gemacht.

Inzwischen gelten Sie in Hollywood als globales Gesicht des Kinos. Sie sprechen vier Sprachen fließend und haben den vergangenen Jahren neun Figuren mit unterschiedlichen Nationalitäten gespielt.
Ich hatte das Glück, in eine sprachlich sehr gemischte Familie hineingeboren zu werden. Mein Vater ist Deutscher, meine Mutter Spanierin. Mein Onkel hat eine Französin geheiratet, und ich habe auch viele Verwandte in England. Ich habe Sprachen schon als Kind aufgesogen.

In welcher Sprache fühlen Sie sich am wohlsten?
Deutsch und Spanisch. Aber ich träume in allen möglichen Sprachen. Das kommt immer darauf an, wo ich gerade bin. Wenn ich längere Zeit in den USA bin, werden die Träume plötzlich englisch. Jede Sprache hat für mich als Schauspieler Stärken und Schwächen, weil sie mit der jeweiligen Kultur verknüpft ist. Das ist das Geniale an Europa. Du erkennst die Menschen nicht nur anhand ihrer Sprache, sondern dazu kommt auch eine bestimmte Körpersprache, eine spezielle Mentalität, eine Haltung.

Können Sie ein Beispiel dafür geben?
Es ist zum Bespiel einfacher in Englisch lustig zu sein, weil diese Sprache schnell auf den Punkt kommt mit wenigen Worten. Dagegen wirkt Deutsch auf Fremde oft hart und etwas befremdlich, dabei ist es ja eigentlich eine sehr romantische Sprache. Aber meine spanischen Freunde dachten oft, ich würde mich mit meiner Mutter am Telefon streiten, wenn wir miteinander deutsch sprachen. Für mich war es immer wichtig, mich als Schauspieler nicht nur an einen Markt zu binden. Ich wollte nie der deutsche Lokalmatador sein, sondern in allen Sprachen, in allen Länder spielen, was natürlich den Effekt hat, dass sich manche Leute fragen: Woher kommt der eigentlich? Was sind seine Wurzeln?

Sie wurden in Barcelona geboren und wuchsen in Köln auf, heute leben Sie mit Ihrer Familie in Berlin. Wo fühlen Sie sich zuhause?
Ich fühle mich als Europäer und mein Zuhause ist zurzeit in Berlin, aber ich bin auch oft in Barcelona.

Sie waren trotz Ihres Talents als Schauspieler und Ihrer polyglotten Sprachbegabung lange Zeit auf die Rolle des deutschen Coming-Of-Age-Jungen festgelegt, den Sie in "Good Bye, Lenin!" spielten. Was brachte die Wende?
Die kam mit Quentin Tarantino, der mir 2009 eine Rolle in "Inglourious Basterds" gab. Auch Christoph Waltz und Diane Kruger spielten mit und wurden so in Hollywood anders wahrgenommen als zuvor. Er hat uns allen die Tür aufgestoßen. Ich werde heute noch immer in den USA auf diesen Film angesprochen. Als ich noch jung war, wurden auch die deutschen Rollen von Amis gespielt. Das ist heute anders. Das Kino hat sich in einem sehr positiven Sinne globalisiert. Es herrscht ein reger Austausch und die Neugierde auf europäische Filmstoffe und Schauspieler ist enorm gewachsen in Hollywood.

Wenn amerikanische Kollegen nach Berlin kommen, geben Sie gerne auch mal den Berlin-Reiseführer.
Ja, das stimmt. Als ich vor ein paar Jahren auf dem Bezirksamt in Berlin stand, klingelte plötzlich mein Handy. Es war Robert Downey Jr. Er sagte: "Bruhl! I am in town! Let’s go out! Show me around!" Ich habe ihm dann ein bisschen was von Berlin gezeigt. Inzwischen habe ich eine Liste von zehn meiner Lieblings-Spots in Berlin, die ich als Mail an befreundete amerikanische Kollegen verschicke, bevor sie in die Stadt kommen.

Auch mit Philip Seymour Hoffman zogen Sie mal durch Berlin. Sie standen für den Film "A Most Wanted Man" gemeinsam vor der Kamera. Kurz darauf ist er an einer Überdosis Heroin gestorben.
Philip war ein Vorbild, ich halte ihn für den größten Schauspieler meiner Generation. Wir hatten zwei wunderschöne Abende in meiner Tapas-Bar in Berlin. Er hat den Laden geliebt und hat mir noch eine Widmung in das Gästebuch geschrieben.

Hat Sie sein Tod überrascht?
Ja, das war ein großer Schock. Er hatte etwas Brüchiges und Fragiles. An seiner Leibesfülle sah man auch, dass er nicht einer der typischen Hollywood-Fitness-Freaks war. Und ich kannte auch die Drogengeschichten über ihn, aber er hat in meiner Gegenwart nicht mal Alkohol getrunken. Wir haben alle nichts gemerkt.

Ihr Vater, Hanno Brühl, arbeitete als TV-Regisseur. Hat er Sie vor den Abgründen der Star-Branche gewarnt?
Ja, klar. Er wusste aus eigener Erfahrung mit vielen Schauspielern, dass dieser Beruf schwierig ist, wenn du einen labilen Charakter hast. Es gibt Schauspieler, für die ist der Filmzirkus wie eine Ersatzfamilie. Die fallen dann in ein schwarzes Loch, wenn sie wieder zuhause alleine sind. Wenn ich heute mit jungen Kollegen spreche und die sagen über ihre Motivation zum Beruf: "Ich will das, weil ich auf dem roten Teppich stehen und um die Welt reisen...", dann sage ich denen gleich: "Lass es lieber." Das Herumreisen, das Leben in der Warteschleife in einem Wohnwagen auf einem Set und das Posieren auf einem roten Teppich - das sind alles Dinge, die mir gar keine große Befriedigung geben, sondern eigentlich das Anstrengendste an diesem Beruf sind.

Verklemmen Sie noch, wenn Ihnen Stars wie Scarlett Johansson oder Helen Mirren das erste Mal gegenüber stehen?
Die richtig guten Kollegen lassen dich in drei Sekunden vergessen, mit wem du gerade sprichst. Neulich habe ich mal Robert De Niro die Hand geschüttelt. Das war ein surrealer Moment. Aber er gab mir sein typisches Robert-De-Niro-Kopfnicken und alles war ganz entspannt. Ich mache mir dann eher wegen anderer Dinge in die Hose.

Was meinen Sie?
Als ich mich auf meine Rolle in "Captain America" vorbereitet habe, eine 200-Millionen-Dollar-Marvel-Produktion, musste ich das streng geheime Drehbuch immer in einen Safe einschließen. Und wenn ich es im Flugzeug las, setzte ich mich beim Schlafen darauf. Und wenn ich auf Klo musste, nahm ich es lieber gleich mit.

"Die Einkreisung" ist ab sofort auf Netflix abrufbar. Ab dem 3. Mai ist Brühl in dem Thriller "7 Tage in Entebbe" in den deutschen Kinos zu sehen. 

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